Aus der Zeit gefallen

von Matthias Schümann

Schwerin, 18. März 2016. "Ich amüsiere mich gern, aber Ordnung muss sein, das kann ich euch sagen." Als Edek diesen Satz murmelt, ist Slawomir Mrożek Erfolgsstück "Tango" fast schon gelaufen. Edek kehrt den Diktator heraus, nachdem alle Lebensentwürfe um ihn herum gescheitert sind und er als vitalste, aber auch simpelste Figur das Rennen macht. Das Rennen worum? Das scheint der Inszenierung dieses Stücks aus dem Jahr 1964  auch nicht so recht klar zu sein. Dabei hebt alles erst einmal ganz hoffnungsvoll an.

À la Pegida und AfD

Medizinstudent Artur unterjocht seine Familie mit einem willkürlichen System von Bestrafungen, in dem Onkel Eugen sich einen Vogelkäfig auf den Kopf setzen muss und Oma Eugenia platt auf einem kreuzförmigen "Katafalk“ liegt. Der Junior ist im Geiste älter als seine Hippie-Eltern, die ein libertinäres Künstlerleben führen, das der Sohn gern wieder in die Bahnen der Konvention und Tradition lenken will. Schnell wird klar: Artur repräsentiert den neukonservativen Typus, der autoritären Ideen und Handlungsweisen nicht abgeneigt ist, dafür aber avantgardistischen Nonkonformismus ablehnt. Hochzeit statt wilder Ehe, Monogamie statt Promiskuität. Die Parallele zu AfD und Bewegungen à la Pegida bieten sich an, greifen aber zu kurz.

Tango3 560 Silke Winkler uBuntes Spektakel: Anja Werner, Brit Claudia Dehler, Jan Hallmann, Dirk Audehm, David Emig
© Silke Winkler

Das hat auch Regisseur Ralph Reichel gemerkt, er hält den Ball der aktuellen Bezüge eher flach. Stattdessen inszeniert er ein buntes Spektakel mit schrillen Kostümen und schrägem Bühnenbild, mit Unmengen von Matratzen und einem Wackelfußboden, auf dem die Figuren ins Straucheln geraten. Im ersten Teil ist das Stück eine heitere, im zweiten eine eher schwarze Farce, die auf der Schweriner Bühne aber seltsam aus der Zeit gefallen scheint. Denn überaus stark schlagen das Kolorit und die Konflikte von Mrożek 60er-Jahre-Werk durch. Die damals im Ostblock verbissen geführte so genannte Formalismus-Debatte ist bei Mrożek zwar grotesk aufgelöst, aber doch so präsent, dass ein Weglassen des historischen Kontextes fast unmöglich erscheint. Nicht dass es keinen Spaß macht, den herrlichen Dialogen von Mrozeks abgedrehten Hobby-Philosophen und Stammtisch-Politikern auf der Bühne zu folgen, aber die Spitzfindigkeiten des Primats von Form oder Inhalt und der flehentliche Appell Arturs - "Wir brauchen ne Idee!" – treffen nicht unbedingt die Denkwelt der Leute von heute.

Fragt sich noch, ob die Inszenierung sinnlich genug ist, um als historisch-intellektuelles Spektakel zu bestehen. Der Titel "Tango" verheißt eine gewisse Körperlichkeit, aber auch sie kommt ein wenig zu kurz. Vielmehr wird auf der großen Bühne viel gestanden und gesessen, in dramatischen Szenen auch mal gerannt und gerungen, jedoch mit wenig Eleganz. Lichtblick ist Jan Hallmann als Artur: Zunächst als Student mit geschleckter Frisur und Triebstau, gegen Ende dann als halbnackter Bräutigam mit Allmachtsfantasie und Mordgelüsten, die seinen dünnen Körper sichtlich durchschütteln und seine Frisur zerraufen. Das ist sehenswert.

So viel Dynamik wäre auch bei den anderen Darstellern schön gewesen. Aber Brit Claudia Dehler gibt als Ala eher das kieksende Schulmädchen als den Vamp, Anja Werner als Eleonore stelzt bunt verkleidet (auf der Bühne und in Kostümen von C. Charlotte Burchard), aber ansonsten hausbacken über die Bühne, Dirk Audehm wirkt als Eugen laienhaft-komisch. Bei aller Übertreibung fallen einige Szenen dann auch noch in eine Art Realismus-Loch, etwa als Eleonore und Ala ein unglaublich langweiliges Frauen-Gespräch über Liebe, Ehe und Hoffnung führen. Hinzu kommt eine auf heutigen Duktus getrimmte Sprache, die eine gewisse Banalisierung des Geschehens bewirkt. Am Ende scheinen Überzeichnung und Effekt eher einem komischen oder, je nachdem, dramatischen Selbstzweck zu gehorchen. Immerhin sorgt vielmaliges Pistolenknallen für Schreckmomente im Publikum.

 

Tango
von Slawomir Mrożek
Deutsch von Ludwig Zimmerer
Regie: Ralph Reichel, Bühne und Kostüme: C. Charlotte Burchard, Komposition und musikalische Leitung: John R. Carlson.
Mit: Andreas Lembcke, Dirk Audehm, Jochen Fahr, Jan Hallmann, Anja Werner, David Emig, Brit Claudia Dehler.
Dauer:

www.staatstheater-schwerin.de

 

Mehr Tango? Im November 2013 inszenierte Tobias Rott das Stück am Theater Rudolstadt.

 

Kritikenrundschau

"In einer Gegenwart, da Krisen und Gewalt akut sind, wird klar, dass 'Tango', uraufgeführt 1965, kein Tanz von vorgestern ist", findet Manfred Zelt von der Schweriner Volkszeitung (21.3.2016). Dieser sei abgesehen von einigen zähen Momenten, stimmig als Groteske choreographiert. Sei sie auch bizarr, so stecke in dieser "Parabel über Mechanismen des Totalitären" doch unverkennbar Warnung.

Zahnlos wirke Reichels Inszenierung, zeige das Stück als ein "harmloses Mischwesen", so Dietrich Pätzold in der Ostseezeitung (22.3.2016). "Wollte er die Farce als Kommentar auf aktuelle Restaurationssehnsüchte einsetzen? Dafür scheint das Stück nicht geeignet – und strahlt nun in Schwerin viel Langeweile aus."

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