Wut und Wüste

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 13. März 2016. "Huppert, der Name ist Huppert." Das behauptet die Figur Isabelle H. in Thomas Köcks gleichnamigem Stück mit Nonchalance. "Isabelle H." – das So-tun-als-Ob, das Figur-spielt-Figur-Spiel, das ermächtigende Ich-wähle-meine-Rolle-selbst steckt schon im Titel. 2014 mit dem Else-Lasker-Schüler-Nachwuchs-Förderpreis ausgezeichnet, wurde Köcks Text jetzt im Volx/Margareten im Zuge des Festivals für Neues Wiener Volkstheater zur österreichischen Erstaufführung gebracht.

Selbstbezüglichkeit ist Programm

Ironie des Theaterschicksals: Der Autor schreibt in den Anmerkungen zum Stück, dass es "für Studiobühnen, kleine Boxen, Werkstattbühnen und andere theatrale Abfallentsorgungskatalysatoren auf alle Zeiten gesperrt" sei. Die sogenannten großen Themen sollten doch bitte auch auf die großen Bühnen. Im Volx/Margareten, der kleinen Spielstätte des Volkstheaters, versichert sich der Regisseur Felix Hafner dieser Ironie des Theaterschicksals, indem er den Autor die Anmerkungen auf Video verlesen lässt.

Die Selbstbezüglichkeit von Text und Inszenierung nimmt mit diesem Anfang im Foyer kein Ende. Ist Programm. Ist Zuflucht und Fluchtgrund. Denn die großen Themen, die hier auf kleiner Bühne verhandelt werden, lauten: Flucht, Krieg, Trauma. Die Annahme, dass Theater in Anbetracht dieser Wirklichkeiten bloße Zurechtschreibung von eigentlich inkommensurablen Verhältnissen wäre, unterspült jedes Wort.

Unwiderstehlich unverschämt

So ergibt sich die komplexe Struktur des Stückes, ein Switching zwischen verschiedenen Zeitebenen, dessen die Regie mittels eindeutiger Lichtwechsel habhaft geworden ist. Gelb und weich ist es dann, wenn Isabelle H., die illegale Immigrantin, und Daniel C., der nach Hause zurückgekehrte Soldat, in der Gegenwart der Geschehnisse in einer Lagerhalle verharren. Weiß und hart wird es dann, wenn in Rückblenden die Geschichte bis hin zu dieser Lagerhallen-Situation erzählt wird. Sprich, wenn weiß, dann wird Theater gemacht. Dann werden die großen Themen innerhalb von Dialogen auf ihre Konsequenzen für einzelne Individuen hingeführt. Wenn gelb, dann umarmt das Bühnenlicht auch noch das Publikum, das dann wieder mit in der plastikfolienverhangenen Lagerhalle sitzt.

IsabelleH1 560 Robert Polster Volkstheater uWollen keine Opfer, keine Traumatisierten mehr sein: Katharina Klar als Geflüchtete Isabelle H. und Christoph Rothenbuchner als Afghanistan-Rückkehrer © Robert Polster

Dorthin haben sich Isabelle H. und Daniel C. geflüchtet, nachdem sie sich auf einer Raststätte begegnet sind und er in weiterer Folge einen Polizisten getötet hat. Dieser wollte ihre Personalien aufnehmen, schließlich gäbe es eine Fahndung nach einer eben solchen Frau im Zusammenhang mit einem tot gefundenen Kind.

Katharina Klar verwehrt sich als Isabelle H. allen Versuchen, ihrer Identität oder Geschichte näher zu kommen, mit unwiderstehlicher Unverschämtheit. "Huppert, der Name ist Huppert", sagt sie und raucht mit großer Grazie. Die rote Perücke trägt sie als Identitätsbehauptung mit sich herum, spricht mal als Isabelle H. über die Wüste, aus der sie kommt, und die Wut, mit der sie lebt, dann per Lip Sync als one and only Madame Huppert über die Konditionen des Schauspielens. Wenn das Licht ins Weiß und Klar zur Mutter von Daniel C. wechselt, dann ist das ein gelungener Übergang von Gegenwart in Rückblende. Okan Cömert tritt da als fröhlicher Familienvater auf, verteilt rote Wollpullover und macht die Szene zu einer Familienszene.

