Fechtkampf mit Unbekannten

von Leopold Lippert

Wien, 27. Februar 2016. Kurz vor der Pause kommt ein Sommersturm auf, es bläst Staub auf die Bühne, Papierfetzen wirbeln herum, buntes Laub fällt vom Schnürboden. Christopher Nell, der als schizophrene Hauptfigur "Ich, Erzähler" und "Ich, der Dramatische" einen abgelegenen Streifen Landstraße bewohnt, sammelt verdreckte Zettel vom Boden auf, achtlos weggeworfen von den "Unschuldigen", die in immer neuen Konstellationen die Straße entlangkommen. Es sind alte Fahrscheine, Rechnungen, Kinokartenabrisse, Gutscheincodes - zerknitterte Erinnerungsminiaturen. "Hop on – Hop off" steht auf einem dieser Tickets, und die simple Touristenbus-Formel ist vielleicht die passendste Beschreibung für einen Abend, der permanent mit großer Welterklärung liebäugelt, sich aber dann doch nur zum bunten Stationenspiel durchringt.

"Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" ist beileibe nicht die erste Peter Handke-Uraufführung am Wiener Burgtheater, und schon gar nicht die erste, die Claus Peymann inszeniert. "Handke Burg Peymann" könnte man da im Burgsprech klotzen, und markante Setzungen sind irgendwie auch Teil des Erwartungshorizonts bei dieser fast schon historischen Zusammenkunft alter Haudegen.

Fremde Wanderer auf der Landstraße

Doch Handkes "Schauspiel in vier Jahreszeiten" ist im Grunde das Gegenteil eines großen Statements. Verglichen etwa mit dem inhaltlich stark fokussierten Erinnerungsreigen "Immer noch Sturm" ist "Die Unschuldigen..." weit weniger kohärent und stellt eher eine zerfaserte Aneinanderreihung von Figurenbegegnungen und Erzählrahmungen dar — mal will das Stück Kapitalismuskritik, mal Modernekritik, mal Realismuskritik sein, mal wird kollektive Erinnerungsarbeit thematisiert, und dann wieder Muttersöhnchen-Konflikte und sexuelle Gewalt. Gespickt ist das ganze mit Shakespeare-, Vergil-, und Katholizismus-Anspielungen, und Mehrsprachigkeit als Bildungsbürger-Selbstvergewisserung: "Nofretete!" ruft das Ich der Häuptlingsfrau (Maria Happel) freudig entgegen, "heißt das nicht: Die Schönheit ist erschienen!? La beauté est apparue. La belleza e aparecida." Schon gut, wir haben's verstanden!

die unschuldigen4 560 MonikaRittershaus uErinnerungsreigen? Allerlei Figuren begegnen sich zumindest in Claus Peymanns Inszenierung
von Handkes neuem Stück "Die Unschuldigen..." am Burgtheater Wien © Monika Rittershaus

Trotz all der Kanon-Intertextualität ist der Grundton ein bedrohlicher: Das "Ich" wird jedes Mal aufs Neue mit dem "Anderen", dem von außen Kommenden konfrontiert, das die Landstraße heraufzieht und passieren will. Die Angst vor dem Unbekannten, dem hemmungslos Rülpsenden (Martin Schwab) und dem unkontrolliert Glucksenden (Maria Happel) ist für Handke zentral. Die Sprache ermöglicht dabei nicht immer Austausch, sondern nährt bloß Verdächtigungen: "Ihr Unschuldigen seid nicht harmlos!" ereifert sich das Ich, das zwischen Grüßen und Abwehren immer weniger unterscheiden will.

Komischer Kontrollzwang

Da ist es doch überraschend, dass in Peymanns Inszenierung die düsteren Aspekte des Texts zunehmend ins Hintertreffen geraten. Das faschistoide Begehren des Ichs, alles kontrollieren zu wollen, was sich auf der Landstraße ereignet, wird im wahrsten Sinne des Wortes "überspielt". Und so darf der virtuose Christopher Nell auf der verwitterten Bushaltestelle am Straßenrand clownesk herumquirlen, während der Rest der Truppe beschwingt "Wir wollen niemals auseinandergehn!" trällert, wie auf einem Wanderausflug.

