Ruinen der Lust

von Lena Schneider

Paris, 17. März 2016. Weht da, kurz vor Torschluss, dann so etwas wie Erleichterung durch den Saal des bürgerlichen Pariser Théâtre de l'Odéon? Nach drei Stunden zeitgenössischer "Phädra"-Texte, nach Wajdi Mouawad und Sarah Kane, kommt dann doch noch er zu Wort: Racine. Nach ausgiebigen Kostümwechseln, viel nackter Haut, nach zwei blonden und einer rothaarigen Perücke steht Isabelle Huppert plötzlich in schlichtem Schwarz auf der Bühne und sagt nachdenklich, zart und ohne das huppertsche Mundwinkelzucken, das sonst noch den ehrlichsten Textaufsagversuch von der Aufrichtigkeit sekundenschnell ins Spöttische stürzt, Racine-Verse auf. "A défaut de ton bras prête-moi ton épée": Wenn du mir schon nicht deinen Arm geben willst, dann gib mir wenigstens dein Schwert.

Alle Phädren an einem Abend

Es ist die Bitte einer Mutter an ihren Sohn, und sie ist so zweideutig gemeint, wie sie klingt. Phädra ist die, die ihren Stiefsohn begehrt, und zwar so sehr, dass sie lieber stirbt, als ihn nicht zu besitzen. Phädra ist eine von den großen Heldinnentoten. Phädra ist aber auch die, die den Tod der tragischen Heldin nicht sterben will, ohne ein bitteres Grußwort an die Nachwelt hinterlassen zu haben. Weil Hippolyt, der geliebte Sohn, sie zurückgewiesen hat, behauptet sie darin, der Sohn habe sie vergewaltigt.

phedres1 560 victor pascal hProjektionen einer Frau: Isabelle Huppert zappt als Phädra durch die einschlägigen Dramen
© Victor Pascal

Bei Krzysztof Warlikowski steht "Phädra" im Plural. Er will alle Phädren zeigen, auch wenn die Texte von Euripides und Seneca es nicht wie ursprünglich geplant in die Endfassung geschafft haben. Stattdessen beginnt "Phèdre(s)" mit einem Text von Wajdi Mouawad, auf Arabisch und ohne Untertitel für die Bürger im Parkett. Minutenlang singt, gurrt die tunesischstämmige Schauspielerin Norah Krief, die später auch Phädras Dienerin Onone spielen wird, eine Art Klagegesang, in enger Latexhose, begleitet vom melancholischen Sound einer Bassgitarre. Nachtklubatmosphäre: Die nur im Glitzer-Dessous angetane Tänzerin Rosalba Torres Guerrero räkelt, stretcht sich dazu, kreist über die Bühne. Titel der Szene: Ruinen. Ruinen der Lust, Ruinen des Orients? Soll beides das Gleiche sein?

Keine Liebeserklärung. Eine Kampfansage!

Dann Auftritt elle: Isabelle Huppert in blonder wild-strähniger Mähne, dunklem Mantel, die Lippen rot, ein Video überträgt das riesengroß. Sie ist Aphrodite und zugleich ein Filmstar, der als Filmstar auftritt, ein wiederkehrendes Prinzip des Abends. Erzählt vom "Delirium der Natur", von der Befruchtung der Erde durch den Regen, um dann spitz festzustellen: heute, in der Demokratie, ist das alles vorbei. Heute gibt es, wo einmal Naturkräfte walteten, nur Autos, Läden, Oberflächen. "Tant mieux!" – um so besser! Ein Lippenzucken. Aphrodite-Huppert sorgt dafür, dass Phädra sich in Hippolyt verliebt. Phädra-Huppert muss es ausbaden. Blutet zwischen den Beinen, würgt überm Waschbecken – eine Reminiszenz an Blanche, Phädras halluzinierende Südstaaten-Cousine, als die Isabelle Huppert 2010 in Warlikowskis "Un Tramway" durch Europa tourte. Bis sie dann den Befreiungssatz brüllen darf: "J'aime!" Keine Liebeserklärung. Eine Kampfansage.

Der Heißgeliebte, Hippolyt, wird in diesem ersten Teil vom ruandischstämmigen Gaël Kamilindi gespielt. Einer, der, wie es im Text heißt, nichts hat. Der nachts mit den Hunden um die Häuser zieht. Wenig später kriecht er, der dunkle Schöne, halbnackt auf allen Vieren an Phädras Bett heran – als feuchter Traum der weißen Bourgeoisie. Bei Mouawad, der über seinen Text sagt, er habe eine "libanesische Phädra" schaffen wollen, ist dieser Hippolyt halb Hund, halb Mensch. Hupperts Phädra lässt ihn, im Versuch, der eigenen Lust Herrin zu werden, in sadistischer Freude Stöckchen apportieren. Es folgt eine Liebesszene, die tatsächlich als solche inszeniert ist, zärtlich, nur dass Phädra dabei ein großes Küchenmesser in der Hand hält. Nach dem gemeinsamen Höhepunkt sticht sie den Hund ab. Dann erhängt sie sich, am Wasserhahn des Waschbeckens. Sie muss dafür seltsam in die Knie gehen. Vorbei ist der Abend deswegen aber lange nicht.

