Das Grauen im Gruselidyll

von Jens Fischer

Hamburg, 19. März 2016. Hin und her taumelt eine sich ewig jung dünkende, agile, leicht mondäne Bussigesellschaft im Partymodus auf einer bürgerlich getäfelten Halfpipe. So stumm wie einsam. Als hätten sich Schrillschrauben aus einem Herbert-Fritsch-Tollhaus in Pina Bauschs "Kontakthof" verlaufen. Sie tanzen grotesk ihre Eitelkeiten und Spleens mit- und umeinander. Was so puppenlustig emotionsfrei geschieht, dass es nie schmerzhaft wirkt, wie alle einander ständig verfehlen. Dabei entwickeln sie eine erstaunliche Dynamik – jede mimische, gestische, körperliche Bewegung verändert stets minimal die rotierende Choreografie des Beziehungsgeflechts.

Endlich: ein lebendiges Wesen!

Den Alltag als scheinbare Idylle vorstellen, um sie dann umso effektvoller als Gruselgeschichte zu demaskieren, bis ein Happy End dagegen gesetzt wird – so geht Hollywoodkino. Gleich das Grauen im Gruselidyll vorstellen, um es dann umso effektloser dabei zu belassen, bis kein Happy End folgt – so geht die versuchte Paraphrase der bitterbösen "Pygmalion"-Komödie George Bernard Shaws am Thalia Theater. Plötzlich betritt ein wirklich lebendiges Wesen das Tanztheater. Mit freundlicher Neugier begegnet Kristof Van Boven als Eliza diesem Zombie-Corps-de-ballet, scheint tatendurstig wie am ersten Arbeitstag im neuen Job.

Pygmalion1 560 Krafft Angerer hWillkommenskultur sieht hoffentlich anders aus: Franziska Hartmann und Kristof Van Boven
© Krafft Angerer

Oder um es politisch aktuell auszudrücken: Wie ein Migrant in der ersten Stunde seines Integrationskurses. Er will was. Nämlich zu dieser Mehrheitsgesellschaft gehören. Was angesichts ihrer Selbstdarstellung schwer nachzuvollziehen ist. Zudem wird so die Ausgangssituation des Dramas umgekehrt, da geht es ja um eine männliche Herrschaftsfantasie: Shaws hagestolzer Phonetikprofessor Higgins will zeigen, dass Aristokratie nur ein Maskenball ist. Zum Beweisobjekt degradiert er das arme Blumenmädchen Eliza. Ihr gewöhnt er den prolligen Akzent ab, lehrt überkandidelte Worthülsen zu artikulieren, trainiert Manieren sowie Gewohnheiten der High Society – schon wird Eliza als Dame von Welt behandelt.

Willkommenskultur als demütigende Dressur

In Hamburg ist sie nun nicht nur männlich, was weiter keine Rolle spielt, sondern fordert auch von sich aus, abgerichtet zu werden, um erfolgreich funktionieren zu können im vorgefundenen System. Der mit Geld- und Machtstreben assoziierte Kapitalismus wird gemeint sein, denn Eliza bietet gleich an: "Ich will auch bezahlen." Und erntet Spott. Die Etablierten distanzieren sich als Gruppe vom Neuankömmling. Finden ihn, "Dingelchen" genannt, dann aber "herrlich ordinär". Erotische Projektionsfläche wird er, mit Süßigkeiten gefüttert und als Dummerjan angesprochen. Schließlich ist Prof. Higgins (Oda Thormeyer) bereit, ihn "fit zu machen für unsere Art zu leben". Also zum Depp unter Deppen auszubilden.

Willkommenskultur als demütigende Dressur zu zeigen, das ist eine satirische Volte des estnischen Regieduos Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper. Eliza muss sich entblößen, darf bei der rituellen Waschung zur Entfernung letzter Individualitätsflecken aber noch ein wenig rebellieren, also mit Wasser spritzen. Zieht dann allerdings willenlos ein rosa Kleidchen über, das ihn optisch als Mitglied der affektierten Tanzgemeinde ausweist. Higgins improvisiert in Slam-Poetry-Manier seine Sprachübungen. Die vorgekauten Worte ergeben ein Begriffepuzzle der Leitkultur. Nur kommuniziert keiner darüber. Wenn alle mal zwanghaft lässig ins Gespräch kommen wollen, wird mit Beiträgen zum Wetter und zu Krankheiten geschwiegen.

