Postmodernes Mysterienspiel

von Tim Schomacker

Hamburg, 25. Februar 2016. Schließlich sitzen sie da. Alle sieben am langschwarzen Tisch. Alle in der gleichen strähnig zerbeulten, ausladenden hellen Perücke, im gleichen langen Gewand, das als semidurchsichtiges Feinnetz-Shirt beginnt, unterhalb der Taille dann schwarz aber luftig ausläuft mit Saum auf Sohlenhöhe. Sie schauen, eine langsame Folge stummer Blicke und Kopfneigungen, das in ein Streichen über die Tischfläche ausläuft, als wären Krümel wegzuwischen. Eine Sequenz, die sich wiederholt, auch als die ersten Grüppchen auf der Publikumstribüne zaghaft zu applaudieren beginnen. Bis zum schlussendlichen Black.

Eine Gesellschaft, die fremd geworden ist

Ersan Mondtag, soeben erstmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen, inszeniert den Roman "Schnee" des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk – mit eigenwilligen, choreografischen Ensemblebildern und dem Wunsch nach individuellem Spiel über das Text-Sprechen hinaus. Meist monologisch, gelegentlich chorisch bricht Mondtag diese Bildfolge auf, durch die die traumartige Logik einer Art postmodernen Mysterien-Spiels schimmert. Ausgewählte Figuren aus Pamuks Roman über die Bruchkanten türkischer Modernisierungsprozesse stemmt Mondtag hinein ins Bühnengeschehen, verwandelt seine Vorlage in etwas erlesen Eigenartiges, in einen gerade in seiner Langsamkeit und Stille ziemlich kurzweiligen Abend von erstaunlicher musikalischer Intensität.

Schnee2 560 ArminSmailovic hSieben für Pamuk im gefliesten Oktagon © Armin Smailovic

Pamuks Geschichte ist ebenso personenreich und vielschichtig wie im Plot überschaubar. Ein mittelalter Dichter, der zwölf Jahre im Exil verbracht hat, reist nach seiner Rückkehr in die kleine Grenzstadt Kars. Privat, um die (heimliche) Liebe seiner Studentenjahre wiederzusehen – und sie zu heiraten. Professionell, um eine Reportage zu schreiben über eine Häufung von, wie es scheint, religiös motivierten Selbstmorden junger Frauen in der Region. Und um sich einen aktuellen Reim zu machen auf diese Türkei, die ihm fremd geworden ist, als er weg war. Poetisch schließlich in der vagen Hoffnung, die intensive Provinzerfahrung werde ihm über eine lyrische Blockade hinweghelfen.

Chorisches Kollektivsubjekt

All das findet in einem zum Publikumsraum geöffneten sanfttürkisenen Oktagon mit regelmäßig gemustertem Fliesenboden statt. Wie viele Elemente dieses Abends sagt auch Paula Wellmanns Bühne scheinbar Eindeutiges – Moschee, in diesem Fall –, um sich dieser Eindeutigkeit gleich wieder zu entziehen. So ist es mit Josa David Marx' eigentümlich lyrischen Kostümuniformen, die an islamische Kleiderordnung erinnert. So ist es auch in der Großform mit Pamuks Roman-Vorlage selbst: Obwohl Mondtag daraus Personal, Szenen, Konstellationen und Konflikte schöpft und grundsätzlich der Chronologie folgt, hält er sie auf Distanz.

Etwa, indem er Namen und eindeutige Konturen des Romanpersonals tilgt. Im individuell-uniformen Schauspieler*innen-Septett ranken Figuren gelegentlich ineinander. Die in sich höchst widersprüchliche und dabei mit sich übervertraute Kleinstadt verläuft sich gewissermaßen im ankommenden Reisenden. Das als fremd oder vergessen Wahrgenomme wird zu einer Art chorischem Kollektivsubjekt. Immer wieder fixieren Einzelne oder alle einen imaginären Punkt über den Publikumsköpfen und sprechen so den Ankömmling an. Mal interessiert, mal vertraulich, dann wieder abweisend oder diskutierend.

