Sneaker in Denkerpose

von Stefan Schmidt

Hamburg, 27. Februar 2016. Gestern Abend haben sie wieder "dummes Zeug" geredet, die absurden Clowns von Samuel Beckett. "Machen wir ja immer, seit einem halben Jahrhundert", sagt einer von ihnen, Estragon, irgendwann in dieser Hamburger Inszenierung. Stimmt. Und diese gefühlt lange Theatergeschichte der endlosen Warterei auf einen ominösen Godot hat dazu geführt, dass die Textvorlage aus der Mitte des 20. Jahrhunderts für manchen schon musealen Charakter angenommen hat. Der damalige Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Matthias Hartmann, hat Becketts Stück etwa schon 2002 in einen ebenso ausstellungsreifen wie statischen Goldrahmen verfrachtet (und mit Harald Schmidt auf der Besetzungsliste zu einem Medienereignis degradiert). Im Grunde konsequent. Schließlich weiß doch inzwischen so gut wie jeder eifrige Theatergänger, dass Godot niemals kommen wird. Möglicherweise existiert er ja noch nicht einmal. Die Sinnlosigkeit des Wartens ist altbekanntes Programm.

Am Thalia Theater ebnet Regisseur Stefan Pucher Becketts gestrandeten Landstreichern jetzt den Weg ins 21. Jahrhundert. Und da sind Wladimir und Estragon zwei posende Prolls in Jogginghosen und Sneakers. In einer Europalettenlandschaft treiben sie coole Späß, um lieber die Zeit totzuschlagen, als sich selbst am Baum aus der Regieanweisung aufzuhängen, der in der ersten Hälfte dieses Abends noch nicht einmal auf der Bühne vorhanden ist. Und es ist wirklich gut, dass die beiden am Leben bleiben: Jens Harzer und Jörg Pohl geben den in den vergangenen sechs Jahrzehnten überinterpretierten und bis zur intellektuellen Realitätsferne ausgelegten Sätzen, die sie zu sprechen haben, eine schnodderige Lässigkeit (zurück).

Brachiale Männerfreundschaft

Die beiden spielen dermaßen virtuos mit dem andeutungsschwangeren Textmaterial (und mit ihren Körpern), dass die Kalauer ihrer Figuren wieder lustig sind und deren Verzweiflung wieder schmerzt. In ihrer Verlorenheit haben sie nur einander, doch ob die manchmal zärtliche, manchmal brachiale Männerfreundschaft wirklich das Wahre ist, stellen sie auch noch in Frage. Wenn aber Jörg Pohls Estragon träumt, dann sehen wir in einer Videoeinblendung in Schwarz-Weiß diesen Schauspieler zusammen mit seinem Kollegen Jens Harzer an einem verfallenen Bauernhaus.

Godot2 560 ArminSmailovic hAuf Euro-Platten, inmitten Bildern des 20. Jahrhunderts: Stefan Puchers "Warten auf Godot"
© Armin Smailovic

Und Jörg Pohl singt "I go to sleep", ein schmachtendes Lied aus den 60ern von Kinks-Mitglied Ray Davies. Poetisch-romantische Sehnsüchte in einer grausamen Welt, die ihrer Bedeutungslosigkeit ansonsten lieber mit Ironie und Zitaten begegnet: So sampelt Jens Harzer zum Beispiel zu Elektrobeats das schon von Beckett für seine Stückvorlage entliehene Kinderlied vom Hund, der in die Küche kam, mit dem viralen Asi-Online-Hit "Is mir egal". Und wenn Jörg Pohl Textteile aus "Warten auf Godot" zwischendurch betont überkommen deklamiert, dann ist klar, dass die Inszenzierungsgeschichte hier nonchalant beiseite geschafft wird.

Zwischen Résistance und Abu Ghuraib

Stattdessen öffnet Regisseur Stefan Pucher dem Stück neue Assoziationsräume: Lucky, der geprügelte Diener des sadistischen Herrn Pozzo, tritt in schwarzer Kutte und mit schwarzem Sack über dem Kopf auf, ein gruselig gegenwärtiger Verweis auf den Folterskandal im irakischen Abu Ghuraib-Gefängnis - und auf die westliche Willkür gegenüber angenommenen Gegnern aus der arabischen Welt, die seitdem folgte.

Ein Fingerzeig darauf, dass die Absurdität gesellschaftlicher Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg fortgeschrieben worden ist, dass die Würde des Menschen immer noch alles andere als unantastbar ist. Ein weiteres großes Fragezeichen nach dem Sinn angeblich zivilisatorischen Handelns. Und natürlich lässt der sandige Boden der Videoprojektionen, natürlich lassen die endlosen Euro-Paletten des grandios einfachen Bühnenbildes von Stéphane Laimé an Flüchtlingslager wie den berüchtigten Dschungel von Calais denken, aber die Regie ist sensibel genug, es bei solchen Andeutungen zu belassen, keine große Betroffenheitsshow zu inszenieren, die Leerstellen der Vorlage nicht mit vermeintlicher Bedeutung zuzuschütten.

