Verschreckte Vögel im Käfig

von Claude Bühler

Bern, 24. März 2016. Es mag erstaunen, dass sich ausgerechnet das Berner Konzerttheater die Schweizer Erstaufführung von Elfriede Jelineks Flüchtlings-Stück sichern konnte, das derzeit die deutschsprachigen Bühnen stürmt, und nicht die beiden auf Aktualität und Prominenz sensiblen Direktionen der Theaterhauptstädte Basel und Zürich. Bern stand ja eher in deren medialen Schatten bis im Januar ein Knall nicht auf der Bühne, sondern dahinter für Schlagzeilen sorgte: Nach nur einem halben Jahr Amtszeit wurde Schauspieldirektorin Stephanie Gräve, deren "fachliche Qualifikationen" der Verwaltungsrat als "unbestritten" deklarierte, freigestellt.

Dass in dieser Sache das letzte Wort, nicht aber die letzten Worte gesprochen sind, zeigte sich nun am Premierenabend, als Stephanie Gräve als Zuschauerin die Inszenierung jener Claudia Meyer besuchte, deren weiteres Engagement, wie zu lesen war, "gerüchteweise" zum erwähnten Knall geführt habe. Auf Anfrage wollte sich Stephanie Gräve in der Situation nicht äussern. Mit Sicherheit kann man sagen: à suivre.

Schwer erträgliche Sarkasmen

Nun wäre ein künstlerischer Erfolg als Befreiungsschlag willkommen. Doch mit der 100-minütigen Jelinek-Erstaufführung wurde er wohl nicht erzielt. Weniger wegen des Ensembles, das konzentriert die schwer zu bändigende Sprachgewalt Jelineks in griffiger Form vermittelte, sondern auf Grund von Regie und Dramaturgie.

Schutzbefohlenen2 560 Philipp Zinniker uGebeugte und ihr Text in "Die Schutzbefohlenen" © Philipp Zinniker

Jelinek formt ihre Anklage gegen Europa und seine Flüchtlingspolitik, indem sie aus Situationsschilderungen von Morden, gescheiterten Meeresüberfahrten und herabwürdigender Behandlung schwer erträgliche Sarkasmen türmt. Flüchtlinge feuern Jelineks Schimpftiraden ab, die mit europäischem Kulturempfinden formuliert wurden: Sie packt uns bei der eigenen Basis. Die womöglich kathartische, sicher aber provozierende Wirkung entfaltet die Anklage dann, wenn sie möglichst direkt auf das Publikum losgelassen wird. Am Ehesten noch passiert das in Bern im kurzen Vorspiel in der Autoeinstellhalle: Die Protagonisten, von Masken verfremdet, lassen auf Augenhöhe zum Publikum ihrem Gefühlsmix aus Unverständnis, Zorn und Angst freien Lauf. Später im Hauptteil versackt das Anliegen aber ohne zu treffen oder zu rühren.

Menschenknäuel und Videoeinspieler

Das Stück besteht aus einer verdichteten Textfläche. Als hätte die Angst sie angeleitet, nur ja keine gestaltete Lesung zu machen, brachen Claudia Meyer und Dramaturgin Sophie-Thérèse Krempl den Text mit Spielformen aller Art auf. Der Aktionismus lässt einem die Sinne schwirren: Herumgerenne, immer neue Gruppenbilder und Menschenknäuel, Videoeinspielungen, Schriftgrafiken, Texte live und ab Band in verschiedenen Stilen. Bach und Vivaldi live vom Akkordeon, Travestieauftritt, Ausdruckstanz und dazu Jelineks anspielungsreicher, wortspielübervoller Langsatztext – kaum, dass man ihm im Tempo-Tempo noch genau folgen geschweige ihn mit den Bühnenvorgängen verbinden kann.

Schutzbefohlenen1 560 Philipp Zinniker u Vorne: Sebastian Schneider, Milva Stark, hinten: Patricia Rotondaro, Philippe Ducou
© Philipp Zinniker

Nicht nur die vielen, offenen Fragen, warum jenes so?, was bedeutet dies?, verhindern den Eindruck eines grossen Ganzen: Zu gefühlt jeder fünften Zeile wird, dicht am Text und drauf auf den Text, eine neue Szene kreiert. Die Aufführung wirkt wie ein Nummernabend.