Und so wird der eigentlich existentielle Fechtkampf zwischen dem Ich und dem Unbekannten-Häuptling (Martin Schwab) zu einem skurrilen Herumgestochere, das damit endet, dass ein "Degen" unter lautem Gelächter im Publikum landet (letzteres vielleicht nicht ganz absichtlich). Und so geht ein durchaus starkes Bild – das Ich und der Häuptling werden an ihren Mänteln zusammengeknöpft und damit die Untrennbarkeit von "Selbst" und "Anderem" ausgestellt – in einer (famosen) Lachnummer unter, in der Maria Happel daneben den sterbenden, zappelnden Schwan mimt.

Peymann'sches Losdonnern

Und auch die nach hinten leicht ansteigende Bühne von Karl-Ernst Herrmann, auf der eine weit geschwungene Landstraße nur durch Lichteffekte markiert wird, hat etwas surreal Komisches. Mit plumpem Seilzug, unterkomplexen Off-Geräuschen (Rauschen! Vogelgezwitscher!), und Taschenspielertricks (Explosiönchen!) kokettiert die immer sichtbare Illusionsmaschinerie mit dem hochgerüsteten Burgtheater-Bühnenapparat, der hier eben ganz und gar nicht zum Einsatz kommen darf.

die unschuldigen3 560 MonikaRittershaus uMartin Schwab (Der Wortführer) und Christopher Nell (Ich) auf der Landstraße
© Monika Rittershaus

In Peymanns Inszenierung wird der von Handkes doppelter Ich-Figur eröffnete Konflikt zwischen dem Epischen und dem Dramatischen scheinbar in einer dritten Kategorie aufgelöst, der des Verspielt-Theatralen. Für Peymann bedeutet "dramatisch" ganz simpel "aufregend", und die Erwähnung des Wortes im Text ist zuallererst Gelegenheit, mal ordentlich Stroboskop-Blitze zu zünden und Theaterdonner loszulassen. Für Peymann ist Handkes Landstraße weder Erzählfläche noch Dialogparcours, sondern primär ein Ort für fast schon naive Freude am Herumhoppsen (Nell), am Lachanfall (Happel), oder am Kollektiv-Ins-Handy-Näseln (Ensemble). Und weil es in "Die Unschuldigen..." nur bedingt episch oder dramatisch zugeht, gibt es auch kein wirkliches Ende, bloß ein verschmitztes Andeuten, und das Publikum klatscht mehrfach (und zunehmend genervt) verfrüht ins Leere.

Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße
Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten von Peter Handke
Uraufführung
Regie: Claus Peymann, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Margit Koppendorfer, Dramaturgie: Jutta Ferbers und Anke Geidel, Licht: Karl-Ernst Herrmann und Friedrich Rom, Musikalische Mitarbeit: Moritz Eggert, Geräusche / Töne: David Müllner.
Mit: Krista Birkner, Franz J. Csencsits, Regina Fritsch, Maria Happel, Anatol Käbisch, Christopher Nell, Benedikt Paulun, Hermann Scheidleder, Martin Schwab, Felix Strobel, Fabian Stromberger.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.burgtheater.at

 

 

Kritikenrundschau

Norbert Mayer von Die Presse (28.2.2016) ist voll des Lobes für das Ensemble. Er sieht "großartige Szenen" von Martin Schwab und Christopher Nell, Maria Happel liefere "ein Meisterstück an Lust und Spiel, das zur Todesfuge wird" und Regina Fritsch stoße "das Ich buchstäblich vor den Kopf, fesselt es, weist es auf das Vergangene und das Vergängliche hin". Am Ende füge sich der Abend "traumhaft zu großen Illusionen". Mayer resümiert: "Lang anhaltender Applaus nach gut drei Stunden. Handke und Peymann haben ihn sich so wie alle Beteiligten redlich verdient."

Die Salzburger Nachrichten drucken die Kritik der österreichischen Nachrichtenagentur Apa (28.2.2016). Sie findet Peymann habe den Abend "in Verehrung für Handkes welthaltige Poetik als Hochamt zelebriert und in gleichzeitiger Brechung augenzwinkernd als kunstvolles Bühnenmärchen umgesetzt". "Der raue Wind der Wirklichkeit verirrt sich in Gestalt einer seltsamen, rasch gesprengten Demonstration, die u.a. 'Freiheit, Gleichheit, Informiertheit' fordert, nur kurz hierher." Mehr Vergnügen bereite Peymann die übersteigerte Selbstkritik des dramatischen Ichs mit einer Reihe "falscher" Schlüsse, auf die das immer wieder erneut zum vermeintlichen Schlussapplaus einsetzende Publikum stets aufs Neue hereinfällt. Peymanns Position als erster Handke-Exeget sei auch nach diesem Abend unangefochten.

