Dritte Ausfahrt Kalau light

von Christian Rakow

Neustrelitz, 13. Februar 2016. Manchem erscheint ja schon Frank Castorf nach 23 Jahren Amtszeit an der Berliner Volksbühne als Fidel Castro des Theaters. Wer wäre dann Wolfgang Bordel? Der Kaiser Wilhelm (wie es das gemein&nutzlos-Diagramm XXVI nahelegt)? Könnte passen. Schon weil Bordels Reich seit nunmehr 32 Jahren das Theater Anklam bei der wilhelminischen Bäderinsel Usedom ist. In Anklam kreuzten sich Castorfs und Bordels Wege. Der unliebsame Theater-Neuerfinder musste gehen und verabschiedete sich in Richtung Berlin; der Unterhalter mit Komödienfaible machte sich breit und blieb.

Schräge Töne

Inzwischen hat Bordel im Zuge des fortschreitenden Theater-Fusionsgeschäfts im Land Mecklenburg-Vorpommern auch die Häuser Neubrandenburg und Neustrelitz als Schauspieldirektor unter seinen Fittichen. Dem wuchtigen Theatermenschen mit dem Look von Harry Rowohlt eilt ein Ruf voraus. Saftig und populär soll es bei ihm zugehen. Wohlan! Shakespeares "Viel Lärm um nichts" ist heute im Neustrelitzer Schauspielhaus am Schlossgarten angesetzt. Als Beatles-Verschnitt. "Love Me Do oder Much Ado About Nothing" steht auf den Plakaten. "Do – Ado", Tun und Lärmen. Es ist das schönste Wortspiel dieses Abends.

VielLaermUmNichts 560 JoergMetner uIm Vordergrund die schöne Beatrice (Giulia Weis) mit dem eingefleischten Junggesellen Benedikt
(Marco Bahr). Und das zickige Wortakrobatenpärchen kommt doch zusammen in "Viel Lärm
um Nichts" © Jörg Metner

Guter Lärm braucht schräge Töne. Und Schrägheit hätte diese Inszenierung eigentlich in petto: einen Mönch, der lieber den Mephisto geben möchte und wie der Glöckner von Notre-Dame umherbuckelt (Sven Jenkel); einen gut gereiften Benedikt, der mit blonder Perücke ein wenig dem Berliner Steinzeit-Playboy Rolf Eden nacheifert (Marco Bahr) und sich zu allem Überfluss in die offenbar jüngste Akteurin des Ensembles vergucken soll, die ihre Beatrice als schwarz getönte Wiedergängerin der Pilzkopf-Ikone Astrid Kirchherr vorstellt (Giulia Weis). Auch sehen wir eine an sich recht erwachsen anmutende Hero (Isolde Wabra), die wie ein Jungmädchen beim Doktorspiel mit geschlossenen Augen ihre Schnute vorstreckt, wenn sie ihren Claudio (Michael Goralczyk) küsst.

Yellow Submarine Ambiente

Bordel lässt eine Kompaktversion der Komödie spielen: Das zickige Wortakrobatenpärchen Beatrice und Benedikt kabbelt und findet sich. Die tugendhafte Hero wird durch eine Intrige der Unkeuschheit geziehen und ihrem Claudio entzweit – aber alles klärt sich per Schnellgeständnis der Bösewichter auf. Den Chefintriganten Don Juan besetzt Bordel gegen Shakespeares Vorgabe als weibliche Rolle, mit der einprägsamsten Akteurin dieses Abends: Karin Hartmann, die ihrer "Donna Juana" die Präsenz einer Operndiva und einen guten Schuss Selbstironie verleiht. Der Besetzungscoup hat zwar wenig mit Bordels Programmheftthese tun, dass sich in diesem Stück eine "Männergesellschaft" disqualifiziere, aber sei's drum.

Die zweite These aus dem auskunftsfreudigen Programmheft-Interview, dass die Komödie, die ihre männlichen Helden als Kriegsheimkehrer zeigt, nutzloses komödiantisches Lärmen und Tumult gegen das andauernde Kriegswesen gestern und heute setze, hat immerhin für eine Rahmung in Prolog und Epilog durch den diabolischen Mönch getaugt. Das Hauptgeschehen bleibt von ihr praktisch unbeleckt. Es spult sich dienstfertig im angedeuteten Showbühnen-Ambiente nach Maßgaben des psychedelischen "Yellow Submarine"-Films von George Dunning ab (Ausstattung: Gesine Ullmann).

Was der Plattenspieler hergibt

So wie die Interpretationsansätze eher spärlich tröpfeln, so ist's auch mit den Zoten. Kostprobe Männersprech: "Du brauchst einen Ständer" – hö, hö, hö – sagt's und grinst und holt einen Mikrophon-Ständer. Drei Kilo mehr in dieser dissonanten Geisteslage und es hätte schon wieder einen eigenen Drive gekriegt. Doch statt Krachledernem und Krachendem gibt’s bloß Kalau light.

Und dann die Beatles. Redlich werden Evergreens abgefahren: von "Yellow Submarine" über "Sergeant Pepper" bis "Girl" oder "Michelle", was das Herz begehrt und der Plattenspieler hergibt. An keinem Punkt verschmelzen sie mit der Handlung, geschweige denn, dass sie ihr Energie zuführten.

Der beste Beatles-Lärmsong "Helter Skelter" fehlt natürlich. In einer der Anfangsszenen wird andeutungsweise ein Joint durchgezogen. Das Norwegian Wood! Und es wirkt, als kriegten alle Beteiligten hernach das Gras nicht aus den Köppen. Es quillt und chillt. Viel lau um nichts. Der Kritiker empfiehlt "Lucy In The Sky With Diamonds". Ein wenig LSD könnte der Chose aufhelfen.

Viel Lärm um nichts
von William Shakespeare, Fassung von Wolfgang Bordel nach der Übersetzung von Wolf Graf von Baudissin unter der Redaktion von Ludwig Tieck
Regie: Dr. Wolfgang Bordel, Ausstattung: Gesine Ullmann, Dramaturgie: Katrin Kramer, Chantal Obermair.
Mit: Marco Bahr, Michael Goralczyk, Karin Hartmann, Sven Jenkel, Michael Kleinert, Thomas Pötzsch, Fabian Quast, Lisa Voß, Isolde Wabra, Giulia Weis, Peter Dulke, Paulina Fabian, Franziska Groth, Emely Meier.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-und-orchester.de

 


Kritikenrundschau

"Ein amüsanter, teils flachwitziger, kurzweiliger Abend" ist es für Marcel Auermann vom Nordkurier (15.2.2016) gewesen. "Nicht mehr“. Der "einzigartige Moment" war für den Kritiker die Rezitation des Helene Fischer-Songs "Atemlos". Ansonsten "flutscht" die Inszenierung. Bordel habe das Stück in eine "glamouröse, aber eben falsche Showbiz-Welt" versetzt. "Alles in allem ist Shakespeares Original schon ziemlich entbeint, entkernt. Das Drama, das hinter dieser Komödie steckt, nur noch zu erahnen. Ergriffenheit gibt es keine mehr. Es regiert der Kalauer."

 

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