Anarchistenfahne für Theben

von Claude Bühler

Basel, 11. März 2016. Auf dünnes Eis begibt sich das Theater Basel, wenn es Euripides' Drama von 405 vor Christus als Uraufführung anpreist. Die Version, die der Dramatiker Roland Schimmelpfennig 2009 für den verstorbenen Regisseur Jürgen Gosch aus verschiedenen Quellen verfasste, ist weder Neuübersetzung noch neue Stückschöpfung. Sie setzt sich inhaltlich und in der Szenenabfolge kaum von der traditionellen Euripides-Übersetzung J. A. Hartungs aus dem Jahre 1848 ab. Natürlich, der Ton ist ein anderer: weniger lyrisch-expressive Vergegenwärtigung, eher mental-flächig, für heutige Ohren leichter verständlich. Aus dem wuchtigen Aufbäumen beim Einstieg "Ich, Sohn des Zeus, Dionysos" wird ein profanes "Jetzt bin ich endlich hier".

Dionysos' Lustbremse

Der Regisseur Robert Borgmann, der auch schon zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, dreht den eher nüchtern-heutigen Zug Schimmelpfennigs ins Fatalistische weiter. Im göttlichen Bringer von entgrenzter Lebensfreude, Dionysos, kann er nur eine Heimsuchung der negativen Art sehen, die in der Vernichtung der Opfer endet. Kein Diskurs, der weitere Perspektiven anbietet: wir folgen einer mit psychedelischen Sounds, Licht- und Bühnenraucheffekten, Videobildern aufbereiteten Erzählung bis zum Niedergang, deren Tragik einzig durch ironische Brechungen gemildert wird.

Die im Text als unschuldig geschilderten Spiele der verzückten Bacchen werden in einem Vorspiel als düstere Spektakel vorgestellt: Das Ensemble, eben noch scherzend bei Wein und Trauben sitzend, übergiesst sich plötzlich ohne äusseren Anlass mit Theaterblut, verschmiert sich mit Erde, wälzt sich verschlungen im Dreck, bildet einen sinnlich-orgiastisch gestimmten Menschenhaufen. Der Stadtgründer Kadmos schwenkt die schwarze Anarchistenfahne.

Eroberungen

Aus dem Chaos hervor tritt Dionysos, der mit seinem Kult Theben erobern will. Die Frauen hat er in die Berge gelockt und zu seinen Verehrerinnen, den Bacchen, gemacht. König Pentheus, der ihn nicht als Gott anbetet, will er eine Lektion erteilen. Thiemo Strutzenberger gibt einen infantilen, zornig aufschreienden Jungdespoten, der später zu einem schillernden, weichlichen Narzissten mutiert: Im weissen Anzug wirkt er wie ein Mittelding zwischen Model, Esoterik-Guru und Kokaindealer.

Die Bacchen von SimonHallstroem Cathrin Stoermer Katja Jung Pia Haendler u 560Im Blut suhlend: Cathrin Stoermer, Katja Jung, Pia Haendler in "Die Bacchen" ©  Simon Hallström

Ins Chaos stakst das Gegenprinzip im schwarzen Herrenanzug: Ingo Tomi als Pentheus spielt keinen sturen Rechtschaffenen sondern einen rationalen Managertyp, der aus Machtanspruch Dionysos verhaften und seinen Kult eliminieren will. Wenn ihn die beiden Alten, der Seher Teiresias und der Stadtgründer Kadmos aufhalten wollen, so tun sie es nicht aus frohgemuter Altersweisheit, sondern aus Angst vor Dionysos und weil der Gott ihnen mit dem Weinrausch die Realitätsflucht ermöglicht: wie senile Trottel wackeln Steffen Höld und Michael Gempart über die Bühne.