Til-Schweiger-"Tatort" mit Repräsentations-Reflexion

Diese Schnitte zwischen Jetzt und Früher werden im Verlauf des Abends immer schneller, kommentarloser und also filmischer. Beim Showdown, wenn die Polizei schon in die Lagerhalle eindringt und Daniel C., endlich, über seine traumatischen Erlebnisse als Soldat in Afghanistan spricht, reicht es dann schon, wenn sich Max Gindorff als Polizist mal schnell mit dem Rücken zum Publikum dreht, um anzudeuten, dass er grade nicht da ist. Christoph Rothenbuchner kommt dabei, endlich, als Daniel C. ans Ende seines Stoizismus. Er fuchtelt und schreit, mit Pistole und Schweiß. Die Musik wird dramatisch, es fließt Kunstblut und Sand als Kunst-Kunstblut: Die Inszenierung verkommt zum Til-Schweiger-"Tatort".

Der dadurch generierte Ekel dient aber als Absprung für das Finale. Für die Pointe der Geschichte. So wie Daniel C. sich in den Rückblenden gegen die Wahrnehmung seiner selbst als Traumatisierter zu wehren versucht, wehrt Isabelle H. sich schließlich gegen ihre Opferrolle als Geflüchtete, als Frau, als Schauspielerin. "Das Opfer tot, der Henker schuldig" – diese Geschichte soll nicht mehr wieder erzählt sein, soll nicht mehr in immer neuen Repräsentationen bewahrheitet werden. Katharina Klar verlässt schimpfend die Szene, kehrt mit Chips-Packung zurück und sieht sich das Ende des Stücks im Publikum sitzend an. Mit diesem Caspar-David-Friedrich-Moment endet der Abend genau dort, wo er angefangen hat: In der traurigen Ironie des Theaterschicksals.

 

Isabelle H. (geopfert wird immer)
von Thomas Köck
Regie: Felix Hafner, Bühne und Kostüme: Camilla Hägebarth, Sounddesign: Bernhard Eder, Dramaturgie: Andrea Zaiser.
Mit: Okan Cömert, Max Gindorff, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

Dorian Waller vom Standard (14.3.2016) schreibt, Köck wolle bewusst kein Flüchtlingsschicksal auf die Bühne bringen, stattdessen hinterfrage er den westlichen Blick – und besonders den des Kulturbetriebs – auf den Lebenskampf der Geflohenen. Die "europäische Kriseninterventionspolitik" werde "seziert" und dabei "ordentlich Staub aufgewirbelt". Regisseur Felix Hafner lasse beständig mit Sandsäcken hantieren, "aus denen der Sand der Krisengebiete kaum merklich durch jede Ritze kriecht". "Was das alles in letzter Konsequenz bedeutet, serviert das gut gespielte, aber etwas zu sehr von seiner eigenen Gescheitheit eingenommene Stück nicht auf dem Silbertablett."

Das Stück sei "schlau konstruiert und von Felix Hafner mitreißend inszeniert", so "kanu" in der Presse (15.3.2016). "Im kahlen, mit Plastikfolie ausgelegten Bühnenbild werden aus Köcks Zeilen intensive, schwer erträgliche Szenen – und das Ensemble beeindruckt in diesem Stück, das so geschickt mit unseren Erwartungen spielt."

"Ein schauspielerisch brillanter, Erinnerungen an Simon Stephens 'Motortown' weckender, zum Weiterdenken anregender Theaterabend", lobt auch Hilde Haider-Pregler in der Wiener Zeitung (15.3.2016). Köck bringe in seinem Text so gut wie alle Probleme des Europas von heute zur Sprache, lasse aber durch Illusionsbrüche auch erkennen, dass Theater keine Bewältigungsinstanz sein kann. Regisseur Hafner verstärke die Theatralität durch Einspielungen englischsprachiger Interviews von Isabelle Huppert noch.

 
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