Schwellköpfe im Holzverschlag

von Elisabeth Maier

Tübingen, 20. Februar 2016. Pferde zertrampeln die Schädel von Menschen in den Angstträumen, die den Studenten Raskolnikow quälen. In einer engen Bretterbude hat Gernot Grünewald am Landestheater Tübingen Fjodor Dostojewskijs Roman "Schuld und Sühne" in Szene gesetzt. Fünf Spieler verkörpern 20 Rollen. An Mikrofonen sprechen sie Passagen des Klassikers, der im Jahr 1866 erschienen ist. Düster und schwer klingt die epische Sprache des Russen, die der Regisseur und seine Dramaturgin Kerstin Grübmeyer in ihrer pointierten Fassung auf die inneren Konflikte des Mörders reduzieren. Kollektives Erzählen ermöglicht einen distanzierten Blick auf die Handlung, die ab und an doch etwas antiquiert wirkt.

Schuld u Suehne 2 560 Felix Gruenschloss uMit dem Beil in die Freiheit? Michael Ruchter als Schwellkopf Raskolnikow
© Felix Grünschloß

Hochaktuell sind jedoch Dostojewskijs Aussagen über die Schuld, die Menschen im Lauf ihres Lebens auf sich laden. Die ungerechten ökonomischen Systeme, die jeden zum Verbrecher machen, prangerte der Russe im 19. Jahrhundert ebenso an wie die persönliche Schuld, die sich mit Raskolnikow, dem Protagonisten des Romans, verbindet. Das mag den Dostojewskij-Boom erklären, der an deutschen Bühnen zu beobachten ist – jüngst kam "Schuld und Sühne" auch in Frankfurt und München heraus, und schon in einer Woche zieht Halle mit der nächsten Fassung nach.

Das Genie als Mörder

Im engen Holzverschlag, der Michael Köpkes Bühne prägt, spiegelt sich die Geschichte in einem Maskenspiel, das die Psyche des Mörders nach außen kehrt. Im ersten Bild liegt der abgerissene Kopf eines Mannes auf dem geschotterten Boden. Stürmisch drehen die Schauspieler das leicht gezimmerte Bretterhaus, wenn die Bilder wechseln. Wie in einem Alptraum fängt die Videokamera die brutalen Szenen ein, was zuweilen an die verblichene Ästhetik von Stummfilmen erinnert. Da schlägt das Beil auf den Kopf der Pfandleiherin, die zu Boden fällt. Dominik Dittrich unterlegt die Szenen mit plätschender Klaviermusik, die die Emotionen langsam ins Unerträgliche steigert. Gefährlich nah schrammt Grünewalds insgesamt starke Arbeit am nostalgischen Kitsch vorbei. Mit kühler Distanz lösen die Schauspieler diesen Konflikt aber am Ende auf.

Schuld u Suehne 5 560 Felix Gruenschloss uAlptraum im Holzverhau © Felix Grünschloß

Wie Figuren aus Raskolnikows fiebrigen Fantasien wirken die übergroßen Masken aus Judith Mählers Werkstatt. Ernüchtert blickt der Student, der zum Mörder wird, in eine Welt, die für Genies keinen Platz hat. Energisch lässt Michael Ruchter seine Figur an die Grenzen des engen Bretterverschlags stoßen. Durch die Morde an der Pfandleiherin und ihrer Schwester versucht er, sich Freiheit zu verschaffen. Dennoch kann er nicht verhindern, dass sich seine Schwester Dunja, die Carolin Schupa bewusst grob in eine Opferrolle zwängt, an reiche Männer verkaufen muss. Als sie vom Gutsbesitzer Swidrigajlow, den Daniel Tille in seiner ganzen Kälte zeigt, fast vergewaltigt wird, offenbart sich der ganze Schmerz ihres Lebens in Armut. Die Lust eines Kriminalisten, Raskolnikows Beweggründe zu entlarven, kitzelt Raphael Westermeier aus der platt überzogenen Rolle heraus. Immer wieder nehmen die Schauspieler die Masken ab, sie zweifeln und zaudern. Das gilt besonders für Franziska Beyers zerbrechliche Hure Sonja, mit der Raskolnikow in Gefangenschaft die Liebe findet. Da spürt er zum ersten Mal, wie sein Herz schmerzt.

Ästhetik der Angstträume

Gernot Grünewalds Ästhetik der Angstträume kommt in der Inszenierung schön zum Tragen. Klug verbindet der Regisseur, der 2015 mit seiner Tübinger Stückentwicklung Palmer – Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland für den Faust-Theaterpreis nominiert war, Dostojewskijs schwer greifbare Gedankenspiele mit einem Psychothriller, dessen Intensität berührt. Mit starken Bildern bricht er das intellektuelle Meisterwerk auf die ebenso berührende wie aktuelle Geschichte eines gebrochenen Menschen herunter.

 

Schuld und Sühne
nach dem Roman von Fjodor Dostojewskij
aus dem Russischen von Swetlana Geier
für die Bühne bearbeitet von Gernot Grünewald und Kerstin Grübmeyer
Regie: Gernot Grünewald, Bühne und Kostüme: Michael Köpke, Maskenbau: Judith Mähler, Musik: Dominik Dittrich, Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer.
Mit: Franziska Beyer, Michael Ruchter, Carolin Schupa, Daniel Tille, Raphael Westermeier.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.landestheater-tuebingen.de

 

Kritikenrundschau

Wilhelm Triebold vom Schwäbischen Tagblatt (22.2.2016) findet, die "Kopfgeburt, den Schauspielern (...) überlebensgroße Maskenschädel aufzubürgen" sei ein "Kunstkniff, der zur Erstarrung, nicht zur weiteren Erkenntnis" führe. Außerdem werde "doppelt gemoppelt": "Das Geschehen rund um die Bretter(dreh)bühne verhält sich wie ein Echtzeitecho zu dem Bericht, der unter die übrigen Schauspielern verteilt wird." Wenn am Ende die nutzlos gewordenen Pappmaché-Häupter "wie Kohlköpfe über die Bühne verstreut" liegen, erscheine das als ein Sinnbild der Aufführung: "Außen hui, innen hohl".

Thomas Marawitzky vom Reutlinger General-Anzeiger (23.2.2016) findet, dass an diesem Abend "zu viel gesprochen, zu viel erzählt, erklärt wird." Die Kraft, die Grünewalds Inszenierung entwickelt, findet er nichtsdestotrotz "beträchtlich". Das "expressionistische, für Augenblicke grotesk komische Bild", welches Grünewald zeichnet, werde der Vorlage "auf erstaunliche Weise eben doch gerecht."

 Christoph Holbein sah für den Schwarzwälder Boten (23.02.2016) in Tübingen "brachial-intensive Bilderkompositionen" und eine "eindringlich-eindrückliche Atmosphäre", gespielt mit "hoher Intensität und Glaubwürdigkeit". Gründe für Kritik fand Holbein keine, dafür aber "stilistisch passende und treffende Bilder, schön getimt, voller erschreckender Poesie und doch etwas Hoffnung".

 
Kommentar schreiben