Mutter Elses Fahrt zum Himmel

Von Andreas Wilink

Düsseldorf, 12. Februar 2016. Das blaue Klavier steht auch da. Und eine Reihe Stühle. Die besetzen zwar gedanklich ebenfalls Wuppertal, aber nicht so sehr Else Lasker-Schüler, als vielmehr Pina Bausch: Caféhaus-Stühle, will sagen: "Café Müller", uraufgeführt 1978. Die Grenzen sind also durchlässig. Die ehemals Ausgegrenzten – die Elberfelder Bankierstochter, die sich als "Prinz Jussuf von Theben" ins gelobte Land der Poesie träumt, und die anfangs als Choreografin befehdete Wahl-Wuppertalerin – scheinen zu rufen: Komm, tanzt mit mir. Roberto Ciulli gibt den Zeremonienmeister.

Aufstieg aus dem Unterbewussten

Schon bevor es losgeht, sitzt er im Lichtkreis mit zwei aufmerksamen Fräuleins im Look des Wilhelminismus zu seinen Füßen, die wie das Else-Kind damals mit Knöpfen hantieren und dem raunenden Alten lauschen, der aus dem Lebens- Märchen der "ELS" fabuliert, deren Rolle er alsdann selbst übernimmt, so dass die "Wupper"-Erzählung aus seinem Unbewussten aufsteigt und seine Vorstellung die Figuren überhaupt erst erfindet.

diewupper ensemble 560 sebastianhoppe uDas Ensemble liest sich ein © Sebastian Hoppe

Einen Tag nach Lasker-Schülers 147. Geburtstag, dem 11. Februar, zeigt das Düsseldorfer Schauspielhaus in Koproduktion mit dem Theater an der Ruhr "Die Wupper": eine "böse Arbeitermär, die sich nie begeben hat, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift", so die Autorin über ihr 1909 verfasstes, erst 1919 uraufgeführtes Drama. Sie behauptete, es in einer einzigen Nacht niedergeschrieben zu haben. Ein Nachtstück ist es jedenfalls. Zwar hört man in der durch eine gemeinsame Verfallslinie verbundenen doppelten Familiengeschichte aus dem Industriezeitalter – hier die Arbeiter-Sippe Pius, dort die Fabrikanten Sonntag, mit denen es bergab geht – gewissermaßen das Rattern der Webstühle und riecht den Geruch der Färber, aber vernehmlicher klingen die Melodien aus dem Phantasus durch. Denn "Zaubern heißt des Dichters Handwerk", so die 1945 in Jerusalem gestorbene jüdische Dichterin.

Das gilt auch für das Handwerk des Regisseurs. Roberto Ciulli, der magische Realist aus Mailand und Mülheim, macht sich seinen eigenen Reim auf "Die Wupper". Er schlägt das Traumbuch auf und lässt nicht naturalistisch uniformiert à la Hauptmann spielen. Im Düsseldorfer Central "pocht sterbensmüde eine Sehnsucht an die Welt", denn besser als mit der Lyrikerin Lasker-Schüler, deren Gedichte in Ciullis wenig festgefügte dramatische Gerüst-Fassung eingehängt sind, lässt es sich nicht sagen.

Episodenhaftes Schweifen

"Du dichtest ihn dir, Eduard", meint Mutter Sonntag mit kaltem Blick auf Carl Pius, den Unterklasse-Freund ihres nicht nur auf der Lunge schwachen Sohnes. Ähnlich dichtet sich Ciulli die Lasker-Schüler – in seiner Selbstdarstellung: als Beschwörerin des Imperfekts, episches Monument und zentrale Randfigur. Ciulli, der sich als ELS einen Joint reinzieht, imaginäre Tauben füttert, auf der Flöte spielt, wie ein Medizinmann in blauen Papierblumen stöbert und diese später rührend begießt, assoziiert in seinem Traumspiel sozusagen unfrei entlang einer historischen, kulturellen und deterministisch-biologischen Verfallslinie. Es geht um Kindesmissbrauch, um die Bücherverbrennungen der Nazis, um Kirchenkritik, um Kritik am kunstfeindlichen Konsumieren und um den deutschen Marschtritt, vor dem ELS niederstürzt.

diewupper robertociulli 560 sebastianhoppe uAllein auf weiter Flur: Roberto Ciulli ©  Sebastian Hoppe

