Heimsuchung am Hindukusch

von Andreas Herrmann

Dresden, 4. April 2008. Einmal New York, London, Kabul – und zurück. Nunmehr mit Zwischenstopp auch in Dresden. Beim Rückflug. Die Zeitreise in Tony Kushners "Homebody/Kabul" beginnt 1998 und endet 1999. Nicht früher und nicht später. Und sie hätte wohl, wäre nicht das Zwillingsturmtrauma der gefühlten Welthauptstadt dazwischengekommen, nicht Hamburg, Basel oder nun auch Dresden gestreift, sondern den Broadway, Kushners Heimatpflaster, nie verlassen. Doch die Zeitgeschichte tickte anders. Die Uraufführung im Herbst 2001 geriet vor Ort in den bitteren Staub des 11. Septembers und Amerika erklärte seinen "Krieg gegen den Terror". Die "New York Times" nannte das sperrige, konventionslose Fünfstundenoriginal daraufhin eines der wichtigsten Stücke des Jahrzehnts.

Unterwegs mit der Burka 

Der Homebody, der "Stubenhocker", der dem demokratischen Gutbürger per medialer Ferndiagnose die afghanische Geisterfahrt mit der Talibahn durch die fernöstliche Opiumhölle zu erklären versucht, ist eigentlich Kushner, der Pulitzer-Preisträger selber. Als Medium benutzt er die stinknormale Londoner Endzeitfamilie Ceiling, deren Mutter, Homebody (Marianna Linden) genannt, plötzlich dank anmutigem afghanischen Händlerkontakt und angelesener Weltgeschichte gen Kabul entflieht und dort verschwindet.

Ihr Mann Milton (Kai Roloff) und ihre Tochter Priscilla (Nicola Ruf) suchen nach der Verschollenen – der beim Besuch von Kains Grab von Minen Zerfetzten? Oder von bösen Männern, die unverschleierte Frauen nicht mögen, Erschlagenen? Vielleicht aber ist Homebody auch zum Islam übergetreten?

Der Mann, seine Frau tot glaubend, ergibt sich den Drogen und bleibt im Hotelzimmer. Die Tochter hingegen streift sich die Burka über, geht auf die Suche und trifft dabei mehr oder minder fanatische Gestalten, darunter die künftige Frau ihres Vaters, die regional unpassend aufgeklärte Mahala (Evamaria Salcher).    

Verschollen in Kabul und hinreißend 

Regisseurin Nina Gühlstorff entgeht der Versuchung, aktuelle oder gar deutsche Bezüge einzubauen. Gemeinsam mit Dramaturg Martin Wigger – derzeit noch als Pendler unterwegs zwischen dem Theaterhaus Jena und seinem, dem Zeitgeist frönenden, aber wohl auslaufenden Dresdner "neubau"-Projekt – hat sie eine Zweistundenversion ohne Verzicht auf Figuren und Handlungsstränge erarbeitet.

Wie zu erwarten, gerät der einführende Monolog der unterforderten Wohlstandsmutti – der ausgespielt mehr als eine Stunde dauert und  auch als eigene Aufführung taugt – zur Herausforderung und zum Höhepunkt: Marianna Linden gibt die ins zivilisatorische Nirwana verschwindende Glückssucherin schlicht, spannend und hinreißend. Ihr Abtritt nach einer reichlichen halben Stunde läutet das Spiel vor Ort ein.

Die von Kushner als Politdrama titulierte Suche nach der angeblich zerfetzten Frau und Mutter, deren Leiche aber nicht auftaucht, kann durchaus leicht entgleiten. Doch Gühlstorff behält die Fäden dank genauer Personenführung in der Hand: Nicola Ruf nimmt man die desillusionierte, aber entschlossene Tochter ebenso ab wie Kai Roloff den laschen, politisch unterbelichteten Vater mit durchaus sentimentalen Momenten. Mit Lars Jung, als alter tadschikischer Maram idealbesetzt, hat sie wenig Arbeit. Einzig der fiese Mullah von Seán McDonagh – ein Bewegungstalent vor dem Herrn – wirkt ab und an zu überkandidelt.

