Game over

von Christian Rakow

Leipzig, 4. März 2016. Den Groll zuerst, Lob folgt noch: Es ist unsäglich, wie sich die Dramaturgien derzeit mit dem Begriff "Game" aufmunitionieren, als ginge es zum Hornberger Schießen. Das Junge DT Berlin mixte unlängst den Schulbuchklassiker Herr der Fliegen von William Golding mit dem Aufbauspiel "Minecraft" (Regie: Robert Lehniger), und wurde dafür prompt zu Microsoft Berlin eingeladen, um sich für seinen Pionier-Spirit in Sachen Game Theater feiern zu lassen.

Wo bleibt der Pioniergeist?

Dabei war die Arbeit bei genauer Betrachtung eine durch und durch traditionelle Romanadaption. Der Computerspiel-Anteil beschränkte sich auf die Zurschaustellung von Jugendlichen vor iBooks, die immer mal wieder auf der Leinwand 3-D-Ansichten einer Baukasten-Insel präsentierten, die sie zuvor in "Minecraft" gebastelt hatten. Game- und Gamer-Bilder als Dekor. Ein Video hätte es ebenso gut getan. Und nebenher gesagt: Genau so war es schon bei Roger Vontobels Illustrierung der Helden auf Helgeland von Ibsen 2008 in Hamburg mit 3-D-Panoramen aus dem "Second Life". "Second Life", erinnert sich noch jemand? Genau. So viel zum Pioniergeist.

DerSturm 560 LostinTheGame2 Tom Schulze uVerloren im Spiel © Tom Schulze
In Leipzig geht's ähnlich zu. Im Grunde haben sie sich Shakespeares Alterswerk "Der Sturm" vorgenommen. Aber weil so ein Shakespeare mit seinem Zauberer Prospero womöglich etwas uncool kommt im Angesicht von "The Witcher" und all den millionenfach verkauften Fantasy-Rollenspielen, nennt das Team um Regisseur Jan Jochymski das Werk im Untertitel "Lost in the Game". Shakespeares Insel-Personage wird als Gruppe von "Avataren" eines Multiplayer-Spiels angesprochen. Prospero gilt mal als Spielleiter ("das Level"), mal als besessener Spieler. Egal. Alles bleibt Rahmenbehauptung, die die ansonsten grundsolide Dramendarbietung in der Substanz nicht antastet.

Theater für Drogenbeauftragte

Zu allem Überfluss aber gibt's bei den Leipzigern einen Schlagobers Pädagogik oben drauf, den sie noch in den 1990ern eingelagert haben müssen: In einer anskizzierten First-Date-via-Internet-Geschichte und mehreren Monologen mit O-Tönen von Spielsüchtigen weisen uns die Akteure auf die Gefahren des Gamings hin und verneigen sich dienstfertig vor der Schirmherrin des Abends, die ihren Referenten geschickt hat: die Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

DerSturm 560 LostinTheGame1 Tom Schulze uOb Game oder Theater, hier wird ein böses Spiel gespielt © Tom Schulze

Nichts gegen Suchtprävention, aber man sollte zuallererst auf das Niveau aktueller Diskurse rund ums Gaming treten, ehe man die Probleme anpeilt. Spiel heißt: Hindernisse überwinden, Regeln erkennen und nutzen. Trial und Error. Nicht Allmachtsphantasie, wie der Abend suggeriert, sondern Machbarkeitsprobe. Wie Game-Theoretikerin Jane McGonigal sagt: Spiele sind herausfordernder als das Leben und Feedback-stärker, daraus resultiert ihr Suchtpotenzial ebenso wie ihr Erkenntnispotenzial.

Johnny Depp macht auf Da Vinci

Man kann sich wunderbar ausmalen, wie "Der Sturm" als offene Spielstruktur aussähe: Geht man mit dem allmächtigen Inselherrscher Prospero oder – im Sinne der postkolonialistischen Lesarten des Stücks – mit der von ihm unterdrückten Kreatur Caliban? Wie sähe die Insel aus, wenn die Revolte der Trunkenbolde Trinculo und Stefano gelänge? Was auch immer. Spiel heißt: Optionen durchprobieren.

Hätten sie sich in Leipzig nicht mit ihrem "Lost in the Game" verloren, wäre es eine lockere Shakespeare-Kompaktversion geworden: mit einem Prospero, der trocken witzig seine Insel regiert und dabei aussieht, als wolle Johnny Depp auf Leonardo da Vinci machen (Sven Reese), mit ätherisch hallenden Gesängen des Luftgeists Ariel (Anna-Lena Zühlke), mit viel Nebel und Gitarren-Riffs zur Liebe von Miranda (Katja Göhler) und Ferdinand (Benjamin Vinnen). Das Ensemble des Theaters der Jungen Welt gehört zu den Spitzen des deutschen Jugendschauspiels. Und Jan Jochymski kitzelt seine Spielstärke heraus, so wie er bis 2014 als Schauspieldirektor in Magdeburg ein junges, frisches Theater ermöglichte. Aber bloß frische Bühnenkunst sollte es an diesem Abend nicht sein. Es musste gut abgehangene Medienschelte mit rein. Bis es trieft.

 

Der Sturm – Lost in the Game
nach William Shakespeare
Deutsch von Jens Roselt
Bearbeitung: Winnie Karnofka und Jan Jochymski
Regie: Jan Jochymski, Ausstattung: Andreas Auerbach, Musik: Sven Springer, Dramaturgie: Winnie Karnofka.
Mit: Katja Bramm, Stephan Fiedler, Katja Göhler, Martin Klemm, Kevin Körber, Sven Reese, Reinhart Reimann, Benjamin Vinnen, Anna-Lena Zühlke
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Aufgeführt "unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler. Mit Unterstützung der Ambulanz für Spielsucht an der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und dem Präventiven Mediensuchtprojekt k.NIF Leipzig."

www.theaterderjungenweltleipzig.de

 

Kritikenrundschau

Tobias Prüwer von der Jungen Bühne (aufgerufen am 7.3.2016) schreibt, Shakespeares Stück habe Züge eines digitalen Rollenspiels, weshalb es keine Schnapsidee sei, den Stoff mit der Thematik virtueller Raum und Computerspielsucht zu überblenden. Leider fehle dem Abend die "Konsequenz, das Game-Sujet tatsächlich ins Stück zu holen." Prüwer bedauert: "Man hätte mit dem Thema viele Möglichkeiten ausloten können, aber es interessierte offenbar zu sehr allein der Suchtaspekt. Da tut sich ein Spielfeld verpasster Chancen auf."

Steffen Georgi von der Leipziger Volkszeitung (7.3.2016) ist skeptisch ob der Eignung Shakespeares Spätwerks zum "Paten der Computerspielsucht". Der Text sei an diesem Abend weitgehend auf das Maß solider Hemdsärmligkeit gestutzt, "doch auch dadurch fügt sich nicht zusammen, was nicht zusammen gehört. Als Bundesbeauftragter jedweder Suchtprävention ist Shakespeare denkbar ungeeignet." Denn: Selbst in den Texttrümmern, die von seinem Stück in dieser Inszenierung, gleichsam wie vom Sturm verweht übrig blieben, sei immer noch dieses Anarchische des Fabulierens, ist das Traumgespinsthafte resistent enthalten. Diese "Poesie als Droge" schlage in der Aufführung nicht in jedem Fall an, mache aber in einigen guten Moment „schlicht Spaß“. Es gebe starke Szenen und berührende Momente, in denen sich ein Drama andeute, das allein ein separates Stück wert gewesen wäre. "Eins, für das es Shakespeare nicht bedarf."

 
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