Ronald Pohl vom Standard (28.2.2016) hadert mit Handkes Stückvorlage. Zwar würde er ihm inhaltlich gern in allem zustimmen: "Prosaisch und seinsvergessen ist die Welt der Autobahnauffahrten, der planierten Zugangswege. Unser Dasein hat zweifellos an Würzigkeit eingebüßt, an Geschmack und Gehalt." Aber leider entdecke man an diesem Abend "weit und breit kein Stück, keinen geschürzten Handlungsknoten. Da ist nichts außer dem diffusen Willen, Handkes wortgewaltige Referate in all ihrer mutwilligen Pracht aufzuhübschen und zu exekutieren." Nichts sei notwendig in dieser "Kunstgewerbeübung auf technisch hohem Niveau". Früher habe man in Handkes Namen "Einbäume zu Wasser gelassen und selige Stunden verbracht, da man nichts voneinander wusste. Jetzt wurde man an der Landstraße sitzengelassen. Kein schönes Erlebnis."

Handkes neues Stück sei über weite Strecken eine Art räsonierender Lebenssinn-Monolog, findet Hartmut Krug im Deutschlandfunk (28.2.2016). "Bei der Lektüre dieses 180 Seiten umfassenden Textes, der mit viel Redundanz und manchmal angestrengt poetischer Befindlichkeitsprosa dahinfließt, fällt es schwer, darin ein Theaterstück zu entdecken. Doch Regisseur Claus Peymann gelingt es sofort wunderbar, der Schwere und Bedeutsamkeit des Textes mit einer unaufgeregten Lockerheit zu schwungvollem Theaterleben zu verhelfen."

"Es bleibt ein merkwürdig naives und recht eindimensionales Bild, das Nell und Peymann vom Dichter entwerfen", befindet Anke Dürr auf Spiegel online (28.2.2016). Von der "Melancholie, die in Handkes selbstkritischem wie eitlem Stück zu spüren ist, von der Zerrissenheit eines autistischen Künstlers, der sich nach der Welt sehnt und sie doch nicht aushält", sehe man auf der Bühne "zu wenig".

Der Abend dauere lang genug, dass man sich an dem "wunderschönen Himmelszelt" des Bühnenbilds von Karl-Ernst Herrmann gründlich sattsehen könne, schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (29.2.2016). Handkes "eigenbrötlerischer Wut- und Weltbürger" wirke "vor allem weltfremd". Am Ende habe es "jubelnden Applaus" für die Aufführung gegeben. "Das muss nicht bedeuten, sie sei gelungen."

"Theater ist ja schon lange zum 3D-Dolby-Stereo-Multiplex-Gesamtsuperevent verkommen, viel Krach, viel Sex, viel Action, und selbst Shakespeare muss den letzten James-Bond-Film noch an sinnlicher Gesamtladung übertreffen", holt Joachim Lottmann in der Welt (29.2.2016) weit aus zu diesem Haken: "Peymann war der erste, der das vor vielen Jahren begriffen hat." Weiter über Peymann (zu seinen Zeiten als Burgtheater-Intendant 1986-99): "Er war das, was heute die Flüchtlingskrise ist, ein Spalter der Nation." Von ihm gelte als gesichert, "dass noch niemals ein Zuschauer seine Karte wegen Langeweile zurückgegeben hat". Peter Handke hingegen sei der "größtmögliche Langeweiler", so Lottmann. Handke wolle beschreiben, "und Peymann will sozusagen erzählen." Was passiert? Es sei im Endeffekt Hauptdarsteller Christopher Nell, "dieser zum Weinen zarte Mensch", der "allein auf seinen schmalen Schultern" das ganze Unternehmen trage. "Den ganzen monströsen Handkescheiß." Aber Lottmann ist doch am meisten beeindruckt von Peymann, der zum Schlussapplaus auf die Bühne kam, und "wie er jetzt agiert, Schauspieler küsst und herzt, seine Lieblinge hin- und herschiebt, mit einer völlig aberwitzigen Applaus-Choreografie überrascht, Gefühlsausbrüche provoziert, bei seiner Truppe und im Zuschauersaal, bis endlich alle aufstehen und durchdrehen: sagenhaft."

