Fast alles auf Zucker

von Wolfgang Behrens

Berlin, 11. März 2016. "Wenn die Einwanderungsbeschränkung aufgehoben werden würde, wär's hier bald so voll, dass kein Platz mehr für noch 'ne Stecknadel wäre." Wenn man solche Sätze im 1966 erstmals veröffentlichten Roman "Feinde" des jiddischsprachigen Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer liest, dann kann es einen schon durchfahren: Na klar! Das ist ein Stoff der Stunde! Denn natürlich geht es bei Singer um Flüchtlinge, aber nicht um solche, die nach Deutschland wollen, sondern um solche, die vor den deutschen Gräueln des Nazi-Regimes flohen – nach Amerika. Und es ist seltsam: Während das medial gesteuerte Öffentlichkeitsbewusstsein die heutigen Flüchtlinge vor allem als amorphe Masse sehen möchte, ist es bei den amerikanischen Einwanderern von damals viel eher bereit, sich auf die individuellen Lebenswege samt ihren Traumata einzulassen. Macht das der Abstand?

Jenseits der Recherchereise

Der Blick in die Vergangenheit kann jedenfalls helfen, auch in der Gegenwart mal wieder die allerbanalsten Wahrheiten zu verankern – etwa dass Flüchtlinge Menschen sind wie du und ich, mit den immergleichen einfachen Nöten und Bedürfnissen: Essen, Liebe, Bewahrung der eigenen Kultur. Vielleicht hat ja die israelische Starregisseurin Yael Ronen, die "Feinde" nun im Gorki-Theater auf die Bühne brachte, auch deswegen nach Singers Buch gegriffen, um in der gegenwärtigen Situation eine derart simple Botschaft zu übermitteln: Flüchtlinge hat es immer gegeben.

Allerdings ist Ronen auf eine total verrückte, ja, auf eine völlig aus der Theaterwelt gefallene Idee gekommen. Sie hat nämlich keine authentischen Flüchtlinge gecastet, sie hat keine Recherchereise unternommen, sie hat den Roman auch nicht in die aktuelle Situation übersetzt. Nein, sie hat ihr Ensemble einfach Theater spielen lassen, mit Einfühlung und so, sogar mit Kostümen (Amit Epstein), die nach Nachkriegsamerika aussehen, das volle Programm. Auch auf epische Elemente hat sie verzichtet: Keine einzige Romanpassage erklingt als Quasi-Regieanweisung oder Erläuterung, alles, was von Singer übrig bleibt, ist: Dialog, Dialog, Dialog.

Flüchtlinge im Nachkriegsamerika

Auf einer Bühne, die nur ein paar nackte Podestkonstruktionen mit Gardinen, Tisch und Hockern braucht, um sich ihre kargen Spielorte anzudeuten, sieht das Ganze dann aus wie eine Low-Budget-Broadway-Produktion. Das mag diejenigen überraschen, die Yael Ronen vor allem als Stückentwicklerin kennen, die die Biografien ihrer Schauspieler*innen als Ausgangsmaterial nimmt und damit noch die brisantesten Gegenwartskonflikte spielerisch aufzulösen vermag ("Common Ground", "The Situation").

12083 feinde mg 9726 ute langkafel maifoto 560 uFlüchtlingsgeschichte, ein bisschen Broadway genommen:  Yael Ronens "Feinde" am Maxim
Gorki Theater © Ute Langkafel / Maifoto

Doch Ronen hat bei ihrem Vater Ilan Ronen, dem Leiter des Habima Theaters in Tel Aviv, auch ganz selbstverständlich das Boulevard-Handwerk gelernt – eine Kostprobe war in Berlin schon vor einigen Jahren mit ihrer Habima-Inszenierung Morris Schimmel zu besichtigen.

Und so spielen nun auch die Gorki-Schauspieler*innen Boulevard, was Singers Geschichte durchaus verträgt. Denn in erster Linie geht es da um verworrene Liebesdinge: Der Shoah-Überlebende Herman Broder hat in New York seine Lebensretterin, das polnische Dienstmädchen Yadwiga, geheiratet und unterhält nebenher eine Beziehung zu seiner Geliebten Mascha. Bis plötzlich Hermans totgeglaubte erste Frau Tamara auftaucht – am Ende sieht sich Herman drei Frauen und einem riesigen Lügengebäude gegenüber, das er um seine eigene verpfuschte Existenz errichtet hat.

