Tanz' das Schwert Gottes!

von Dorothea Marcus

Bochum, 10. März 2016. Ist der Islam die Religion des HipHop? Immer mehr würden HipHop und Rap instrumentalisiert, steht im Programmheft. Den Zusammenhang von Kunst, Islam und Missbrauch möchte Neco Çelik in seiner zweiten Arbeit mit dem Herner Streetart-Ensemble Renegade untersuchen. Seine erste, "Ruhm", war 2015 am Bochumer Schauspielhaus vielleicht auch gerade deshalb so umjubelt, weil der Schauspielregisseur Tanz mit erfrischendem Außenblick und dramaturgischer Souveränität inszenierte.

Wenn man dem auf die schmierige Kachelwand projizierten Video des Rap-Megastars "Haftbefehl" alias Aykut Anhan zusieht, scheint HipHop mit Islam zunächst gar nichts zu tun zu haben. "Was nervt, machst du tot", hämmert es martialisch, auf dem Video sieht man Knastszenen, Bauchdurchschüsse, coole Jungs mit Muskeln und Sonnenbrillen, Gorillas mit Gewehren, allerlei Folterszenen – krasse Gewaltverherrlichung: Tätersein ist cool, Opfer sind Schwächlinge. "Wenn ich anfangen würde, den Glauben zu praktizieren, müsste ich definitiv mit der Musik aufhören", hat der erfolgreichste Gangsta-Rapper Deutschlands mal zu Protokoll gegeben. Er kreiert mit seinem Rap also eher Protestgrundierungen zur Wut des männlichen und benachteiligten Migranten von nebenan als Aufrufe zur religiösen Erweckung.

Hüpfende Burka-Skulpturen

Wütend scheinen auch die fünf Renegade-Tänzer in grauen Gewändern und bunten Socken zu sein, die da zu martialischen Bässen so stolz und verächtlich ins Publikum gucken. Dann drehen sie uns den Rücken zu und schwanken wie orientierungslose Ähren im Wind, bis sie unkontrolliert und gequält anfangen zu zittern, hin- und hergerissen zwischen Pose und Pein. Almosen suchend, strecken sie die Hände aus, werden immer wieder roboterartig vom Tanzpartner zurückgewiesen, bedecken voller Scham die Gesichter mit ihren Händen, während der Schutz stets weggeschlagen wird, winden sich zerquält auf dem Boden unter missbilligendem Kopfschütteln der anderen. Vielleicht fühlt man sich so, wenn man in einer Gesellschaft nicht aufgehoben ist oder dem Ansturm der Vorurteile nicht mehr standhält.Basmala2 560 frank dieper uIn der Bochumer Zeche 1 tanzen die Jungs von Renegade wütend und verzückt
© Frank Dieper

Zu metaphysisch-elektronisch geladenem Dröhnen und Knistern (Musik: Anna Thorvaldsdottir) stampfen sie mit den Füßen in den Boden und legen immer wieder beiläufig elegant verschraubte HipHop-Moves hin. Tänzerisch geschieht das alles auf höchstem Niveau. Und dann kommen natürlich doch Maschinengewehrsalven des islamistischen Terrors vom Band, es strömt der Kunsteis-Nebel, und fünf verschleierte Gestalten stehen da, zucken sich in Gebetsposen und bilden seltsam hüpfende Burka-Skulpturen, die sich zu Geistererscheinungen oder in bedrohlich verschlossene Festungen verwandeln: europäische Außenbilder des Islamismus.

Getanzte Frömmigkeit

Wochenlang hat Neco Çelik mit seinen großteils muslimischen Tänzern, gecastet aus Ägypten, dem Iran, Paris/Benin, dem Senegal oder der Türkei, die Arbeit gemeinsam entwickelt – und ausgefochten. Zu rund 60 Prozent besteht "Basmala" aus muslimisch geprägten Bewegungselementen, aber nicht jeder war bereit, beispielsweise Gebetselemente mit aufzunehmen. Auch der frühere Schulabbrecher, Gang-Gründer, Sozialarbeiter und Filmregisseur mit türkischen Wurzeln Çelik bekennt sich offen zum Islam, vielleicht kann er auch deshalb so unbekümmert mit seinen Elementen spielen. Basmala ist jene Anrufungsformel Allahs, die am Beginn nahezu jeder Koran-Sure steht.