Lehrstück des Gefühls

Die dialogische Struktur von Pamuks Erzählhaltung für die Bühne gleichsam zu monologisieren, aus Dialogpartnern Leerstellen zu machen, ist ein geschickter Adaptionskniff. So schafft Mondtag Platz für ein spürbares Außen (das auch das Publikum sein kann) und webt am Bilderzauber: In der langen stummen Eingangssequenz etwa, in der sich aus einem Körperhaufen langsam Kreuzrippiges, Ornamentales schält, sich zur luftigeren Kreisform öffnet, zum Tuschelhaufen wird, aus dem dann erster Text bricht. Immer wieder dringen abstrahierte Beerdigungs- und Trauerritual-Fetzen in die Handlung.

Viele Bilder lassen sich nicht auf Anhieb eindeutig entziffern. Und das ist gut so. Zumal die dynamische Souveränität in der Großform – plötzliche akustische oder visuelle Akkorde, abruptes Abstoppen, rückstoßgesättigte Beschleunigung, unerwartet gesetzt Komödiantisches – in den Körpern der sieben Akteur*innen sicher aufgehoben ist. Statt eines Diskurs-Dramas präsentiert  Mondtag eine Art Lehrstück des Gefühls, das noch eine Weile im eigenen Körper nachhallt.

 

Schnee
nach dem Roman von Orhan Pamuk
Regie: Ersan Mondtag, Bühne: Paula Wellmann, Kostüme: Josa David Marx, Musik: Max Andrzejewski, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Pascal Houdus, Marie Löcker, Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Steffen Siegmund, Tilo Werner, Sebastian Zimmler.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Man ist ratlos. Was jetzt?", schreibt Armgard Seegers für das Hamburger Abendblatt (27.02.2016). Mondtags Inszenierung sei nichtsdestotrotz "klug", weil sie sich "nur wenige Stellen aus dem Roman" nimmt und anstattdessen "mit Choreografien, die bei aller Schönheit auch das Zwanghafte sichtbar machen" arbeitet. Von den Schauspielern beherrscht Sebastian Zimmer "die Intensität, die hinter den Forderungen und Fragen steht, besonders gut." Und Seegers fügt darüber hinaus hinzu: "Auch die unverständlichen Botschaften dieses Abends werden sehr ästhetisch, sehr artifiziell vermittelt."

Peter Helling schreibt auf ndr.de (27.2.2016): Im Mittelpunkt des Abends stünde die Frage: "Wer erlaubt uns eigentlich, religiösen Menschen vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben, solange sie friedlich sind?" Wie in einer "düsteren Sinfonie" entblätterten sich "erzählerische Motive und Themen". Die Inszenierung stelle "zunächst die richtigen Fragen", schaffte ein "Klima von latenter Aggressivität". Ein "Reigen von brutalen Bildern" ziehe vorüber. Dann jedoch "verheddert sich die Inszenierung", der Grundkonflikt Schleier-oder-nicht-Schleier werde fallen gelassen, die "schwerfälligen Bilder, die gestelzten Gesten" bekämen mit einem Mal "einen Muff, der schwer auszuhalten" sei. Plötzlich wirke alles "verklemmt und manieriert".

Für Katja Weise vom SWR (aufgerufen am 29.2.2016) steht die Suche nach Antworten auf die grundsätzliche Frage, wie Gemeinschaften eigentlich entstehen im Mittelpunkt. Diese übersetze Mondtag in starke Bilder. "In sehr präzisen Choreographien zeigen die Schauspieler in ihren fließenden Einheitsgewändern, wie sich immer neue Formationen bilden." Der Abend habe eine klare Handschrift und sei klug gebaut. Zwar sei dem Geschehen nicht immer leicht zu folgen, "(d)och besticht diese Arbeit insgesamt durch eine eigene Ästhetik und einen mutigen, sehr erfrischenden Umgang mit dem Roman".

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