Chor aus Höllenschwestern

Dionysos überwindet Pentheus schliesslich mit dessen Lüsternheit, den Bacchen im Wald zusehen zu wollen. Das gehe nur getarnt in Frauenkleidern mit Perücke. Borgmann inszeniert die Szene wie eine scheiternde Vermählung indem Pentheus sich immer wieder auf Dionysos stürzt und ihn mit Küssen übersäht. Dazu demütigt er die Figur zusätzlich, indem er diesen mit zwischen den Beinen eingeklemmtem Penis vorn übergebeugt über die Bühne trippeln lässt. Ein quälender Anblick; in der Pause verliess eine Reihe von Zuschauern das Theater.

Stellt der Chor im antiken Drama so etwas wie die unveränderliche Volksmitte dar, so dreht Borgmann auch hier bildlich weiter an der Abwärtsspirale: anfangs sind die beiden Chorfrauen schwärmerische Bacchen, später blutspeiende Amazonen, nach der Pause zynische Höllenschwestern in Goth-Montur.

Dilemma der Aufklärung

Borgmann katapultiert im Finale mit einer Reminiszenz an den Science-Fiction-Film "2001 A Space Odyssey" das Drama in eine Art zeitlosen Meta-Raum, ohne Dreck und Blut, aber mit Biedermeiersofa, mit kultischem Monolithen. Kadmos, gewandet in der Mode von 1790, symbolisiert einen Vertreter der hier hilflosen Aufklärung, der sich auf das Altertum abstützen will.

Ein "Mann" schildert geschockt, wie Pentheus von seiner Mutter Agaue und den Bacchen im Wahn, es sei ein Löwe, zerrissen wurde. Agaue tritt auf mit Pentheus Kopf in den Armen. Als ginge es darum, das Mass voll zu machen, lässt Borgmann Agaue ihren Vater Kadmos erwürgen. Der "Mann" überschüttet die beiden mit Erde und zerhackt den kultischen Monolithen; eine Welt zu Ende, keine Lösung. Auch wenn die Sprechweise zuweilen bewusst gedehnt wird, die Bilder nicht immer auf Anhieb zu entschlüsseln sind, entwickelt die Aufführung einen Sog, der an keiner Stelle abreisst.

Die Bacchen
von Euripides in einer Bearbeitung von Roland Schimmelpfennig
Regie und Bühne: Robert Borgmann, Kostüme: Lili Anschütz, Musik: Philipp Weber, Video: Lianne van de Laar, Licht: Cornelius Hunziker, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Michael Gempart, Pia Händler, Katja Jung, Steffen Höld, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Thiemo Strutzenberger, Ingo Tomi, Philipp Weber (Musiker) und Kinderstatisterie.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-basel.ch

 


Kritikenrundschau

"Nach drei Stunden dionysischem Vollgas-Mysterientheater ist es dann aber auch gut", ächzt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.3.2016), spart aber auch nicht mit Lob: Diese "Bacchen" seien "reich an dunklen Bilderrätseln und schweren Symbolen, und wie bei Euripides lässt auch Borgmann offen, ob er Ordnung, Licht und eine fast schon totalitäre Vernunft dem dunklen Chaos vorzieht. Politische Aktualisierungen verbietet er sich jedenfalls." Borgmann, so wird Halter generell, "ist gut in der Bebilderung von Mythen und Mysterien, er hat nicht umsonst Kunst in London studiert. Die blutverschmierten Leinwände, die am Bühnenhimmel aufgezogen werden, sehen aus wie Action Painting von Jackson Pollock. Die Choreographie der Lichtspiele und Veitstänze ist fast so beeindruckend wie bei Robert Wilson, das Schlusstableau so psychedelisch rätselhaft wie die Barocksuite in Stanley Kubricks '2001'."

Ähnlich Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (14.3.2016): "Man merkt, dass Robert Borgmann bildende Kunst studiert hat. Auch das riesige Pendel aus Neonröhren, das wie ein tickendes Fanal immer wieder in Schwingung gebracht wird, macht gewaltigen optischen Eindruck. Dieser Regisseur denkt offenbar in atmosphärischen Bildern", wozu auch die "Soundcollage mit Elektrik und E-Gitarre gehört: der ganze Aufwand im Dienst des Gottes, der sich an den Ungläubigen rächen will, da sie ihn für einen Menschen halten." Manches sei zu dick aufgetragen und überdeutlich bebildert. Aber im Ganzen sei die Inszenierung "wagemutig und entwickelt in vielen Szenen eine suggestive Kraft, der man sich nicht entziehen kann."

