Unter Spinnern

von Michael Laages

Hannover, 23. Februar 2016. Die Geschichte ist ja wahr. Und zwar eigentlich gleich doppelt – erstens: der in Hannover aufgewachsene Karl Koch, geboren 1965, hatte Mitte der 80er Jahre sehr früh schon intensive Kenntnisse in der computerbasierten Kunst des Hackens erworben, gehörte zu den Adepten vom legendären Chaos Computer Club und geriet in eine dramatische Geschichte um Geheimnisverrat an den sowjetischen Auslandsgeheimdienst KGB hinein, die ihn schlussendlich das Leben kostete. Karl Koch hat sich selbst verbrannt, Ende Mai 1989, 23 Jahre alt. Die Zahl "23" war Kochs Obsession – und wahr ist eben auch diese zweite Geschichte, die des Wahns in den Phantasien eines Jungen, der unter extrem schwierigen familiären Umständen heran wächst. Er taucht tief hinab in die Numerologie; die "23" gilt in allerlei Verschwörungs- und sonstigen Theorien als eine Art Todes- und Katastrophen-Zahl.

Verwirrende Phantasie-Spur

Die Theaterfassung des 1998 entstandenen Kinofilms "23 – Nichts ist so wie es scheint" von Hans-Christian Schmid, viel gerühmt als komplexes Panorama einer komplexen Generation, dampft das Leinwand-Personal auf fünf Darsteller ein: auf Koch selber, auf einige der Computer-Spezis in seiner Umgebung und auf den NDR-Journalisten, der auf der Suche nach heißem Nachrichten-Stoff illegale Hack-Attacken provoziert und so eher zufällig vom schrillen KGB-Geschäft der Kids erfährt – nach Tschernobyl wollten die Netz-Strategen Brücken in die Sowjetunion bauen helfen, ähnlich blauäugig wie der Wedeler Schüler Matthias Rust, der als Hobbyflieger mit einer Cessna auf dem Roten Platz in Moskau landete.

231 560 Karl BerndKarwasz uCodiert: Mathias Max Herrmann, Philippe Goos ©Karl-Bernd Karwasz

Mit der Rust-Story beginnt "23" in Hannover – Philippe Goos lässt als nervös-verstotterter Karl Koch das Publikum wählen zwischen drei Videos zur Eröffnung; eben dem mit Rust, einem mit dem Ur-Hacker Captain Crunch und einem mit dem Autor Robert A. Wilson, dessen "Illuminati"-Roman die einigermaßen verwirrende Phantasie-Spur unter die Geschichte von Karl Koch legt; so verwirrend im Detail übrigens, dass eine von Kochs Mitstreiterinnen beharrlich im Delphin-Kostüm an seiner Seite bleibt. Sie stammt aus der Tiefsee-Welt im Reich der "Illuminati".

Zwischen echten und virtuellen Bildern

Leicht durcheinander bleiben die zwei Stunden insgesamt. Niemand kommt um die Erkenntnis herum, dass hier eine ziemlich naive Bande am Werk ist, die sich fest einspinnt in die eigene Welt. Das fragile Gewebe muss ihnen zwangsläufig um die Ohren fliegen, Faden um Faden, als die Spinnerei öffentlich wird; wie fahrlässig auch immer hier die Journalisten arbeiten in dem sehr grob geschmierten Bild, das die Aufführung von ihnen zeichnet. Christopher Rüping zeichnet Karl Kochs Welt überwiegend per Video aus einem Container heraus, der leicht erhöht die Bühne füllt; die Geschichte driftet wild hin und her zwischen echten und virtuellen Bildern. Ein Mädchen, das kurz vor dem tragischen Ende fast noch eine Liebe wird für Karl, sitzt in einer der vorderen Reihe im Publikum, und die beiden kommunizieren – per Web-Cam.

232 560 Karl BerndKarwasz uWeb-Cam macht Doppel-Ich © Karl-Bernd Karwasz

Aber wie sehr Rüping die Computerwelten beschwören mag: Dem Abend fehlt insgesamt eine Art Passwort, mit dem sich alle Fäden zu erkennbaren Mustern fügen würden. Mit großer Lust an der Verwandlung folgt ihm zwar das Ensemble, aber zum Glücksfall der theatralischen Beschäftigung einer Stadt mit sich selber und ihren lokalen Sonderlingen taugt dieser Abend nicht wirklich, bleibt stattdessen ein hybrides, leicht kryptisches Computer-Spiel.

 

23 – Nichts ist so wie es scheint
nach dem Film von Hans Christian Schmid
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Ramona Rauchbach, Kostüme: Anna Maria Schories, Musikalische Leitung: Christoph Hart, Video: Bert Zander, Dramaturgie: Johannes Kirsten.
Mit: Lisa Natalie Arnold, Philippe Goos, Mathias Max Herrmann, Daniel Nerlich, Inga Sund.
Dauer: Zwei Stunden, keine Pause

www.schauspielhannover.de

 

Kritikenrundschau

Agnes Bühring schreibt auf ndr.de, der Website des Norddeutschen Rundfunks (24.2.2016): Für Regisseur Rüping sei der Grundkonflikt, den die Geschichte von Karl Koch erzähle, die eines jungen Mannes, der eingreifen wolle in "das Geschehen der Welt" und sich dafür des Hackens bediene. So erobere er sich "eine Sekundärwelt, eine virtuelle Realität, in der er sich verliert." Die Ausstattung der Inszenierung lasse "wunderbar" die 1980er-Jahre "wieder auferstehen". Philippe Goos überzeuge in "allen Facetten Karl Kochs, vom Alleinunterhalter bis zur gescheiterten Existenz". "Ein gutes Thema für ein junges Publikum, unaufgeregt, visuell und schauspielerisch überzeugend erzählt."

Ronald Meyer-Arlt schreibt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (25.2.2016), das Theaterstück sei nicht die Wiedergabe des Films mit "womöglich beschränkten Mitteln", sondern etwas "sehr Eigenes und auch etwas recht Eigenartiges". Es sei vielleicht ein bisschen viel Stoff verarbeitet für etwas zu lange zwei Stunden, doch andererseits sehe man dem "hervorragenden Schauspieler" Philippe Goos mit "großem Vergnügen" zu , der es verstehe "kalt zu brennen". "Aus ihm strömt so eine ganz besonders dunkel funkelnde Begeisterung, eine aus dem Leiden erwachsende Leidenschaft, die er mit einer großen Portion Coolness und reichlich jugendlicher Wuschtigkeit mischt."

Stefan Gohlisch schreibt in der Neuen Presse (25.2.2015) der Hannoveraner Regisseur Christopher Rüping nutze "alle Mittel", bringe mit der "liebevollen Austattung" von Ramona Rauchbach die 80er Jahre auf die Bühne und erzähle vom städtischen Leben im damaligen Hannover. Die bizarre Geschichte, wie der naive Koch mit dem KGB anbändele, gerate Goos und Daniel Nerlich zur "schrillen Travestie". Doch zunehmend drehe sich der Stoff ins "Fanatstische". Rüping erzähle "alles und nichts" und lege sich nicht fest. Das könne man als die Schwäche der Inszenierung verstehen oder als ihre Stärke.

Kommentar schreiben