Otto Falckenberg war kein Nazi?

von Sophie Diesselhorst

München, 12. Februar 2016. Achtung, Spoiler! Die Otto Falckenberg Schule wird NICHT umbenannt. Zumindest, wenn es nach den 13 Schauspiel-Student*innen ihres aktuellen 3. Jahrgangs geht, die in den Münchner Kammerspielen das Verhältnis der Schule während der Intendanz Falckenberg (1917-1944!) zur "Reichstheaterkammer" der Nazis beleuchten. Tatsächlich beleuchten sie, immer ist mindestens einer der zwei Scheinwerfer besetzt, die auf der runden Bühne im kleinen Werkraum der "Kammer 3" die Akzente setzen.

Sie haben sich für ihre Recherchezeitreise in Kostüme geworfen, wie sie die Schauspieler*innen in den 30er und 40er Jahren auf der Bühne der Kammerspiele getragen haben mögen: Da ist eine Luise Millerin mit akkurat um den Kopf gewickeltem Blondzopf und hochgeschlossenem schlichtem Bürgerkleid, ihr Ferdinand trägt gepuderte Perücke und schweren Rock, da sind Oberon und Titania mit antikisierenden Wallefaltenkleidern und skurrilen Fascinators auf dem Kopf. Zusammen sind sie das Ensemble der "Bella Isola", als die Falckenberg, so buchstabiert es der Abend nuancenreich aus, seine Kammerspiele vor der Unbill der Zeit abzuschirmen suchte.

Falckenberg als eitler Hausherr

"Ich habe Kunst nie mit Politik verwechselt" wird Falckenberg zitiert und porträtiert als feinsinniger, eitler Hausherr, der zunächst "nur" zweifelhafte Kompromisse einging, um seine Kammerspiele zu schützen, also zum Beispiel seinen Schauspieler Willy Dohm auf das entsprechende Ansinnen der "Reichstheaterkammer" hin nötigte, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Sein Vogel-Strauss-Syndrom hat aber auch einen starken Resonanzboden im Münchner Bürgertum gehabt, wenn zum Beispiel seine "Kabale und Liebe"–Inszenierung, schon zu Kriegszeiten, in einer von den Rechercheur*innen zitierten Rezension von damals als "Rausch, der alle politischen Nöte vergessen ließ" beschwärmt wurde. Eine Stunde Applaus hätte es gegeben! "Na klar hätte ich gerne unter Falckenberg gespielt!" sagt einer der Studenten.

 Reichstheaterkammer 560 FedericoPedrotti uChaos in der "Reichstheaterkammer" © Federico Pedrotti

Die ganz großen Fragen

Bei aller Ausgewogenheits-Glaubwürdigkeit wird nicht verschwiegen, dass Falckenberg auch Brecht-Uraufführer war und zu Kriegsbeginn Shakespeares "Troilus und Cressida" als Anti-Kriegs-Dystopie auf den Spielplan setzte. Wenn Maj-Britt Klenke sich in einen der Spieler von damals imaginiert: wie gut es gewesen sein müsse, diesem Volk, verkörpert durch ein konkretes Publikum, ins Gesicht zu schleudern: "Unzucht, Unzucht; lauter Krieg und Liederlichkeit, die bleiben immer in der Mode" – dann stehen große Fragen im Raum zur Bedeutung und Verantwortung der Kunst: Wie gefährlich blendend kann es sein, sich von ihr erhoben zu fühlen? Und hätte man sie nicht eigentlich in dieser Situation benutzen müssen?

Nein, niemand darf sie benutzen. Und die gefährlichste, weil lächerlichste Instrumentalisierung, droht ihr durch ihre vermeintlichen Bewahrer, das ist wohl die deutlichste These dieses manchmal ein bisschen zur Verzettelung neigenden, aber grundsätzlich von seinem Neugier-Enthusiasmus getragenen Abends, die in einer Zitatcollage gen Ende auch mal kurz in die Gegenwart enggeführt wird, wenn Leander Haußmann in Reaktion auf die Causa Hermanis mit dem Satz "Theater muss der Ort sein, an dem die Gegenwart auch mal Hausverbot hat" zitiert wird und Michael Thalheimer mit seiner Angst, dass sich das Theater mit seinem #RefugeesWelcome-Aktivismus selbst abschaffen könnte.

Reichstheaterkammer1 560 FedericoPedrotti uVorbereitungen zum Abheben in den Kammerspielen München © Federico Pedrotti

Ein Stadttheater von Nazis Gnaden

Falckenberg jedenfalls korrumpierte seine Sorge um sein "Reich des reinen Spiels" so weit, dass die Kammerspiele 1939 zum Stadttheater von Nazis Gnaden wurden, was immerhin eine Erhöhung der städtischen Subventionen von 30.000 auf 100.000 Mark bedeutete, aber auch schlechte Stücke des Heimat-Autors Josef Wenter auf dem Spielplan und einen "Verwalter", der die politische Atmosphäre im Haus auf ihre Richtigkeit überprüfte. Noch 1944 wurde Falckenberg auf Hitlers "Liste der Gottbegnadeten" (i.e. fürs Reich unentbehrlichen Künstler, die nicht zur Wehrmacht eingezogen wurden) aufgenommen. Warum die Schule dann 1948 (!) nach ihm benannt wurde (nach seiner offiziellen Entnazifizierung), auf diese Volte geht die Inszenierung nicht mehr ein, aber auch so ist es in seiner Ehrlichkeit schön, wie in der abschließenden, zwischen pro, contra und Enthaltung fast gleich ausgehenden Umbenennungs-Abstimmung der Differenzierungswille und das Nachdenken behauptet werden. Auch wenn das starke politische Statement natürlich im Endeffekt gescheut wird.

 

Reichstheaterkammer
Eine Recherche des 3. Jahrgangs der Otto Falckenberg Schule
Regie: Malte Jelden, Bühne: Jil Bertermann, Kostüm: Bettina Werner, Video: Moritz Schleissing, Licht: Michael Pohorsky, Dramaturgie: Sabrina Schmidt.
Mit: Henrike Commichau, Marie-Therése Fischer, Julian Felix Haberler, Mira Huber, Maj-Britt Klenke, Fabian Kulp, Jannik Radke, Fabian Ringel, Hannah Schutsch, Anna Striesow, Mona Vojacek Koper, Maximilian von der Groeben, Vincent zur Linde.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Das Schöne an dem Abend ist, dass er mehr ist als historische Offenbarung", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (15.2.2016) – "da würde man Manches tatsächlich gern noch genauer wissen." Doch die Schüler versuchten eben auch, "sich Theaterarbeit in der Nazidiktatur vorzustellen – und ahmen den hohen Ton in mancher Szene nach –, versuchen, selbst eine Haltung zu finden." Der Abend zeige Theater als einen Ort, "an dem man Wirklichkeit ausblenden will und es doch nicht kann. Ein spannender Abend, gut zum Weiterdenken."

 

 
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