Wer die Taliban verdient hat

Die ins Publikum laufende Schräge, eine von unten beleuchtete Fläche mit Gewächshausdach-Charakter als Bühne (Petra Schlüter-Wilke) funktioniert prima, zwei kleine Teppiche – ein roter für Kabul, ein grüner für London – symbolisieren das kleinbürgerliche Glücksoasenstreben der beiden aufeinander folgenden Frauen.

Eine nette Kameraüberwachung der Spielwiese aus Froschperspektive und die per Filmprojektion auf die Bühne geworfenen Gesichtsaufnahmen tragen hingegen nicht wirklich. Letztere ist vor allem von den unteren Plätzen kaum wahrzunehmen.

So symbolisiert das hinterlassene Utensilienchaos auf der Bühne beim Abgang ein wenig Kushners Aussage: Der Krach der Zivilisation – Tochter Priscilla unterstellt den Afghanen letztlich sogar, dass sie, wenn sie so sehr Gewissheit bräuchten, die Taliban verdient hätten – bleibt als Kulturkampf ein unlösbares Dilemma.

Und selbst die 300 weltverbessernden Gedichte des weisen Tadschiken, angeblich in Esperanto, sind letztlich nur militärische Geheimmakulatur für die Nordallianz. Und nehmen der Story posthum den einzigen wahren Sympathen.

Der Beifall zur Premiere im zu zwei Dritteln gefüllten Kleinen Haus fällt freundlich und relativ undifferenziert aus, nur Marianna Linden genießt sichtlich mehr. Eine großes, unentschlossenes "Na ja" macht die Runde, schließt die reflektierende Weiterbeschäftigung aber nicht aus. 

 

Homebody/Kabul
von Tony Kushner, Deutsch von Frank Heibert
Regie: Nina Gühlstorff, Bühne: Petra Schlüter-Wilke, Kostüme: Markus Karner.
Mit: Marianna Linden, Nicola Ruf, Evamaria Salcher, Seán McDonagh, Lars Jung, Andreas Rehschuh, Kai Roloff.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Die erste halbe Stunde mit Marianna Lindes Monolog sei großartig, schreibt Katja Solbrig in der Sächsischen Zeitung (7.4.2008). Dann allerdings käme nichts nach. Allesamt, der verunsicherte und frustrierte Ehemann, die verrückte Tochter und die über die Bühne schleichenden Afghanen bestätigten nur "westliche Vorurteile". "Die Schauspieler sind noch das Beste an diesem verquasten Zeug, ihnen gelingen starke Bilder für Todesangst, Verzweiflung, Gleichgültigkeit." Regisseurin Gühlstorff und dramaturg Wigger hätten Vorurteile auf die Bühne marschieren lassen, "aber wozu?"

Die Figur der Homebody sei ein "überzeichnetes Sinnbild für die zur Selbstzerstörung neigende Kontur westlicher Identität", schreibt Norbert Seidel in den Dresdner Neuesten Nachrichten (7.4.2008). Nina Gühlstorff vermeide bei ihrer Inszenierung weitestgehend Schwarz und weiß, halte sich aber zugleich mit der Farbe zurück. "Dezent und mitunter übervorsichtig überlässt sie die Figuren den vielgestaltigen, nicht wenig monologischen Versuchen Kushners, Vorurteilen und Klischees in sprachlich anregenden Raffiness-Aspik aus den Köpfen heraus aufs Silbertablett zu helfen." Gühlstorff und Wigger verschleppten den Text, anstatt ihn in dem richtigen Moment (ruhig auch kulminierend durcheinander) laufen zu lassen. "Das einzige, das wach hält, ist die ungeklärte Frage nach dem Verbleib von Homebody."



 
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