Die Geister der Vergangenheit

von Sascha Westphal

Aachen, 19. März 2016. Ein unten schiefergraues, oben eher betongraues Halbrund begrenzt die Bühne nach hinten. Ein Ausgang ist erst einmal nicht zu erkennen. Vorne an der Rampe stehen ein Stuhl und ein simpler Holztisch, an dem Siggi Jepsen seine Strafarbeit über die "Freuden der Pflicht" schreiben soll. Natürlich deutet das alles die Zelle an, in die Siggi in einem Heim für schwererziehbare Jugendliche eingeschlossen wird. Aber das eigentliche Gefängnis, in dem der Ich-Erzähler aus Siegfried Lenz’ 1968 veröffentlichtem Roman steckt, sind seine Erinnerungen. Also hat Norbert Bellen für Bernadette Sonnenbichlers Bühnenadaption der "Deutschstunde" einen Raum geschaffen, den es so nur in Siggis Kopf gibt.

Gespenster, mit Tinte gebannt

Die Wand im Hintergrund ist über und über mit Kreide beschrieben; und man ahnt gleich, das sind die Worte, die Siggi nicht aufs Papier bringen kann. Sie sind allgegenwärtig, aber sie lassen sich erst einmal nicht fassen, weder von der Frau noch von den vier Männern, die in diesem Halbrund gefangen sind. Gemeinsam treten die Fünf zu Beginn nach vorne an den Tisch. Aber mit dem Schreiben will es auch mit vereinten Kräften nicht gelingen. Also fangen sie an im Chor zu sprechen, um dann recht bald die Sätze und Gedanken untereinander aufzuteilen. Die Worte gehen von einem zum anderen. So kommt langsam Ordnung ins Chaos der Erinnerungen und Empfindungen.

Deutschstunde 560 CarlBrunn uIm Kopf des Erzählers: Rainer Krause, Hannes Schumacher, Luana Bellinghausen, Simon Rußig und Karsten Meyer © Carl Brunn

Lenz’ zwanzigjähriger Erzähler erschafft mit seinen Worten das Vergangene, die Jahre von 1943 bis 1951, noch einmal neu. Er erweckt seinen Vater Jens Ole Jepsen, den Polizeiposten von Rugbüll, und dessen Widersacher, den Maler Max Ludwig Nansen, ebenso wie alle anderen Figuren seiner Kindheit und Jugend im vom Wind gepeitschten äußersten Norden Schleswig-Holsteins auf dem Papier zum Leben. Die Gespenster, die ihn nicht loslassen, bannt er mit Tinte und Feder.

Ein fast schon brechtscher V-Effekt

Auch Bernadette Sonnenbichlers Bearbeitung gleicht einer Art Geisterbeschwörung. Luana Bellinghausen, Rainer Krause, Simon Rußig, Hannes Schumacher und Karsten Meyer sind Siggi und zugleich spielen sie alle anderen Figuren, aber eben so, wie sie der sich gegen seinen pflichtverblendeten Vater auflehnende Jugendliche vor seinem inneren Auge sieht. Auch das ist eine Form des "Schichtig Kieken", des 'Zweiten Gesichts', das der Dorfpolizist im Roman hat. Nur sieht Siggi nicht in die Zukunft, er legt mit seinem Blick die Vergangenheit Schicht um Schicht frei.

Bernadette Sonnenbichler kann so alle wichtigen Stationen und Ereignisse des Romans nacherzählen. Aber da bleibt auch immer ein Rest von Distanz, ein fast schon brechtscher V-Effekt. Selbst in den dramatischsten Momenten der Erzählung, wenn sich Rainer Krause und Karsten Meyer als Max Ludwig Nansen und Jens Ole Jepsen unversöhnlich gegenüberstehen, setzt Bernadette Sonnenbichler auf einen analytischen Blick des Publikums. Also geht Rainer Krause vor allem in der ersten Hälfte der Inszenierung in seinem Spiel immer etwas zu weit. In Siggis Erinnerungen wird der Maler tatsächlich zu der überlebensgroßen Figur, als die er sich selbst inszeniert hat.