Monumentales Puzzle

Phädras stilisiert inszenierte Tode gehören zu den wenigen humorvollen Momenten des Abends. Später erhängt sie sich noch einmal, mit einem Seidenstrumpf am Duschkopf. Phädra ist bei Warlikowski die, die nicht stirbt. In der nächsten Szene ist La Huppert immer wieder da, noch schöner hergerichtet als zuvor. Auf Mouawads "Phädra" folgt Sarah Kanes, am Ende dann, in der Szene, in der Isabelle Huppert Racine hersagt, eine J. M. Coetzee-Variante, in der Huppert als spitzzüngige Phädra-Variante Elizabeth Costello die interessante Frage stellt, was Maria wohl selbst zur unbefleckten Empfängnis gesagt hätte. Isabelle Huppert stemmt sie alle. Sie zeigt, dass sie klagen kann, ohne selbstmitleidig zu sein, dass sie brüllen kann, ohne die Kontrolle zu verlieren, zärtlich, ohne niedlich zu sein, freundlich, ohne nahbar zu sein. Sie gibt alles, aber nie alles her. Ein perfekter Mythos. Sie ist noch in der erniedrigendsten Position, sagen wir: beim Oralsex mit dem dicklichen, unappetitlichen, fernsehsüchtigen Kane-Hippolyt (Andrzej Chyra) in Teil zwei, nicht klein.

Man versteht, dass Warlikowski ein Stück um diese Frau herumbauen wollte. Nur ist kein Stück daraus geworden, sondern monumentale Puzzelteile, die nicht zusammenkommen. Und neben dem Komet Huppert sind die anderen Spieler teilweise so blass, dass man den Eindruck hat, die Zeit habe nicht für alle gereicht. Oder das Interesse? Wo sie der Huppert das Wasser reichen könnten (Norah Krief), kommen sie selten zu Wort. Wo nicht, dehnen sich die Szenen ins Endlose. Und was wurde eigentlich aus dem Hund aus Mouawads Teil eins, der nachts um die Häuser zieht? Von dem hätte man hier, im Odéon, gern mehr gesehen.

 

Phèdre(s)
de Wajdi Mouawad / Sarah Kane / J.M. Coetzee / Racine
Inszenierung: Krzysztof Warlikowski, Bühne und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak, Musik: Paweł Mykietyn, Dramaturgie: Piotr Gruszczyński.
Mit: Isabelle Huppert, Agata Buzek, Andrzej Chyra, Alex Descas, Gaël Kamilindi, Norah Krief, Rosalba Torres Guerrero.

www.theatre-odeon.eu/fr

 

Kritikenrundschau

Isabelle Huppert sei ein Magnet, schreibt Barbara Villiger Heilig in der NZZ (19.3.2016). "Ob als Vamp in kurzem Pelzmantel und High Heels oder im hautfarbenen Négligé, ob mit blonder Rasta-Perücke oder hochgesteckter Intellektuellenfrisur, ob vor sich hin delirierend oder ihr zügelloses 'J'aime!' ins Universum hinausschreiend". Die Schauspielerin sei eine "filigrane Erscheinung von unerhörter Kraft; eine kehlige Stimme, deren spöttischer Unterton das streckenweise dominierende Pathos konterkariert. Huppert ist die vielfältige Personifizierung jener Idee, von der sie spricht – und rettet den Abend jedenfalls vor dem sauren Kitsch, der gefährlich droht."

"Wie ist Isabelle Huppert? Unglaublich! Und die anderern Schauspieler? Ausgezeichnet!", befindet Armelle Eliot im Pariser Figaro (18.3.2016). Aber: "Je me sens bien isolée car étant donné le triomphe public qui a accueilli la première représentation de Phèdre(s) à l'Odéon (6ème) on peut supposer que tous les autres ont tout compris". Eine Inszenierung, in Bau und Kadrierung aus Sicht der Kritikerin dem Film verwandt, wie eben üblich bei Warlikowski, "adossé à une forte présence des images vidéo en direct et, ici, d'extraits de films célèbres (Psychose, Théorème)."

Ein Abend, der lange im Gedächtnis bleiben wird, befindet Brigitte Salino in Le Monde (19.3.2016). Zwar zweifelt sie, ob das Publikum wirklich alles verstanden hat, worauf Warlikowskis assoziations- und bildreiche Inszenierung anspiele. "Aber dass wir ergriffen wurden, berührt, erschüttert und umgeworfen, das ist doch klar." ("Que l’on ait été saisi, ému, bouleversé, renversé, c’est une évidence.") Das multikulturelle Ensemble sei erstklassig. Und doch bildet es aus Sicht der Kritikerin nur ein Plateau  im Gegensatz zum Olymp Isabelle Huppert.

Eine "dreistündige Zitterdramaturgie der Textfragmente, starken Bilder, Musik- und Tanzeinlagen, die eindrücklich beginnt, sich dann aber in der Beliebigkeit der Regieeinfälle verliert und nur durch das virtuose Spiel von Isabelle Huppert zusammengehalten wird", hat Joseph Hanimann für die Süddeutsche Zeitung (30.3.2016) in Paris erlebt. "Nur Vexierbilder der Figur Phädra zu zeigen, genügt Warlikowski nicht. Er will mit symbolschwerer Sprache vorführen, wie die liebende Heldin ihre Gefühle nach und nach durch Reflexion entschärft."

 

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