Komik auskosten

Die komödiantische Grundanlage bleibt dabei immer von der traumatischen Vergangenheit der Figuren überschattet, die solche bitteren Pointen liefert wie die Tamaras: "Wozu sollte ich wieder Kinder kriegen? Damit die Deutschen etwas zu verbrennen haben?"

12085 feinde mg 9726 ute langkafel maifoto 560 uEin Mann ohne Eigenschaft (Aleksandar Radenković) und sein weibliches Gegenstück (Lea
Draeger) in "Feinde" © Ute Langkafel / Maifoto

Freilich spielen sie am Gorki auch Boulevard mit angezogener Handbremse, wohl mit Rücksicht auf die schwere Grundierung des Stoffes. Aleksandar Radenković etwa widersteht der eigentlich naheliegenden Versuchung, seinen Herman als überforderten, slapstickhaften Tölpel à la Henry Hübchen in "Alles auf Zucker" anzulegen. Er spielt ihn vielmehr unterspannt, als Mann ohne Eigenschaften – ein Toter auf Urlaub, aus dem nur ab und an die Sexlust oder ein paar jähe Aggressionen herausbrechen. Lea Draeger als seine Geliebte Mascha bietet zu ihm das überspannte Gegenbild, Çiğdem Teke gibt eine durchaus kokette Tamara, Orit Nahmias schließlich darf als einfältig-patente Yadwiga die Komik ihrer Figur am weitesten auskosten – was ihr mit traumwandlerischer Präzision gelingt.

Songs, die ans Herz greifen

Was man in Yael Ronens "Feinde" zu sehen bekommt, ist so im Grunde recht simples Theater, ohne großes Raffinement und – ja: unterhaltsam. Was, zugegeben, auch mal ganz schön ist. Aber anders als an anderen Ronen-Abenden treibt es einem hier nie die Tränen in die Augen, hier geht es weder an die Grenzen des Schmerzes, der Rührung noch an die des komischen Exzesses.

Alles bleibt wohltemperiert. Als stärkster Eindruck dieses Abends wird daher wohl sein Soundtrack in Erinnerung bleiben: Denn die Songs von Daniel Kahn, die sich über alle Stilgrenzen hinwegsetzen, die wild zwischen Englisch, Jiddisch, Deutsch und Hebräisch umherspringen, die mal wie Tom Waits daherrumpeln, mal purer Klezmer sind und im nächsten Augenblick im Garagenrock landen – diese Songs greifen wirklich ans Herz.

Feinde – die Geschichte einer Liebe
von Isaac Bashevis Singer
Regie: Yael Ronen, Bühne: Heike Schuppelius, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Daniel Kahn, Musiker: Christian David, Hampus Melin, Video: Hanna Slak, Dramaturgie: Necati Öziri.
Mit: Aleksandar Radenković, Çiğdem Teke, Orit Nahmias, Lea Draeger, Ruth Reinecke, Daniel Kahn, Christian David, Hampus Melin.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Bernd Noack von Spiegel-Online zufolge (aufgerufen am 12.3.2016) sei es Isaac Singers Absicht gewesen, "die Abgründe in der augenscheinlichen Normalität zu zeigen, in die Wunden zu fassen, die nie heilen". Er wundert sich, dass der solide unterhaltsame Theaterabend Yael Ronens "diese wirkliche Intention Singers (...) nur halbherzig ernst nimmt und aufnimmt". Es gebe nur ein paar vage Andeutungen, die Brüche in den Biografien würden "angetippt". Die meiste Zeit verwende Ronen darauf, "die komplizierten Mehreck-Verhältnisse möglichst munter und kurzweilig komisch rotieren zu lassen". Zusammen mit Klezmer-Klängen "und ein bisschen eingestreutem 'typischen' jüdischen Humor", bekomme der Abend so "eine unehrliche und ganz fatale folkloristische Note, ist mal tango-heiter ausgelassen, mal seelenwund und kitschig schön, bleibt immer harmlos".

Eva Behrendt von Deutschlandradio Kultur (12.3.2016) lobt Ronens Spieler und Spielerinnen, die ohne falsche Töne auskommen würden, was "Feinde", trotz eines "Hauch(s) von Happy End" zu einem besonderen Theaterabend mache. "Den Alpträumen und Sehnsüchten, den Schuldgefühlen und dem Lebensüberdruss der Überlebenden hat diese Flüchtlingsgeschichte noch einmal sehr genau ins Gesicht geschaut."

