Menschen? Unbedeutend!

von Sascha Ehlert

Berlin, 11. März 2016. "The Revenant", flüstert die Sitznachbarin. Auf der Kinoleinwand vor meinem geistigen Auge robbt Leonardo DiCaprio durch die Wälder Nordamerikas, schwer verwundet, jammernd und ächzend, Blut verschmiert – dem Oscar entgegen. Ein paar Meter vor meinen physischen Augen wimmert währenddessen noch einer. Auch mit ihm meinte es das Leben zuletzt nicht allzu gut: Er ist voll mit Matsch, auf seiner kanariengelben Weste breitet sich ein roter Fleck aus. Der weiße Mann weint.

Wie wollen wir sterben?

"Erobert euer Grab", steht an diesem Abend in weißen LSD-Lettern auf der Front der Volksbühne. Es ist der Beginn der sogenannten Schwarzen Serie, mit der sich Castorfs Haus die Frage "Wie wollen wir sterben?" stellen möchte, bevor das Christenvolk an Ostern das Sterben ihres Mensch gewordenen Gottes zelebriert. Warum Gott damals der Unsterblichkeit überdrüssig wurde und zuließ, dass sein Sohn "für uns" ans Kreuz ging, bleibt bis heute eine der existenziellen Fragen unseres Kulturkreises. Wer will denn schon sterben?

Maximilian Brauer offenbar nicht. Erst sieht man nur seine Hände. Plötzlich tauchen sie so auf, hinter einem Hügel auf dem Schlachtfeld namens Bühne. Unsichtbar, von irgendwo aus den Tiefen der Volksbühne tönt derweil das Deutsche Filmorchester Babelsberg als käme jener himmlisch kitschige Wohlklang in den Hörgängen des Publikums direkt aus dem Himmel.

krieg2 3806 thomas aurin 560 uSaumäßig allein, saumäßig arm dran: Maximilian Brauer in der Volksbühne in "Krieg".
© Thomas Aurin

Allein dem Tod geweiht

Maximilian Brauer scheint die Musik nicht zu hören, er ist damit beschäftigt seinen geschundenen Körper aufzurichten. Man weiß nicht, ob er Sieger oder Verlierer ist, in jedem Fall ist lebt er als einziger auf diesem Schlachtfeld und ist dennoch offensichtlich dem Tode geweiht. Es gibt keinen Ausweg, er kann nicht mal seinen Liebsten ein Emoji oder Selfie zum Abschied schicken. Brauer ist auf eine Art alleine mit sich und der Welt, wie wir es uns kaum noch vorstellen können. Nur seinen Säbel hat er noch – und die zwei Leichen, die stumm auf der Bühne herumliegen. Als Brauer in einem der Toten einen Freund zu erkennen glaubt, beginnt er zu wimmern.

Lächerlich sieht der vom Schicksal Geschlagene aus. Seine Uniform wirkt in der unverhohlen artifiziellen, tristen Mondlandschaft auf der Bühne geckenhaft überkandidelt: gelbe Hose, blaues Jäckchen, ein güldenes Hütchen für oben drauf. Als wäre das nicht genug, jammert, wimmert, kreischt er unentwegt. Der Heldentod auf dem Schlachtfeld – eine Gewehrkugel einmal quer durchs Hirn, ein Bajonett kurz und schmerzlos mitten ins Herz – ward ihm verwehrt. Nun bleibt ihm nur eins: irgendwie diesen 50 Zentimeter hohen Hügel zu erklimmen. Ein bisschen wirkt es aber auch so, als würde Brauer seinen langen Todeskampf selbst nicht ganz ernst nehmen. Wenn er weint, dann scheint ein kleiner Teil von ihm gleichzeitig zu lachen. Brauer erscheint im selben Moment tragisch und ehrlich, dann wieder ironisch distanziert, während er den würdevoll sterbenden Schlachtfeldschwan mimt.

krieg2 3971 thomas aurin u 560Der Säbel, der Himmel, die Mondlandschaft, der Soldat. © Thomas Aurin

"Ich bleib noch ein bisschen"

Das Sterben des Maximilian Brauer verläuft in kurvigen Bahnen: Mal liegt er schwer atmend auf dem Boden und man meint, sein Herz könnte jeden Moment aufhören zu schlagen, im nächsten Moment reckt er dann bereits wieder kämpferisch den Säbel gen Himmel, als wollte er sagen: "Scheiß drauf, ich bleib' noch ein bisschen!", nur um sich einen Moment später zitternd zu krümmen. Brauers Soldat ist kein Held, er is' ne ganz arme Wurst.