Jesuskreuz meets Plattenteller

Es spricht manches dafür, dass Beckett Mitglieder der Résistance auf der Flucht im Hinterkopf hatte, als er "Warten auf Godot" schrieb. Vielleicht ist derjenige, der penetrant abwesend bleibt, tatsächlich ein Schleuser, der Wladimir und Estragon aus dem besetzen Frankreich in Sicherheit bringen soll. Nur: Wohin genau sollen diese literaturhistorischen Thesen, für die sich im Angesicht der Migrationsbewegungen aus der arabischen Welt plötzlich wieder verschiedene deutsche Theater interessieren (kürzlich zum Beispiel das Saarländische Staatstheater), eigentlich auf der Bühne führen? Das Thalia Theater tut gut daran, es beim Fragen (etwa im Programmheft) zu belassen und keine dramaturgisch anmaßenden Antworten zu liefern, die letztlich doch nur banalisieren könnten.

Das Hamburger Inszenierungsteam seziert die Textvorlage souverän, schafft wie beiläufig immer neue Bilder, wenn etwa der gebeutelte Knecht Lucky des beeindruckend akrobatischen Mirco Kreibich plötzlich an eine Jesusfigur erinnert, die vom Kreuz genommen wird, und setzt auf Plattenteller, um die Musikalität des Grauens existentieller menschlicher Einsamkeit spürbar zu machen. Am Ende ist es schon immer noch die gleiche alte Leier von der Verlorenheit des Einzelnen in einer absurden Welt, aber komplett neu gesampelt. Ein Beckett-Cover, das Spaß macht und nah geht. Tolle Schauspieler in einer dichten Inszenierung.

Warten auf Godot
von Samuel Beckett, Deutsch von Elmar Tophoven
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Tabea Braun, Musik: Christopher Uhe, Video: Meika Dresenkamp, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Jens Harzer, Mirco Kreibich, Oliver Mallison, Jörg Pohl, David Goya Brunnert / Nikita Lysko / Paul Zeschky / David Hofner (Ein Junge).
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Werner Theurich von Spiegel Online (aufgerufen am 29.2.2016) findet, Pucher habe sich alle Mühe gegeben, "aus der berühmtesten Warteschleife der Theatergeschichte eine süffige  Personality-Show zu machen" und ist sichtlich angetan. "Tagesaktualität, Rampensoli, Rap-Passagen (…) und plakativ angezogene Protagonisten, die jede Menge Interpretationsraum auffächern." So müsse man das machen, fast 60 Jahre nach der Uraufführung. Pucher vermenge alle bekannte und möglichen Deutungsweisen des Stücks. Pucher und seinem Ensemble, sei zwar kein wirklich neuer Godot erschienen, dafür haben sie "den aktuellen Bestand gut zusammengezimmert".

Heide Soltau vom NDR (aufgerufen am 29.2.2016) findet, Stefan Pucher konzentriere sich in seiner Interpretation auf die Ästhetik der Gewalt, die er mit dem Witz und der Absurdität des Textes kontrastiere. Die Slapsticks würden wie "Blitzableiter" wirken. Vor allem aber sieht Soltau große Schauspieler, denen Pucher zu Recht den roten Teppich ausbreite: "Weiß das Hamburger Publikum eigentlich, was für Künstler hier auf der Bühne stehen? Da kann man nur sagen: Hingehen!"

Auch Stefan Grund von der Welt (29.2.2016) ist voll des Lobs für das Ensemble. Harzer und Pohl gelinge ein "unglaublicher Balanceakt zwischen leichten Lachanreizen, (...) doch beide sind immer sofort wieder todernst zurück". Hier werde nichts veralbert, hier werd das Lachen "herausgekitzelt und wunderschön abgewürgt, bevor es befreit zurückkehren kann". In einer Szene werde mit "jeder metaphysischen Erlösungsidee" endlich aufgeräumt. "Wenn es sie gibt, die Erlösung, kann der Zuschauer sie sich frei nach Pucher nur sozial vorstellen, sehr diesseitig, sehr momentan als kleines Stück des trotz allem möglichen menschlichen Glücks."

"Becketts scheinbar nihilistischen Ansatz, der den Glauben an das Wahrgenommene, das Gute im Menschen, den Sinn, an Gott und die Erlösung, ja an die eigene Erinnerung immer wieder triumphierend zunichte macht, hat Pucher noch einmal durch den Fleischwolf unserer Gegenwart gedreht", schreibt Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (1.3.2016). Wie viel Kälte, wie viel Gewalt und Zerstörung in Becketts Dialogen lauerten, um sich im Lachen zu entladen, daran lasse er keinen Zweifel. "Und dass damit die Zeit vergeht (oder tut sie das gar nicht?), das ist der beunruhigend bohrende Unterton, (…) der quälend leise bleibt. Und uns aus dem Theater hinaus begleitet."

 

 
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