"Pathos und Übermass“ bescheinigt auch Susanna Petrin in der Aargauer Zeitung (14.3.2016) dieser Arbeit. Die Bacchen-Interpretation oszilliere „zwischen archaischem und hypermodernem Theater“. Sie „beginnt mit einem kultisch-opulenten Treiben und endet in formaler Reduktion und Abstraktion. Der erste Teil überwältigt mit opulenten Bildern, kraftvollem Spiel, ironischen Brechungen und Musik von elektronisch bis sphärisch (Philipp Weber). Im zweiten Teil wirkt das ruhige Nacherzählen eines bestialischen Mordes umso stärker."

Schon in seiner Eröffnung, die wie "ein so heftiger wie stilisierter, kalter Rausch" ablaufe, halte dieser Abend seine Kernaussage parat: "Ins Wahnhafte gesteigert, unterscheiden sich Rausch und Ratio kaum, sind nur zwei Seiten der gleichen Medaille." So schreibt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (14.3.2016). So sehr der Rezensent die Bildkraft des Abends schätzt, so unglücklich ist er mit mancher "Eindeutigkeit", die Borgmann dem Geschehen angedeihen lässt. Pentheus etwa sei eine "rechthaberische, hilflose Witzfigur" mit "Hitler-Gestik". "Wer soll einen solchen König ernst nehmen?"

Als "sehr glatt" empfindet Stephan Reuter von der Baseler Zeitung (14.3.2016) die Schimmelpfennig-Fassung der "Bacchen". Doch Robert Borgmann gebe schon mit dem Einstieg zu verstehen, dass er "ganz gern ein junger Wilder wäre, und dass er sich der Textabwicklungsmaschinerie des Euripides-Interpreten Roland Schimmelpfennig nicht kampflos geschlagen gibt". Von bestechenden Dialogen berichtet der Kritiker, aber auch von einem König Pentheus, der als "Dragqueen" unnötig "der Lächerlichkeit" preisgegeben werde.

Als "bildstark und schaudererregend" beschreibt die Tageswoche (12.3.2016) diesen Abend schon im Untertitel der Kritik von Dominique Spirgi. Er habe "seine Längen; die Inszenierung wirkt im ersten Teil da und dort etwas zerdehnt. Doch es ist einmal mehr die herausragende Leistung des Ensembles, die den Abend zu einem faszinierenden Erlebnis werden lässt." Faszinierend und rätselhaft an Euripides' Tragödie sei, "dass sich der grosse Autor der Antike nicht festlegen lässt, ob er damit den Menschen Gott fürchten oder Gott als furchtbar aufscheinen lassen möchte." Auch Borgmann entscheide sich nicht zwischen Aufklärer oder der Rächer. "Sein Dionysos ist so diabolisch, dass man ihn eigentlich nur fürchten oder verabscheuen kann. Auf der anderen Seite löst die Arroganz des Königs aber ebenfalls keinerlei Sympathien aus."

Borgmann erweise sich als kongenialer, als genialer Bilderbauer, so Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (15.3.2016). "Raserei, Gier und Verführung (fantastisch: die Wortduelle zwischen Pentheus und Dionysos) malt er in sprechenden Szenen, zitiert hier antike Maskenkunst, da modernes Action-Painting, lässt leichthändig selbstironischen Subtext mitlaufen, derweil sein Stammmusiker Weber Geräuschgewitter ins Geschehen prasselt und Songs infiltriert." Kedves bedauert, dass "der hohe und zugleich krasse Ton nicht von jedem Akteur und auch nicht bis zum Ende des Stücks gehalten" werde. "Trotzdem: ein heisser Theaterabend mit vielen starken Bilderblitzen!"

 

 
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