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Die Welt geht auseinander wie ein fauler Fisch 

von Christian Rakow

Berlin, 12. Februar 2016. Drei Jahre ist es her, dass das inklusive Theater so etwas wie seinen Ritterschlag erhielt, mit Jérôme Bels "Disabled Theater" auf dem Berliner Theatertreffen 2013. Getragen von einem Pionierpathos, das munter über zig Jahre Bühnenarbeit von Spieler*innen unterschiedlichster geistiger und körperlicher Eigenheiten hinwegwischte, traten dort Akteure (vom inklusiven Theater Hora) an die Rampe und proklamierten: "Ich bin… –  und ich bin Schauspieler." Wer da nicht verblüfft die Pausbacken plusterte – ich zum Beispiel –, dachte betreten bei sich: "Ja eh, spielt halt!"

Das Berliner Ensemble der Integrationsästhetik

In Berlin spielt das Theater RambaZamba seit 1990. Und das, wie mir jetzt in der Erstbegegnung scheint, mit genau der Selbstverständlichkeit, die man sich wünscht, wenn man Bühnenräume  betritt: mit einer Kunst, die nicht nach Legitimation schielt, sondern die sich setzt, die nicht erst ihren Raum ausmisst, sondern ihn aus sich heraus behauptet.

RambaZamba seien so etwas wie das Berliner Ensemble der Integrationsästhetik, sagten mir Kollegen, die sich im Metier weitaus besser auskennen. Und das ist nicht von der Hand zu weisen, zumal an diesem Abend, an dem mit "Der gute Mensch von Downtown" locker Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" variiert wird. Regisseurin Gisela Höhne, Mitgründerin und seit 2011 alleinige Leiterin des Theaters, setzt auf Verwandlungskunst alter Schule, auf sorgsame Verfremdungseffekte und Kommentierungen, die die Parabel punktuell mit Gegenwart anreichern. Die Götter, die im Prolog bei Brecht kein Obdach finden, werden hier sogleich als "Flüchtlinge" von der Türschwelle verwiesen: "Das kennt man doch: Einreisen, Klauen, Vergewaltigen – Köln."
DerGuteMensch 560 MelanieBuehnemann uGötter und Engel haben hier nichts zu lachen. Juliana Götze (Besche Ju), Zora Schemm (Besche Zo) und Eva Mattes (Erzengel Gabriel) © Melanie Bühnemann

Einer dieser Götter bzw. Erzengel (der Abend läuft ja frei nach Brecht) ist die große Fassbinder-Schauspielerin Eva Mattes, eine Freundin der BE-Ausnahmespielerin Angela Winkler, deren Tochter Nele eine der Ensemblegrößen von RambaZamba ist. Wie frisch geschlüpft, tastet sich Mattes in ihre Nebenrolle hinein, zuckt mit dem Kopf unablässig hin und her, eher ein Vogel denn ein Engel. Irgendwann wird Nele Winkler sie in der Rolle des Himmelsboten ablösen und Mattes auf die Bühne schicken, ins Getümmel der Menschen. Schroff lässt sie Anweisungen niederprasseln, sagt Text vor. Mattes repetiert ihn brav. Ein eindringlicher Moment von Regiediktatur, wie  eine Reminiszenz an Monster Trucks prägende Inklusionsperformance "Dschingis Khan". Überhaupt  fasziniert der Abend dort, wo er sein eigenes Repräsentationskorsett infrage stellt, wo er den Drill im Dienste der ästhetischen Form sichtbar macht.

Was soll ich tun?

Noch in der Eingangssequenz lässt eine launig herrische Meriam Abbas als Betreuerin mehrere Menschen mit Down-Syndrom nach ihrer Pfeife tanzen. Spiel dies, mach das! Die Truppe rennt im Kreis, greift sich Requisiten auf Kommando. Subtil wechselt die Szene hinüber zur ethischen Grundsatzfrage: Kann ich als "guter Mensch" gelten, wenn ich nicht voll verantwortlich für mein Tun bin? Die abstrakte Frage bleibt selbstredend unbeantwortet. Das Spiel, das die Menschen im Dialog zeigt, ihre Hilfe füreinander und ihre Abwehrregungen, wird den Fingerzeig liefern. Gut sein heißt: zugewandt sein.

Bald kristallisieren sich drei Protagonistinnen als "gute Menschen" von "Downtown" heraus. Es ist eine kollektive Rolle, die bei Brecht Shen Te innehat: Nele Winkler, Juliana Götze und Zora Schemm, drei seit Jahren führende Köpfe des RambaZamba-Ensembles. Sie erhalten ein Teehaus von den Engeln (bei Brecht war es noch ein Tabakladen) und witzeln anspielungsreich locker zur Jazz-Band hinüber: "Ist das selbstgedrehte Musik?" Bald werden die alten Kumpels aus der Downie-WG eintreffen, der Raum wird knapper, die Kosten nötigen zu radikalen Mitteln. Während bei Brecht noch der streng kalkulierende Vetter Shui Ta aufkreuzte, verkleiden sich die drei "guten Menschen" bei Höhne in maskierte Milizionäre, ohne dass daraus größere Funken geschlagen würden.

