Die Welt im Staubkorn Mensch

von Dorothea Marcus

Köln, 4. April 2008. Julia Wieninger hat Hannah auf der Straße angesprochen. Ilknur Bahadir musste drei Frauen treffen, ehe sie auf Nastassja stieß – auf der Bühne sehen wir sie in ihrer Konditorei vor rosa getürmten Sahnetorten. Wie Markus John auf den früheren Zuhälter Foxi aus Bergisch-Gladbach traf, der den Zuschauer in seinem heruntergekommenen Bühnenbüro empfängt, erfahren wir nicht. Aber es ist fast unheimlich, wie sich der Schauspieler langsam in e kölsche Jong verwandelt: mit Bart, zurückgegeltem Haar und breitester rheinischer Mundart wird er vor unseren Augen ein zutiefst anderer.

Nur der riesige Lette Juri Baratinskis bleibt immer er selbst, aber sein Leben ist auch ohne Bühnenverfremdung wie ein Romanstoff. Alvis Hermanis hat Juri auf einer Parkbank in New York kennengelernt, er war Schauspielschüler oder Immobilienmakler in Russland und Mönch in Burma, jetzt räkelt er sich vor der Fototapete mit den nackten Frauen auf seinem zerwühlten Bühnenbett.

Schauspielregisseur sucht: sympathische, unverheiratete Nicht-Künstler

Im Einzelnen steckt das Ganze, im Staubkörnchen Mensch die ganze Welt. Mit dieser poetischen Annahme hat der lettische Regisseur Alvis Hermanis schon mehrere Theaterabende bestritten, die zwischen Dokumentation, Fiktion und Selbsterfahrung schillern – zuletzt "Väter" in Zürich. Die "Kölner Affäre" in der Halle Kalk funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip: Monatelang haben die Schauspieler ihre "Prototypen" begleitet und deren persönlichen Geschichten aufgezeichnet. Nur wenige Kriterien waren von Hermanis vorgegeben: auf keinen Fall Künstler sollten die "Prototypen" sein, und nicht verheiratet – und eine gegenseitige Sympathie sollte entstehen.

Jeder Schauspieler besetzt auf der viergeteilten Bühne von Monika Pormale einen liebevoll vollgestopften Raum. Die frische Kölnerin Julia Wieninger steht in ihrer noch nicht eingerichteten Küche und erzählt von ihrer Suche. Als es klingelt, geht sie hinaus und kommt als Hannah mit einem roten, weiten Pullover und Sandalen in weißen Strümpfen wieder. Es ist auch ein Abend über Schauspielkunst und theatralische Verwandlung.

Damals, als die Schlägereien noch ehrlich waren

Zunächst hat man die Befürchtung, sie könnten ihre Figuren verraten: die Art, wie Julia Wieninger als Hannah den Kopf beim Sprechen zurücklegt und ein wenig bräsig gestikuliert. Oder wie Markus John, dessen lebensfroher Prolet Foxi kabarettistische Qualitäten entwickelt. Oder wie Ilknur Bahadir die stille, unterdrückte Ukrainerin Nastassja mit Kochschürze und Brille fast als Karikatur spielt. Doch wir werden immer tiefer in ihre intimen Lebensgeschichten hineingezogen, die spannend wirken wie Romane und doch alltägliche Einzelschicksale sind. Jedes Leben wird schöner, wenn es in eine Geschichte verwandelt wird, und sei sie auch noch so traurig.

Foxi erzählt vom Nachtleben in Köln, damals, als die Schlägereien noch ehrlich waren, und von den Jahren "auf Kur" im Knast. Hannah richtet ihre Küche ein, die angeblich Julias Küche ganz ähnlich sieht, und managt nebenbei ihr Besichtigungsunternehmen Colonia Tours. Was Theater ist und was in der Küche wirklich passierte, ist nicht zu entscheiden. Nastassja berichtet von ihrer Schwangerschaft, wie der Vater ihres Kindes zu ihr ins Asylantenwohnheim zog, mit Drogen handelte und sie sich im fünften Monat am liebsten von der Brücke gestürzt hätte.

Was ist ein Leben, wo geht es hin?

Und immer wird es noch trauriger: Wenn Hannah das erste Mal zum Friedhof zu ihrer Mutter fährt und auf dem Weg dahin entdeckt, dass ihr langjähriger Freund Johannes sie betrügt – da weint Julia Wieninger. Oder wenn Juris von seinen vielen, wilden und schief gegangenen Lieben erzählt und Nastassja von ihrem Sohn, der mit elf in Pflege kam: "Das ist wunderbar so." Man glaubt ihnen ihre Selbstrechtfertigungsstrategien nicht – und dann doch wieder, sie rücken Lebensläufe zurecht und machen sie aushaltbar. Und so kitschig es sich  anhört, es gibt in jedem Leben eine positive Kraft, die es vorantreibt.

Hannah kauft sich ein Klavier, nur um sich dann doch nicht zu trauen, ihr Lieblingslied "Für mich soll's rote Rosen regnen" von Hildegard Knef darauf zu spielen. Bäckerin Nastassja bekommt endlich das Rezept für den Mohnkuchen hin, "es macht mich glücklich, wenn es den anderen schmeckt." Foxi findet es gut, damals in einem halben Jahr 60.000 Euro verschleudert zu haben, "ich habe etwas erlebt was ich sonst nicht erlebt hätte." Was bleibt anderes übrig, als das Kleine ganz groß zu machen.