Subjektive Überreizung

Eliza hüpft und springt und schweigt eifrig mit. Großer Erfolg? Große Enttäuschung! Verhohnepiepelnd über- und unterbetonend gibt er erlernte Phrasen zum Besten. Entwickelt aus dem gestischen Vokabular und Motionskanon seiner Gastgeber ein bös ironisches Tanzsolo. Wehrt sich als Geschöpf gegen die Schöpfer. "Kriegt ihr das mit, wie blöd ihr seid?", fragt Eliza. Und fühlt sich selbst blöd: "Ich möchte sterben." Das sei "subjektive Überreizung", lautet die zynische Reaktion.

Der Abend hat ästhetisch seine Momente, wirkt aber nicht zu Ende gedacht und nicht zu Ende inszeniert. Etliche Fragen bleiben unbeantwortet: Warum bedeutet hier Einüben einer fremden Kultur den totalen Verlust der eigenen? Warum fühlt Eliza sich so rettungslos verloren? Und singt undämonisch, geradezu niedlich "The End" zum Finale, nimmt dabei der eigenen Verzweiflung alles, was die Doors dem Song gegeben haben?  Das ist für eine Gesellschaftsanalyse zu dünn und für einen Shaw-Abend zu weit weg vom dramatischen Text.

Pygmalion
nach George Bernard Shaw,Deutsch von Harald Mueller
Regie/Ausstattung: Tiit Ojasoo, Ene-Liis Semper, Musik: Vaiko Eplik, Dramaturgie: Sandra Küpper.
Mit: Alicia Aumüller, Kristof Van Boven, Marina Galic, Franziska Hartmann, Sven Schelker, Alexander Simon, Rafael Stachowiak und Oda Thormeyer.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de


Kritikenrundschau

"Es war ein enttäuschender und - schlimmer noch - ein dürftiger Abend", berichtet Heide Soltau im NDR (19.3.2016). Das Konzept, das Blumenmädchen Eliza als Fremden zu setzen, "der lernen will, sich in einer ihm völlig unbekannten Kultur so zu bewegen wie die privilegierten Einheimischen", trage allenfalls zehn Minuten. Das Regieduo zeige überdeutlich "das reiche, mit sich beschäftigte Europa, das dem Fremden hilft und ihm Lernprogramme gnadenlos überstülpt, ohne sich für den Menschen dahinter zu interessieren."

Das Bühnenbild sei sehr "klar, sehr cool, sehr schick", schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (21.3.2016). Schon die Vertauchung der Geschlechter in der Besetzung der Hauptrollen aber wirft der Rezensentin Fragen auf: Der Zuschauer "wartet auf eine Eingebung, einen Hinweis, während die Darsteller in ihrer aggressiven Niedlichkeit die Halfpipe hinauf und hinunter laufen, allerlei choreografierte Bewegungsabläufe abspulen und mit rotgeschminkten Knallkussmündern Bussis in die Luft schmatzen." Die Ratlosigkeit dehnt sich auf das Werk im Ganzen aus: "Was möchte uns dieser Abend sagen, der mit wenig Text auskommt, alles auf Körperarbeit und Tanztheater setzt, aber damit über die lange Strecke einfach keinen zwingenden Sog entfaltet?"

"Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo interessiert an dem Stück, so erläutern sie im Programmheft, das Phänomen des Unterrichtens und die Rolle des Fremden in unserer Gesellschaft. Berechtigte und auch aktuelle Themen, doch bestehen sie schlichtweg nicht den Praxistest", so Katrin Ullmann in der tageszeitung (22.3.2016). "Wohin, fragt man sich bald, sollte diese merkwürdige Reise denn gehen? Ins absurd komische oder ins ernsthaft sozialkritische Theaterland? In Richtung Herbert-Fritsch-Groteske oder doch lieber nächste Ausfahrt Gesellschaftskritik mit Flüchtlings-Fremdheits-Nothaltebucht? Es scheint, und das ist das Enervierende an diesem Abend, als wüssten Semper und Ojasoo es selbst nicht."

"Die Schauspieler (...) hüpften und liefen wie fitte Büromäuse herum, die dick im Geschäft sind, klirrten mit den Kaffeetassen, warfen Küsschen in die Leere des Wohlstands und waren bald ratlos, wie es auf diese gliederpuppenhafte Weise die ganze Zeit weitergehen sollte", schreibt Eberhard Rathgeb in der Neuen Zürcher Zeitung (29. März 2016). "Die Frage hing für alle sichtbar im Raum wie ein schlaffes Segel, das jede Hoffnung auf Wind aufgegeben oder, um es mit der Einfalt der Inszenierung zu sagen, jede Hoffnung auf Wind in den Wind geschlagen hatte."

 
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