Die Angst, dein ständiger Begleiter

von Willibald Spatz

München, 5. März 2016. Man wird hier nicht arg belästigt mit zwanghaften Aktualisierungen, man kann hier das Miller'sche Original in vollen Zügen genießen, wobei man immer wieder deutlich eine große Lust am Spektakel spürt. Die Handlung setzt ja ein, nachdem ganz Entscheidendes schon passiert ist: der nächtliche Tanz der Mädchen im Wald von Salem. Tina Lanik kann der Versuchung nicht widerstehen, das auch noch zu zeigen. Stumm sitzen die Mädchen am Bühnenrand, dann beginnen sie sich ihre Kleider aufzuknöpfen. Kurzer Black. Sie kotzen. Nächster Black. Blut vor dem Mund, Feuer lodert im Hintergrund – schönste Horrorfilmschlachthausstimmung.

Und um diese Atmosphäre noch zu verstärken, steht die ganze Zeit hinten auf der Bühne Polly Lapkovskaja und untermalt das Geschehen mit effektvoll verfremdeten Gesangseinlagen. Was nun folgt, ist im Wesentlichen ein großes dreistündiges Ensemblefest, bei dem jeder mal etwas Raum bekommt aufzuspielen.

Falsche Geständnisse

Dabei schaut man größtenteils gern zu, außer man reagiert allzu empfindlich auf Pathos. Vor allem Thomas Loibl als John Proctor und Valery Tscheplanowa als Abigail Williams gelingen Höhepunkte der Zweisamkeit. Er ein großer, grober Kerl, der vom Schaffen draußen reinkommt, sie ein zerbrechliches, feenhaftes Wesen im weißen Kleid, kaum mehr als Luft. Und doch hält er sofort inne, wenn sie sich rührt, geht auf sie zu. Jede ihrer Bewegungen hat für ihn einen besonderen Sinn, sie bindet ihn an sich mit einer eigenen Magie, das fühlt man schon, bevor klar wird, dass die beiden einst eine Affäre hatten.

Hexenjagd1 560 Thomas Aurin uDie Stimmung ist düster, aber stecken diese Mädchen wirklich mit dem Teufel im Bunde? V.l.n.r.: Genet Zegay als Betty Parris, Friederike Ott als Mercy Lewis, Valery Tscheplanowa als Abigail Williams,  Valentina Schüler als Tituba © Thomas Aurin

Die Angst ist der ständige Begleiter der Bewohner von Salem. Jeder kann hier jedem etwas anhaben, sobald die äußeren Umstände es erlauben, und sie erlauben es schneller, als man damit gerechnet hätte. Sobald das erste Mädchen gestanden hat – hier ist es Valentina Schüler in einer überdrehten, witzigen Nummer als Tituba - , mit dem Teufel im Bunde zu stehen, kann man alle hinhängen, sie werden vom Gericht mit ziemlicher Sicherheit an den Galgen gebracht. Schon herrscht die nächste Angst, nämlich die, dass sich die Umstände wieder ändern könnten, dass die, die kurz Macht hatten, wieder in ihrer Bedeutungslosigkeit verschwinden könnten.

Eingeprügelte Wahrheiten

Schön repräsentiert das auch die Bühne von Stefan Hageneier, ein Konstrukt aus bewusst schäbigen Balken, zwischen denen man Wände aus halbtransparenten Plastikplanen herablassen kann. Nichts ist sicher, alles ändert sich, auch die Räume verwandeln sich. Was sich hinter den Wänden befindet, kann man nur erahnen. Einmal sieht man hinter Folie, wie der Reverend John Hale ein von der Decke hängendes Mädchen schlägt, um von ihr Namen zu erfahren. Als der Blick wieder klar ist, sitzt er besorgt neben ihr am Bett. Thomas Lettow spielt ihn als ein schrecklich verhuschtes Bürschchen, der keinem ins Gesicht schauen kann, der sogar dem Publikum nur den Rücken zuwenden kann. Ihm wird das unheimlich, nachdem er etliche Todesurteile mitverantwortet hat, erkennt er, dass alles falsch war.