Eine "durch und durch konventionelle Inszenierung" hat Christine Wahl vom Tagesspiegel (online 12.3.2016) am Gorki Theater gesehen. Ronen verzichte auf Aktualisierungen und die aus ihren Stückentwicklungen bekannten Spielmethoden: "Statt des distanzierenden Aus-der-Rolle-Tretens und der epischen Einsprengsel, ohne die heutzutage praktisch kein Romanadaptionstheater mehr auskommt, gibt es hundertzwanzig Minuten dramatisch-dialogisches Einfühlungstheater pur zu sehen“. Für "Wiedererkennungswert" bürge "der Ronen'sche Humor" auch an diesem Abend. "Die Regisseurin akzentuiert den komischen Anteil der Textvorlage momentweise sogar so stark, dass der tragische darunter fast ein wenig wegzurutschen droht".

Ein "überraschend süffiger" und ein "ein absichtsvoll kippliger Abend" ist dieser für Dirk Pilz von der Berliner Zeitung (14.3.2016). "Er handelt von der Labilität der inneren und äußeren Verhältnisse." Während Ronen in ihren Stückentwicklungen "zumeist mit den privaten Ressourcen" und Darstellerbiographien ihrer Schauspieler gearbeitet habe, setze sie für ihr "fiktional geschlossenes Dialogdrama" an diesem Abend auf die alte "Theatertugend der Figureneinfühlung" und liefere "den bewährten Beweis, dass sich auch so dringlich von aktuellen Nöten spielen lässt. Insofern ist dieser Abend auch eine Erinnerung an die ungebrochene Tauglichkeit der ältesten Theatermittel."

Nie bekomme "die Aufführung den lakonischen Ton zu fassen, den schillernden Wechsel von Komik, Tragik und dem Melodramatischen in Singers Romanvorlage“, bemängelt Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (13.3.2016). "Yael Ronen, deren robustes, handfestes Theater immer wieder überzeugte, wenn es darum ging, in bislang unverstandenen Problemfeldern der Gegenwart klare Konfliktlinien aufzuzeigen, scheitert hier an den romanesken Zwischentönen, den psychischen Schattierungen. So kann Singers Roman nicht den historischen Resonanzraum abgeben für ein am Gorki-Theater vermutlich angestrebtes Lernziel: Wir sollen aufhören, eine Masse von Flüchtlingen zu sehen und anfangen, die Komplexität von Einzelschicksalen und kulturellen Identitäten zu begreifen."

Yael Ronen zeigt sich in dieser Inszenierung aus Sicht von Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (15.3.2016) "überraschend brav und konfliktscheu". Es gebe solides, ungebrochenes Broadway-Theater im Fünfzigerjahre-Kostüm, wenn auch "mit tollen Momenten." Die Gedankenwelt von Protagonist Broder werde in die Musik ausgelagert. Daniel Kahn habe, so Meiborg, eine Musik komponiert, "in der neue und alte Welt, amerikanische Großstadt und polnisches Schtetl, Philosophie und Banalität, Tragik und Komik aufeinanderprallen. Und die damit Singers Sound besser trifft als der Rest der Inszenierung".

In Yael Ronens Inszenierung werden Isaac B. Singers komplexe Charaktere aus Sicht von Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (15.3.2016) "von Anfang bis Ende zwar sympathische, dabei aber schrecklich simple, eindeutig fixierte und bald langweilig-durchschaubare Charaktere". Insgesamt komme die "solide, fatal gemütliche Aufführung über gerafftes, undifferenziertes, reichlich biederes Nacherzählen der Vorlage nicht hinaus: Sentimentalität und Langatmigkeit inklusive, Verstörung und Weltverlust exklusive."

Jan Küveler von der Welt (16.3.2016) schreibt, die Stückfassung Necati Öziris vertraue auf die Dialoge des Romans und "vielleicht noch mehr auf die Konstellation der Figuren, die beinahe mathematisch anmutet". Ronen inszeniere den "skelettierten Stoff" als "statische Türenklappkomödie". Die Rasanz der Handlung und die Wucht des Spiels und Gesangs von Daniel Kahn und seinen Mitstreitern an Klarinette und Schlagzeug trage den Abend. "Und übertüncht den eminenten Konstruktionsfehler, nämlich Hermans sexuelle Eskapaden allein mit dem erlebten Schrecken zu erklären. Das mag dem ausgewanderten Singer Anfang der 70er-Jahre noch plausibel erschienen sein." Inzwischen habe die Plausibilität einer unfreiwilligen Komik Platz gemacht.

 
Kommentar schreiben