"Robust angepackt und um entscheidende Feinheiten gekürzt", diene Handkes Stück Peymann als Grundlage für ein "ziemlich aufgeblasenes, ziemlich obsoletes Theaterdonnerwetter", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (29.2.2016). Statt ihn "in seiner seltsamen Querständigkeit oszillieren und flirren zu lassen", gehe Peymann den Text, "der zugegebenermaßen als Drama kaum bestehen kann", mit dem Schutzhelm und dem Werkzeugkasten des vierschrötigen Theaterhaudegens an, so Dössel. Auch Peymanns "abgestandener Theaterzauber- und Märchenonkelhumor" schade der Unternehmung und sorge dafür, "dass der Text auf der Bühne plötzlich sehr viel verquaster erscheint als bei der Lektüre".

Barbara Villiger Heilig gibt in der Neuen Zürcher Zeitung (29.2.2016) zunächst einmal einen Stimmungsbericht aus Wien mit Flüchtlingen und Oberkellner, und reminisziert den Burgtheater-Skandal. "Alles beim Alten? Nein, aber unter Kontrolle." Karl-Ernst Herrmann habe für "seine zigste Zusammenarbeit" mit Peymann "ein wunderschönes Himmelszelt aufgezogen", darunter "sich das Poem entfaltet, in bedächtigem Rhythmus". Die Monologe, die Christopher Nell als Dichter-Alter-Ego hält, seien "Dialoge des Ichs mit dem Ich". "Spezialisten" erkennten darin "Handkes Poetologie". Alle anderen "warten auf die Handlung". Doch die gebe es nicht. Die Unschuldigen tauchen zwar auf, wie üblich bei Peymann-Herrmann "aus der Versenkung hinten", aber viel mehr, als dem "Geschimpfe des Protagonisten" standzuhalten und "ihre Ohren" ihren Handys zu leihen, hätten sie nicht zu tun. Trotz "schauspielerischer Glanzlichter" lange "Handkes eigenbrötlerischer Wut- und Weltbürger" nicht für einen ganzen Theaterabend.

"Nicht verabredet und doch vorhersehbar wurde am Premierenabend gefeiert: ein Fest für Peymann in frenetischem Jubel", schreibt Uwe Mattheis in der taz (1.3.2016). Die drei Stunden Handke davor müsse man sich "als verschlüsselte Offenbarung eines (poetischen) Pantheismus" vorstellen. "Nach der ersten Feierlaune" verblasse der Abend. "Die Theatermaschine ist trefflich in Schwung, aber ihr Welterfindungszauber, der einst das Sehen neu lehrte, ist eitel blass geworden", so Mattheis: "Und wieder einmal werden die alten Heroen kulturkritisch klagen, das Theater haben an 'Stellenwert verloren'. Aber vielleicht hat ihr Theater, das über mehr als eine Generation das Theater war, mittlerweile erstaunlich wenig zu sagen."

Claus Peymann werde in Wien mit allen paramilitärischen Ehren empfangen: "Jubel, glückliche Präsentation alter Wunden, schön war's damals!", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (3.3.2016). Aber "die allgemeine Banalisierung, Verflachung, die die Inszenierung beklagt, vollzieht sie selbst: an diesem Stück, das sie so halb uraufführt". Nichts wirke inspiriert oder von spielerischem Überschuss getrieben. Karl-Ernst Herrmann, der große Bühnenerfinder, werfe uns nun bloß eine kahle, leere Kurve auf schiefer Ebene als Spielort hin. "Der Regisseur lässt darüber einen Trupp von Spitzweg-Buben und Kabarettkomparsen biedermeier-haft sich hinwegkräuseln – ein von Geburt an zusammengestauchtes, mut- und sprachloses Komfortgesindel." "Größtes Problem der Inszenierung: Es ist beim großzügigen Streichen von Text die Struktur des ganzen Stücks verloren gegangen."

 

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