Nur fein angedeutet nehmen die vier Personen zum Schluss Verbindung zueinander auf, vor großen Fotos der verregneten Domplatte oder der grauen Nord-Süd-Fahrt, die auf einmal eine befremdliche Schönheit entwickeln. Foxi nimmt sich ein Stück Mohnkuchen von Nastassja, Juri meditiert auf einem der eingeschweißten Kissen, das Hannah als heimliche Obsession zum Probeliegen mitnahm, und Hannah spielt endlich "Rote Rosen", ganz laut. Was ist ein Leben, wo geht es hin, wo kann man eingreifen und es dem Unglück und der Banalität entreißen? Wie versöhnt man sich mit dem, was man nicht kontrollieren kann? Die Antwort auf alles: durch Kunst. Ein zauberhafter Abend darüber, dass die Poetisierung des Alltäglichen die einzige Hoffnung ist und wie man sie selbst in die Hand nehmen kann. 

 

Kölner Affäre
von Alvis Hermanis und anderen
Regie: Alvis Hermanis, Bühne: Monika Pormale, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Ilknur Bahadir, Juris Baratinskis, Markus John, Julia Wieninger.

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Das Konzept der "multiplen Autorschaft", wie es das Team um Alvis Hermanis in seiner "Kölner Affäre" umgesetzt hat, leuchtet Andreas Wilink in der Welt am Sonntag (6.4.2008) ein: "Man darf das Ergebnis schon ein Stück Literatur nennen, vielleicht aus dem Geist des Spurensuchers und Geschichts-Sammlers Alexander Kluge." Wer von den Schauspielern bei der Aneignung der fremden Schicksale "die dankbarste Rolle" bekommen habe, darüber könne man streiten: "Vermutlich Markus John, der sich ein Original namens Foxie angelacht hat." Er mache aus seiner Darstellung ein "Virtuosenstück, total reell und doch hart an der Grenze zur Karikatur. So blickt man immer auch in die Werkstatt des Schauspielers." Ilknur Bahadir wiederum gehe "ihre Sache distanzierter und nüchterner an". Nie aber stelle sich "Peinlichkeit ein oder falsche Scham. Ein bemerkenswerter Theaterabend."

"Außergewöhnliche, auch abenteuerliche Lebensgeschichten" träten in der "Kölner Affäre" zutage, konzediert Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (7.4.2008). "Kindheitsmuster, Beziehungsgeschichten, geplatzte Träume. Wie davon, im springenden Wechsel und von Schnulzen scharniert, erzählt" werde, "wie die Schauspieler sich in die Figuren einfühlen und sie ausfüllen", vermöge "lange zu interessieren und mitunter auch zu rühren." Doch "Hermanis' Versuch, zu einem Duane Hanson des Theaters zu werden", könne "Klischees nicht entgehen: Die Frauen sind Opfer, und die Männer gerieren sich als solche, obwohl sie Täter sind. Vom Leben gebeutelt und betrogen sind alle vier: Rendezvous der Verlierer." Letztendlich verhalte sich diese Uraufführung "gegenüber der Realität, eins zu eins, wie sie abgebildet wird, tautologisch. Wer mit offenen Sinnen durch Köln streift, kann, was Alvis Hermanis entdeckt, auch in der Straßenbahn oder im Wartezimmer erleben."

Man könne die vier Lebensgeschichten aus der "Kölner Affäre" "durchaus als kunstvoll verwebte Motive eines Goethe'schen Bildungsromans lesen", meint Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (7.4.2008). Hermanis kontrastiere die "herzzerreißenden Bekenntnisse" der Protagonisten "mit erheblichem dramaturgischem Geschick". Bald schon glaubten "wir diese Menschen zu kennen, weil wir ganz ähnlichen einmal begegnet sind. Und wenn Hermanis seinen Kölner Charakterköpfen am Ende ihre jeweils eigene Katharsis zugesteht, ist das der Gnade der Kunst geschuldet." Was man dann sehe, mögen "wirklich gelebte Momente des Glücks sein. Aber die stehen nie passend am Ende von irgendwas. Hier berühren sie uns so direkt, dass man den Kitschverdacht nicht schnell genug aussprechen kann, bevor die Tränen einschießen. Warum ist das so? Weil wir unsere Lebensgeschichte selbst durch Kopieren und Einfügen zu einer sinnvollen Erzählung basteln."

"Anders als beim Dokutheater à la Rimini Protokoll", schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (10.4.2008), gibt es bei Hermanis "kein übergeordnetes Thema; es genügt, die Geschichten von vier Menschen, die in Köln leben, zu erzählen." Hermanis gehe es darum, seine These zu beweisen: "Vom Leben eines einzelnen, gemeinen Menschen zu erzählen, ist mehr wert als der ganze Goethe." "Eigentlich ist das Nicht-Theater: Echte Erlebnisse, ohne Bezug zueinander...doch das Imitieren wiederum ist reine Illusion, also pures Theater: drei Stunden nur Reden und Requisiten." Ob einen das so berühren würde ohne das Prädikat "wahre Begebenheit", frage sich der Rezensent. Aber "wenn sich am Ende die vier zum ersten Mal begegnen, schlägt die Theatralisierung der Realität um und schafft immerhin eine neue Realität."

 
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