Im guten Falle erlebt man plakative Szenenbilder, etwa die angsterfüllte Gehetztheit der Flüchtlinge wie die der verschreckten Vögel im Käfig; Wir Europäer sitzen um drei Meter erhöht um den Spielraum, gucken also auf die Leute herunter. Oder wenn der Wutbürger in der U-Bahn sich darüber echauffiert, dass Asylsuchende "seinen" Platz besetzen, und er diese töten will; die Ensemble-Mitglieder stellen sich gegen die Wand, als müssten sie eine polizeiliche Leibesvisitation über sich ergehen lassen.

Schön anzusehen

Im schlechten Falle fragt man sich, worum es geht: um eine Kunstübung, um Jelineks Anklage oder um das Anliegen der Flüchtlinge? Als wollte die Regie da Lücken schliessen, als müsste sie sagen: davon reden wir die ganze Zeit, spielt sie Videobilder vom Flüchtlingselend an der Küste und an der Grenze ein. Das wirkt hilflos und inflationär. Wenn nicht gar missbräuchlich.

Gewiss, wir sehen Zartheit, die Suche nach Geborgenheit, wenn das Tanzpaar Patricia Rotondaro und Philippe Ducou in einem pas de deux vom Elend in feindlich gesinnter Fremde erzählen. Aber manche Tanzeinlage ist schöner anzusehen als klar einzusehen. Wir verstehen auch die Wutformel, wenn Milva Stark, Tobias Krüger und Sebastian Schneider in einem Hiphop-Video sich wie Bushido und Konsorten aufführen. Aber da fehlt nicht nur die massierte Wutenergie solcher Protagonisten: es ist auch nur eine (weitere) Verbildlichung von Jelineks Text – für den man so ein Klischee gefunden hat.

Die Schutzbefohlenen
Schweizer Erstaufführung von Elfriede Jelinek, mit einem Insert aus "Die Schutzflehenden" von Aischylos
Regie und Bühne: Claudia Meyer, Kostüme: Lea Nussbaum, Dramaturgie: Sophie-Thérèse Krempl.
Mit: Milva Stark, Tobias Krüger, Sebastian Schneider, Tanz: Patricia Rotondaro, Philippe Ducou, Akkordeon: Ruslan Shevchenko.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

 

Dieser Text ist am 30. März 2016 um ein Wort ergänzt worden, weil das indirekte Zitat aus der Berner Zeitung Der Bund sinnverrückend verkürzt wiedergegeben worden war.

 

Kritikenrundschau

"Ein hervorragendes Ensemblespiel", sah Beatrice Eichmann-Leutenegger für die Neue Züricher Zeitung (25.3.2016). "Es gehorcht einem dynamischen Wechsel zwischen lauten und leisen Sequenzen, setzt schonungslos Körpersprache ein und siedelt sich so an der Schnittstelle von Schauspiel und Tanz an." Eichmann-Leutenegger sah "expressive Bewegungsmuster" und hörte das Akkordeon-Spiel von Ruslan Shevchenko, "der mit Bach und Vivaldi eine Atmosphäre der Trauer schafft, aber auch die Sehnsucht nach verlorener Lebensfreude evoziert." Claudia Meyer schaffe es "überwältigende Polyfonie" (obwohl stark gekürzt) so zu reproduzieren, dass eine "grössere Nähe zwischen Publikum und Darstellern" entsteht.

Einen "Willen zur Zuschauerabholerei" identifiziert Daniel Di Falco in Der Bund (online am 27.3.2016) als Problem des Abends und schreibt: Claudia Meyers Inszenierung scheine Jelineks Text so wenig zu trauen wie der Konzentrationsfähigkeit des Publikums. "Statt dessen: Action, Action, Action!" Der "nimmer mehr endende Reigen von Einfällen" verdeutliche oder verdichte allerdings wenig, "es fügt sich vielmehr zusammen einem fortgesetzten Ausweichmanöver, zu einer seriellen Übersprungshandlung", so Di Falco. "Klar, so einen Brocken muss man (…) auf der Bühne schon irgendwie modulieren. Aber hier wird er förmlich weggeturnt."

 
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