Bis sie ausgestorben sind

Erst als der Polizist das von den Nationalsozialisten gegen Nansen ausgesprochene Malverbot mit immer drastischeren Schritten durchzusetzen versucht, zerbröckeln Krauses Manierismen. Das Denkmal Nansen wird in gewisser Weise erst da zu einem Menschen. Doch im gleichen Zug wird er Meyers Jepsen immer ähnlicher. Natürlich ist es offensichtlich, wer von den beiden der Gefährlichere ist. Aber selbst die Sympathie, die man für den widerständigen Künstler empfindet, täuscht einen nicht darüber hinweg, dass diese beiden Männer aus dem gleichen Holz geschnitzt sind.

In einer zentralen Szene des Romans spricht Nansen sein vernichtendes Urteil über den Polizisten: "Nichts, nicht einmal das Ende verändert euch. Man muss darauf warten, bis ihr ausgestorben seid." Das war die bittere und letztlich doch auch hoffnungsvolle Erkenntnis der späten 1960er Jahre. In Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung entwickeln diese beiden Sätze eine andere, ambivalentere Bedeutung. Sie sterben nicht aus, weder die Jens Ole Jepsens noch die Max Ludwig Nansens. Sie leben längst nicht nur in Siggis Kopf weiter. Beide sind sie Facetten der conditio humana. Welcher Teil sich am Ende durchsetzt, kann sich nur im Einzelfall erweisen. Der Kampf, der in Siggi tobt und zwischen seinen fünf Inkarnationen ausgetragen wird, geht unentschieden aus. Jeder hat das Gefühl, wie es im letzten Satz der Stück-Fassung heißt, "gewonnen zu haben". Damit sind wie bei Brecht "alle Fragen offen".

 

Deutschstunde
nach Siegfried Lenz, bearbeitet von Bernadette Sonnenbichler
Regie: Bernadette Sonnenbichler, Bühne: Norbert Bellen, Kostüme: Tanja Kramberger, Dramaturgie: Harald Wolff, Musik: Malcom Kemp.
Mit: Rainer Krause, Simon Rußig, Hannes Schumacher, Luana Bellinghausen, Karsten Meyer.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.theateraachen.de

 

Kritikenrundschau

Absolute Begeisterung herrscht bei Sabine Rother in den Aachener Nachrichten (21.3.2016). "Ein spannender, bewegender Abend, der erneut Lust auf den 1968 erschienenen Roman weckt, aber zugleich eine eigene starke Wertigkeit erreicht, die Kernaussagen transportiert, die vom Nazi-Deutschland geprägten 'Freuden der Pflicht' mit ihren mörderischen Folgen aufarbeitet und bis in unsere Gegenwart wirken lässt." Der Zuschauer werde rasch hineingezogen "in den muffigen Raumder Handlung, wo Angst und Schülerschweiß noch in der Luft zu liegen scheinen".

"Wenn das Licht die graue Halbrundung des Bühnenbildes wie die Partikel des Meeres glänzen lässt und die Musik das Heulen des Windes einfängt, dann entsteht atmosphärische Nähe zum Werk", so Sibylle Offergeld im GrenzEcho (22.3.2016). "Wer die 1968 erschienene Vorlage des Ostpreußen Lenz nicht gelesen hat, wird dennoch mitgerissen von der Intensität des Spiels und dem Anschwellen der Spannung." Kurz: "eine empfehlenswerte Inszenierung".

Bernadette Sonnenbichler bringe den Roman mit der Feinfühligkeit und Präzision auf die Bühne, die schon ihre grandiose Inszenierung von Bulgakows "Der Meister und Margarita" in Aachen auszeichnete, schreibt Stefan Keim in Die Deutsche Bühne (21.3.2016). "Ruhig, unspektakulär, mit nie nachlassender Spannung folgt die Inszenierung der Geschichte und denkt gleichzeitig darüber nach. Bernadette Sonnenbichler gelingt es, Erzähltheater mit diskursiver Offenheit zu verbinden. Sie fordert ihr Publikum, bleibt aber stets auf Augenhöhe."

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