DerGuteMensch1 560 MelanieBuehnemann uDie Teestube der guten Menschen: Juliana Götze, Nele Winkler und Zora Schemm.
© Melanie Bühnemann
Suggestiver wird es, wenn es konkret um die Rolle als "Behinderte" geht. Die drei Heldinnen machen Geld, als sie anfangen, sich zu verkaufen –  mit aufreizendem Tanz in angedeuteten Dessous. "Leute mit Down-Syndrom sind gerade im Trend“, sagt ihnen der Nachtclubbesitzer. "Ich bin kein Trend" rebelliert Nele Winkler. Es klingt wie Pollesch. Nicht nur hier. "Du bist ein Flittchen!" – "Was? Ich bin kein Frettchen!" So hüpft manch Dialog der Wahrheit entgegen.

Sicher, der Abend könnte mehr von solch anarchischen Widerhaken vertragen. Anderswo, etwa bei den Kalibanis von Höhnes Ex-Mitstreiter und RambaZamba-Mitgründer Klaus Erforth, geht es karnevalesker, happeningmäßiger, befreiter zu. Dort stürzt man mitten rein ins Gewühl. In Höhnes "Downtown" bleibt der Betrachter clean vor der vierten Wand, streift nur in Gedanken hinüber zur berückend dunklen Bühne von Angelika Dubufé, einer New York-Phantasie mit Mülltonne und viel Unrat zwischen einem Wald aus Lametta.

Aphorismen wie Wetterleuchten

Höhnes Projekt entfaltet seine Stärken in winzigen verbalen Volten. Aphorismen zucken wie ein Wetterleuchten: "Die Welt geht auseinander wie ein fauler Fisch. Wir wollen sie nicht balsamieren."  Einzelauftritte bezaubern: Jan-Patrick Kern als grunzender Monteur, der die "guten Menschen" zur Kasse bittet – groß!

RambaZamba spricht nicht von "Behinderten", sondern von "Menschen mit einer anderen geistigen Ordnung", sagt Gisela Höhne in einem Tagesspiegel-Porträt. Carl Einstein kommt in den Sinn: "Die Negation besagt gar nichts, ebenso wenig die Bejahung. Das Künstlerische beginnt mit dem Wort anders." Kunst muss den weiten Weg nehmen, um das einfachste und kürzeste zu sagen. So wie Zora Schemm als Besche Zo in dem Augenblick, da sie ihren Geliebten (Moritz Höhne) vom Selbstmord abhält. Sie beugt sich über ihn, ganz leise, wie am ersten Tag, als hätte man es nie gehört: "Wenn du tot bist, kannst du nicht fühlen, wie warm die Sonne ist."

Der gute Mensch von Downtown
Theaterstück inspiriert von Bertolt Brecht und der Bibel, von alten Quellen und neuen Katastrophen
Buch und Inszenierung: Gisela Höhne, Bühne: Angelika Dubufé, Kostüm und Maske: Beatrix Brandler, Kompositionen: Ernst Bechert, Choreographie: Kerstin Rünzel, Dramaturgie: Hans Nadolny, Bettina Bartz.
Mit: Meriam Abbas, Debrecina Arega,Juliana Götze, Mario Gaulke, Moritz Höhne Hans-Harald Janke, Jan-Patrick Kern, Franziska Kleinert, Cornelia Kempers/Aaron Smith, Eva Mattes, Joachim Neumann Rita Seredßus, Zora Schemm, Sebastian Urbanski, Jonas Sippel, Nele Winkler, Michael Wittsack
Musiker: Ernst Bechert, Stefan Dohanetz, Moritz Höhne.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-rambazamba.org



Kritikenrundschau

"Didaktik und sinnliches Spiel vereinen sich bei RambaZamba auf erstaunliche Weise", lobt Hartmut Krug für die Deutsche Bühne online (14.2.2016) diesen Abend. "Es ist dies eine ungemein unterhaltsame, immer wieder auch anrührende, schauspielerisch zu einem eigenen, überzeugenden Stil führende Inszenierung. Eben einfach gutes Theater."

Eva Mattes, die "Anti-Diva" füge sich wunderbar in die RambaZamba-Gruppe "ein und scheint die unvertraute, weil unpsychologische Art der Darstellung richtig zu genießen", schreibt Irene Bazinger in der Berliner Zeitung (15.2.2016). Die Stückhandlung und "die eingefügten Debatten ('Dürfen Behinderte Kinder haben?') werden phantasievoll und vergnüglich gezeigt"; das Ensemble singe und tanze "mit dem Herzblut und der entwaffnenden Kunstfertigkeit, für die es immer wieder ausgezeichnet wurde“, sagt die Kritikerin. "Dass irgendwann ein wenig der rote Faden verloren geht und manches etwas länglich wirkt – geschenkt angesichts des Engagements aller Beteiligter und der Intensität dieses schwungvoll runden Abends."