Hexenjagd2 560 Thomas Aurin uSchwarzweiße Konstellationen in "Hexenjagd" © Thomas Aurin

Als Held kann er nun aufrecht und geläutert dem schrecklichen Finale zuschauen. Die Rolle des Oberunsympathen teilen sich da schon Simon Werdelis als Speichellecker Ezekiel Cheever und Norman Hacker als Danforth, der als Stellvertreter des Gouverneurs die unglücklichern Salemer verurteilen und hinrichten darf und das mit unverhohlenem Vergnügen zelebriert. Er liefert sich mit Thomas Loibl das letzte Duell. Hier wird einem noch mal die letzte Wahrheit gnadenlos eingeprügelt im Kampf um ein Geständnis von Proctor. Wenn Danforth das an die Kirchentür nageln könnte, dann wäre der letzte Zweifel in Salem fort gewischt. Doch Proctor stirbt lieber als aufrechter Mann.

Motor öffentlichen Handelns

Tina Lanik reicht mit ihrer Inszenierung die "Hexenjagd", die Arthur Miller vor etwas mehr als 60 Jahren geschrieben hat, bedrängt von der Verfolgung "unamerikanischer Umtriebe" in der McCarthy-Ära, schön aufbereitet an den Zuschauer von heute weiter. Der kann sich nun selbst entscheiden, wo und wie stark er sich von dem Text berühren lässt.

Allzu viel Interpretation wird einem nicht aufgedrängt. Freilich ist Angst immer noch ein Motor öffentlichen Handelns und die Verdrehung von Tatsachen alltägliches politisches Geschäft. Nur für diese Erkenntnis muss man nicht unbedingt "Hexenjagd" anschauen. Davon abgesehen liefert Arthur Miller immer noch Material, aus dem sich Momente grandioser Spannung herausdestillieren. Das ist auf jeden Fall eine Leistung dieses Abends.

Hexenjagd
von Arthur Miller
Deutsch von Hannelene Limpach, Dietrich Hilsdorf und Alexander F. Hoffmann
Regie: Tina Lanik, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Komposition und Live-Musik: Polly Lapkovskaja, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Jörg Lichtenstein, Friederike Ott, Valery Tscheplanowa, Genet Zegay, Juliane Köhler, Wolfram Rupperti, Valerie Pachner, Thomas Loibl, Ulrike Willenbacher, Michele Cuciuffo, Thomas Lettow, Valentina Schüler, Sibylle Canonica, Simon Werdelis, Norman Hacker, Arnulf Schumacher.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Es sei "tatsächlich wie verhext", schreibt Alexander Altmann im Münchner Merkur (7.3.2016): "Da sitzt man im Theater und folgt höchst gespannt einer Thriller-Handlung, die in Star-Besetzung über die Bühne geht, aber gleichzeitig langweilt man sich entsetzlich. Warum? Weil Tina Lanik mit Arthur Millers 'Hexenjagd' ein Stück von 1953 genau so inszenierte, wie man es damals, vor über 60 Jahren getan hätte: als bieder-realistisches Illusionstheater, das aber heute schon darum so deplatziert wirkt, weil der Film diesen Naturalismus viel effektvoller hinkriegt". Und Altmann wird grundsätzlich: "ein Theater, das dem Kino mit dessen Mitteln Konkurrenz machen will" setze "seine Daseinsberechtigung aufs Spiel." Wie so oft habe "diese Regisseurin mal wieder Dienst nach Vorschrift gemacht, ohne innere Notwendigkeit einfach routiniertes Handwerk abgespult."

"Entschiedene Eingriffe oder gar Experimente" seien Tina Laniks Sache nicht, konstatiert Christine Dössel (7.3.2016) in der Süddeutschen Zeitung. "Als habe sie sich vorgenommen, nun den strikten Gegenkurs zum Freie-Szene-Performance-Programm der Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal zu fahren, inszeniert sie Arthur Millers Drama nicht nur besonders textgetreu, sondern auch extrem konventionell und ordentlich, mit so vielen Auf- und Abtritten und statischen Anordnungen der Figuren, wie man es gar nicht mehr gewohnt ist." Es sei, "gerade wenn viele Personen auf der Bühne sind, ein solches Aufsage- und Stehtheater, dass man gerne hexen könnte, um da mehr Spiel, Wahnsinn und Irritation reinzutreiben – und mehr Bezug zu heute." Trotzdem sei das Ganze "eine Steilvorlage für einen großen Ensemble-Abend ist. Als einen solchen muss man die Inszenierung tatsächlich würdigen."

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