Es sind starke, kraftvoll choreografierte Bilder, die mit Außenklischees spielen und den inneren Reaktionen, die sie bei Muslimen auslösen: Scham, Schuld, Qual, aber vor allem Wut und Ohnmacht. Noch stärker wird der Abend aber, wenn die Tänzer die eigene Frömmigkeit vertanzen – und dabei die Männlichkeitsposen zunehmend aus dem Blick geraten: Geradezu verzückt geißeln sie sich da selbst, erheben die Arme zu Gott, werfen sich auf den Boden und verharren hingegeben. Wie hypnotisiert durchfahren sie sich von oben herab mit dem Schwert Gottes, zittern und beben sich in Gemeinschaftsekstase, aus der immer wieder jemand ausbricht.

Wer aufbegehrt, ist noch erreichbar

Zum Schluss schließt sich dann der Kreis zum Anfang. Diesmal stammt das Video vom hypnotischen kanadischen Islam-Prediger und Rapper Boonaa Mohammed, der mit sanfter und suggestiver Stimme rhythmisch und souverän zu Opfern für den Islam aufruft – während die Jugendlichen um ihn herum ergriffen Handy-Videos drehen und mit großen Augen staunen. Auch die Bühnentänzer bilden nun endlich eine frontale Einheit zum Publikum. Die Sanftheit ist weit gefährlicher als die Wut, scheint der Abend zu erzählen. So lange junge Menschen noch aufbegehren, kann man sie erreichen – danach verlieren irdische Argumente ihre Geltung. "Basmala" besticht als authentisch wirkender und groß getanzter Bewusstseinsblick in fremde Welten von martialischer Schönheit und erzählt zugleich von der missbräuchlichen Macht der Kunst.

 

Basmala – Freund oder Feind
Ein Tanzstück über HipHop und Islam, Glauben und Misstrauen
Regie: Neco Çelik, Choreographie in Zusammenarbeit mit den Tänzern, Licht: Jens Piske, Produktionsleitung/Idee: Zekai Fenerci, Konzept: Julia Figdor.
Mit: Milad Samim, Ibrahima Biaye, Said Gamal, Sefa Erdik, Freddy Houndekindo.
Eine Renegade Produktion.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.pottporus.de/renegade

 

Kritikenrundschau

Die Grundstimmung des Abends "ist nachdenklich, fragend, verunsichert", so Max Florian Kühlem in der Ruhr Nachrichten (12.3.2016). "Es startet mit einem Video des Offenbacher Ghetto-Rappers Haftbefehl, der für viele Menschen dem diffusen Klischee des Gangsters aus dem islamischen Kulturkreis entspricht." Dabei habe der mit Religion gar nichts am Hut. "Die Tänzer stehen vor den Bildern und geraten - wie zwischen Selbst- und Fremdbild erschüttert - kollektiv ins Wanken." Man gehe in manchen Szenen roh miteinander um und setzen damit den harten Diskussionsprozess bei der Stückfindung auf der Bühne um.

"Die Vorstellung ist herausfordernd, um es schlicht zu sagen", schreibt Jürgen Boebers-Süßmann auf dem Online-Portal Der Westen (12.3.2016). "Es wird keine Geschichte „erzählt“ und es werden auch keine Handreichungen zum Verständnis gegeben. Stattdessen laden Celik und seine Tänzer der Herner Urban-Dance-Truppe Renegade ein Bühnen- und Klanggewitter auf das Publikum ab, das einen durchschüttelt." Anerkennendes Fazit des Kritikers unter anderem: "Harte Zeiten. Harter Stoff."

 

 

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