Ganz im Gegensatz zu Leonardo DiCaprio, der hat jetzt bekanntermaßen seinen Oscar. Gewonnen hat er ihn für einen wertkonservativen Film, in dem sich die Sehnsucht des Westens nach der Rückkehr des (weißen, männlichen) Helden spiegelt. Kjartanssons "Krieg" wirkt wie die post-heroische Antwort auf dieses Begehren. "Krieg" entzaubert das Heldenhafte am Tod durch exzessives Auswalzen und sechzig Minuten langes Geächze.

Oper

Nicht ganz zu Brauers unheroischem Überlebenskampf passt ab und an der Sound dieser Oper in einem Akt, der von Kjartan Sveinsson von der isländischen Post-Rock-Band Sigur Rós komponiert wurde. Dessen orchestraler Emo-Bombast klingt in den leisen Momenten zu gleichförmig und trägt in den lauten Momenten oft zu dick auf – ganz anders als Brauer, der stets den richtigen Ton trifft (natürlich ist er besser als Leo). Kaum auszudenken, wie bedrückend "Krieg" hätte sein können, hätte kein Ton von seinen auf Dauer schwer verdaulichen Leidenslauten abgelenkt. Seinem erklärten Ziel – die Essenz des Dramas zu fassen – wäre Kjartansson so noch näher gekommen.

Und dann isser tot, endlich vornüber gekippt. Der Vorhang fällt und eine halbe Minute lang traut sich keiner zu klatschen ... aber dann! Als sich der tonnenschwere Vorhang für den Schlussapplaus erneut hebt, liegt Maximilian Brauer immer noch regungslos da, er ist ganz und gar hinüber.

 

Krieg
Eine Oper in einem Akt
von Ragnar Kjartansson
Regie und Bühne: Ragnar Kjartansson, Komposition: Kjartan Sveinsson, Aufnahmen: Deutsches Filmorchester Babelsberg, Kostüme: Tabea Braun, Maler: Christoph Fischer, Anton Hägebarth, Camilla Hägebarth, Ragnar Kjartansson, Julia Krawczynski, Anda Skrejane, Licht: Johannes Zotz, Mitarbeit Bühne: Axel Hallkell Jóhannesson, Jana Wassong, Ton: Jörg Wilkendorf, Dramaturgie: Henning Nass,
Mit: Maximilian Brauer
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"Wie ungerecht!", empört sich Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (12.3.2016) über den schwachen Applaus des Publikums: "Nicht einmal zu ein paar entrüsteten Buhs mochten sich am Freitagabend die Premierengäste aufraffen." Dabei sei der beim Applaus im Bühnenbild liegende bleibende Schauspieler Maximilian Brauer „grandios gestorben“. Den ganzen Abend über "Zusammenbrechen, Leiden, Aufrichten, Zusammenbrechen, Leiden, Aufrichten und so weiter, dann aber, die Stunde ist um, trifft ihn, von irgendwoher eine Kugel, ein blöder Querschläger vielleicht" bevor sich der Vorhang senke – "langsam, schwer, schön und erbarmungslos." Und dann Ulrich Seidler? "Und dann klatschen sie kaum."

Ein "völlig ungebrochenes Abbild einer vergangenen Gemälde-Tradition" hat Alexander Kohlmann für Deutschlandradio Kultur (12.3.2016, hier im Podcast) angeschaut. Hier wie auch anderswo (bei Douglas Gordon auf Kampnagel) beobachtet Kohlmann, wie renommierte ausländische Künstler, die mit dem "deutschen Regietheater nicht vertraut sind, in Ehrfurcht erstarren" und "dann plötzlich ganz biedere Theaterarbeiten abliefern".

Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (17.3.2016) hält die Inszenierung für "eine Ein-Mann-Oper des kunstvoll ausgekosteten Todeskampfes, ein Ballett der letalen Zuckungen". Der Abend sei entweder das Angebot, sich über die Obszönität, Merkwürdigkeit oder Abgründigkeit einer Kunst zu wundern, die das Sterben ausstellt und in einen virtuos vorgeführten Kunstvorgang verwandelt - oder ein sehr gelungener Scherzartikel. "Oder beides."

Die einaktige Oper prasse nicht mit Handlung und Spezialeffekten, vorerst passiere erst mal gar nichts, schreibt Constanze Illner in der Welt (23.3.16). Das Sterben sei hier eine ziemlich umständliche Sache. "Und ziemlich alleingelassen – auch von der Regie – wirkt Brauer in diesem malerischen Tableau vivant." Ohne den Soundtrack wäre der langatmige Tod, der sich auch so schon ad absurdum ausdehne, noch schwerer zu ertragen gewesen. 

 

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