Um den Seiteneinsteiger Ciulli herum mit seinem "verwanderten Gesicht" (Lasker-Schüler) mischen sich auf leerer schwarzer Fläche die Gestalten des Stücks und schweifen episodisch. Jeder von ihnen ebenso peripher wie das Stadtstreicher-Trio, der gläserne Amadeus, die Lange Anna und Penderfrederech mit ihren drollig-kaputten Einlagen. Da ist Eduard, der kranke Träumer (Albert Bork), weltentrückt wandelnd "wie durch einen duftenden Psalm". Ihn umarmt ELS, denn selig sind die friedvollen Poeten. Da ist der fanatisch religiöse, verkümmernde Carl (Fabio Menéndez), der Pastor werden will. Da der mörderische Kinderschänder Heinrich Sonntag (Achim Buch), der den Mädchen nachsteigt und sie hinters Klavier zerrt, dem Geheimort für das Verbotene. In der im Fortschrittswahn befangenen Gründerzeit verzehrt sich eine Gesellschaft zwischen verkümmerter Frömmigkeit, verklemmter Trieb-Nachgiebigkeit und verpönter Lust. In der stärksten Szene wird das arme "Püppchen" Lieschen (Dagmar Geppert) in einem Dressurakt kirre gemacht, geschändet, getötet und an den Haken gehängt.

Ciulli beweist Courage

Die Inszenierungs-Collage zerlegt Bild und Ton, Wort und Spiel – in eine akustische Hörspielfassung im Surround-Sound und in die zumeist stumme Bühnen-Pantomime. Traumlogik auch hier. "Haste Töne?", könnte man Ciulli fragen. Mut hat er ja, in seinem 82. Lebensjahr, die bequeme und bequem gewordene Theaterkonvention mit einem ungemütlichen, sich selbst matt setzenden Reflexions-Bilderbogen störrisch zu unterlaufen (auch wenn er seinen Stilformen treu bleibt) und ihn zudem derart mit Bedeutung aufzuladen, dass man sich einiges an Beiläufigkeit gewünscht hätte. Mutter ELS’ Fahrt zum Himmel, der nur "ein Fetzen Paradies" ist, endet am blauen Klavier.

 

Die Wupper. Eine Performance
von Else Lasker-Schüler
Regie: Roberto Ciulli, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüme: Elisabeth Strauss, Musik: Matthias Flake, Dramaturgie: Helmut Schäfer.
Mit: Albert Bork, Rosmarie Brücher, Achim Buch, Manon Charrier, Roberto Ciulli, Matthias Flake, Dagmar Geppert, Katrin Hauptmann, Klaus Herzog, Luce Höltzener, Peter Kapusta, Bettina Kerl, Fabio Menéndez, Steffen Reuber, Volker Roos, Thiemo Schwarz, Simone Thoma, Petra von der Beek.
Dauer: 2 Stunden, ohne Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de



Kritikenrundschau

Im Grunde handele Lasker-Schülers Text ausschließlich von Sexualität, schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (15.2.2016). "Ciulli spitzt zu, wo die Autorin die krudesten Vorgänge elliptisch nur andeutet", er "befürchtete wohl, die Drastik des Geschehens könnte im pseudoromantischen Schmuck des Originals untergehen – eine Gefahr, die besteht, wenn man 'Die Wupper' oberflächlich liest." Der Abend strotze vor Selbstzitaten. Man könne sie "eitel finden, aber bei einem Magier wie Ciulli gehen sie ohne Weiteres in Ordnung."

Ciulli zelebriere "die Ausdruckskraft des reinen Spiels, sprachloses, kluges Assoziationentheater“, schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (16.2.2016). Es sei "berührend", wie Ciulli einer "Autorin, die ins Vergessen gleitet, Respekt zollt, wie er sie mit direkten Mitteln wie Pantomime oder Clownerie wieder lebendig macht." Zwar lasse sich Ciulli dabei "sehr viel Zeit" und "strapaziert störrisch die Geduld seines Publikums, verweigert jede Gefälligkeit". Aber das hat Methode, wie es die Kritikerin darstellt: "Ciullis Verneigung vor der überschwänglichen, hellsichtigen, enervierenden Else Lasker-Schüler ist ein anstrengender Abend. Auch darin wird er der Dichterin gerecht."

"Es ist eine virtuose Verweigerung, die Ciulli hier betreibt", berichtete Dorothea Marcus für den Deutschlandfunk (13.2.2016). "Anarchistisch-verspielt und provokant wie die Dichterin selbst lässt er dem Publikum kaum Chancen, in sein verinnerlichtes Lasker-Schüler-Universum einzutreten - zusehends leeren sich in Düsseldorf die Stuhlreihen. Zum Schluss setzt sich Ciulli sogar provokant mit dem Rücken zum Publikum auf den Stuhl und kommt einfach nicht zum End." Fazit: "Ein assoziativer, seltsamer Abend, auf den man sich einlassen kann – aber nur, wen man mit dem Werk der traurigen, großen Dichterin eng vertraut ist."

Für Jens Dirksen von Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (14.2.2016) ist dieser Abend "eine einzige, große, verehrungsvolle, nicht immer galante Verbeugung" vor Else Lasker-Schüler. Die "Szenen und Charaktere des ohnehin vogelwilden Stücks werden zum freien Spielmaterial, das in typischer Ciulli-Manier poetisch-surreal illustriert wird."

 

 
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