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Zuhause ist es doch am schönsten

von Friederike Felbeck

Neuss, 4. März 2016. Nun hat also auch Neuss seinen Chor. Laienchöre sind eine sorgsam hochgezüchtete Zimmerpflanze, je nach Blickwinkel auch ein unangenehmes Unkraut oder sogar eine fleischfressende Pflanze, deren Triebe die deutsche Theaterlandschaft überwuchern.

Nach einschlägiger Schulung durch ihren Chorleiter skandieren sie meist unisono mal in Kleingruppen, mal geschlechterspezifisch oder zielgruppengerichtet und würzen den dramatischen Zeitgeist mit Bürgernähe und Partizipation. Der Dramatiker Philipp Löhle hat seinen Heimatchor in das 2014 von Volker Hesse "zurückhaltend" am Theater Bern uraufgeführte Stück "Wir sind keine Barbaren!“ (Nachtkritik vom 8. Februar 2014) mit eingeschrieben. In Neuss speist sich die Besetzung des Bürgerchors nicht aus Vorgängerprojekten oder theateraffinem Stammpublikum. Per Anzeige, im Internet ausgeschrieben sind die 10 Beteiligten zur Hälfte männlich und weiblich zwischen 31 und 76 Jahren. Lediglich ein Mitglied des früheren Seniorentheaters ist mit seiner Tochter gekommen, um die eigene Lebenswelt und Gesinnung zu kommentieren.

Barbaren1 560 Bjoern Hickmann Stage Picture uGenießen den Feierabend: Alina Wolff (Linda), Stefan Schleue (Paul)
© Bjoern Hickmann Stage Picture

Die Verteidigung des Gartenzauns

Es riecht nach Hecke im großen Saal des Rheinischen Landestheaters. Ein nur wenige Quadratmeter großes Terrain ist fein säuberlich eingezäunt. Ein Paar in den besten Jahren ohne Geheimnisse, das jede erotische Spannung zwischen sich wegdesinfiziert hat, lauscht dem öffentlichen Stöhnen der neuen Nachbarn. Vier typische Vertreter der deutschen Mittelschicht im Fitness- und Flatscreenwahn sortieren sich zu einem unverbindlichen Miteinander – Vorgarten an Vorgarten, Prosecco um Prosecco – bis eines Abends ein Flüchtling in die Idylle einbricht und um einen Schlafplatz bittet. Vegan-Köchin Barbara (Linda Riebau) und ihr mit schütterem Haar und Gardena-Accessoires ausgestatteter Ehemann Mario (Andreas Spaniol) nehmen den Fremden bei sich auf. Die mitfühlende Gastgeberin mutiert bald zur ehrenamtlichen Helferin, während ihr Mann und die beiden Nachbarn (Alina Wolff, Stefan Schleue) skeptisch die zivilisatorischen Fortschritte des Fremden beäugen.

Barbaren2 560 Bjoern Hickmann Stage Picture uHöllische Nachbarn: Linda Riebau, Andreas Spaniol, Stefan Schleue, Alina Wolff
© Bjoern Hickmann Stage Picture

Angst aus der Reihe zu tanzen

Bobo oder "Klint", wie sie ihn taufen, tritt nie selbst in Erscheinung und das ist die große Chance des Stücks. So geraten denn auch die Gespräche der vier zu dem beißendem Smalltalk, mit dem wir uns in Cafés, auf Terrassen oder in Einkaufszentren über die Fremden, die in unser Land kommen, ausbreiten. Da geht es um die Einrichtung eines privaten Schutzraums, für den Fall, dass sich alle anderen Afrikaner auch noch auf den Weg nach Europa machen, um die wahre Penislänge des starken Wilden, oder und um die Frage, ob Bobo als Hausdiener taugt oder doch nur ein islamischer Terrorist wäre. Der Chor ist dabei der Handlauf der Inszenierung, der über die Gartenmauer schielt und die Schnittmenge aller Deutschen zusammenfassen soll.

Löhle zoomt die gemeinsamen Alpträume heran: Neben der Sorge vor Überfremdung ist es vor allem die Angst, aus der Reihe zu tanzen und vor den Scherben eines leeren Lebens zu stehen. Als Barbara vom Flachbildschirm erschlagen im Wald gefunden wird, gerät Bobo unter Verdacht. Am Ende war’s der eigene Ehemann, der lodernd vor Eifersucht seinem interkulturellen Penisneid erliegt und die eigene Frau erschlägt. Da rotten sich noch einmal alle zusammen und das Unsagbare wird vertuscht, der Flüchtling verknackt.

Löhle hinkt dem Zeitgeist hinterher

Die in Teheran geborene und im badischen Lörrach aufgewachsene Regisseurin Sahar Amini inszeniert pointiert und mit viel Wortwitz, aber wenig visuellen Reizen wie sich das Ehepaar und die Nachbarn entzweien – als wäre es das Weiß eines monochromen Bildes oder der blutige Kampf zweier verzogener Sprösslinge bei Yasmin Reza, der die pseudoliberalen Großstadtmenschen ihr wahres gesellschaftspolitisches Gesicht zeigen lässt.

Allein, die Spielpläne der Landestheater haben einen langen Atem: So ist die Entscheidung, Löhles Stück im Großen Haus zu zeigen, lange gefällt und kein tagespolitischer Reflex auf die Flüchtlingskrise wie er noch in dieser Spielzeit zahlreiche Blüten an Rhein und Ruhr treiben wird. Löhles Stück hat durch seine treffsichere Aktualität an Schärfe gewonnen. Aber sein programmatisches WIR ist längst ausgeklinkt. Das WIR des Heimatchors ist nicht mehr als eine Kopffessel, eine Zumutung und eine gefährliche Illusion. Hinter zugezogenen Gardinen werden die Unterschiede sorgfältig gegossen und aus dem deutschen Heckenkoller ist längst Stacheldraht geworden. Das ist, bei aller Unterhaltsamkeit und einem ausgezeichneten Ensemble, der Zeitwert des Stückes, dem die Inszenierung auch nicht zu mehr Schlagkraft verhelfen kann.

 

Wir sind keine Barbaren!
von Philipp Löhle
Regie: Sahar Amini, Bühne/Kostüme: Anna Schurau, Malte Schurau, Chorleitung: Peter Wallgram, Dramaturgie: Reinar Ortmann.
Mit: Linda Riebau, Andreas Spaniol, Alina Wolff, Stefan Schleue.
Der Neusser Heimatchor: Vanadis Bever,  Rhonice Cerson-Walter, Silvia Göhring-Fleischhauer, Astrid Hoerkens-Flitsch, Brigitte Huscher, Conny Krause, Hermann-Joseph Krause, Joachim Rulfs, Peter Wallgram, Hildegard Weger
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.rlt-neuss.de

 

Kritikenrundschau

Helga Bittner schreibt in der Neuss-Grevenbroicher Zeitung (7.3.2016): "Regisseurin Sahar Amini reduziert in ihrer Inszenierung das Äußere auf ein Minimum, setzt auf die absurden, witzigen, schnellen Dialoge". Straff und geradewegs auf den knalligen Schlusspunkt zusteuernd habe sie die Geschichte in 90 pausenlose Minuten gepackt. "Ohne viel Schnörkelei, sondern nur darauf zielend, dass die markante Sprache des Textes die Selbstsicherheit einer Gesellschaft als tönern entlarvt." Bittner schließt: "Großer Beifall für sehenswertes Theater."