Zum Wohle des Sowjetmenschen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 25. März 2016. Es wird auch gekreuzigt an diesem Karfreitagabend im Einheits-Bühnenraum der Volksbühne. Ein paar lange Minuten hängen Patrick Güldenberg, Rouven Stöhr und Alexander Scheer (selbstverständlich in der Mitte) an großen, mitten auf der Rampe (auf der das Publikum sich seine Hinterteile auf dem Asphalt wund sitzt) aufgestellten Kreuzen und warten auf Margarita Breitkreiz, die sie mit kaltem Wasser besprengt, auf dass sie vom Mythos-Status abfallen.

Und weitergejoggt in die nächste Nummer dieser "Terrorkampagne mit Musik nach DJ Stalingrad", entweder die Treppe hinten an der Seite hoch in den Raum mit der Live-Kamera, die gerne tief in die ernsthaft geweiteten Augen der Darsteller*innen schaut, egal was sie gerade reden; oder runter in den hochwandigen Käfig, in dem die Wut der eigens für den Abend gegründeten Metal-Band "The New World Order" eingesperrt ist und ab und zu laut knurren darf wie ein Zoo-Tiger. Dazu zucken Stroboskop-Lichter.

2043 exodus2 1076Ostern feiern à la Volksbühne (Ensemble) @ Thomas Aurin

Die Tragik der Verlierer

"Exodus", der Text von DJ Stalingrad, auf dem dieser Abend von Sebastian Klink basiert und den auch schon Frank Castorf für seine Brüder Karamasow hergenommen hat, ist ein faszinierendes Paradox: In Schicht über Schicht dick aufgetragener Erfahrungs-Berichte von Schlägereien zwischen Punks und Nazis, rechten und linken Fußballfans, wird die Wut heraufbeschworen, die es braucht, um dem nächstbesten Mitmenschen, dessen Visage einem nicht passt, selbige zu Hackfleisch zu kloppen. Reflektion streng verboten? Nein, der Autor, der Zeitungsberichten zufolge mittlerweile nicht mehr in Russland lebt, weil er dort wegen seiner Beteiligung an diversen Ausschreitungen per Haftbefehl gesucht wird, taucht zwischendurch tief in seine zeitgenössische russische Seele und fördert eine explosive Gesellschaftskritik zutage, die in eine Kriegserklärung für alle Verlierer des Raubtier-Kapitalismus mündet – speziell für die, die ihr halbes Leben lang auf das Gegenteil eingeschworen worden waren.

Gefundenes Fressen für die junge Tradition des Volksbühnen-Abgesangs auf sich selbst im kalten Schatten des nahenden Neoliberalismus. Hier wird sie fortgeschrieben, indem die dem Text mit passgenau angelegten Scheuklappen durchaus entnehmbare Sowjetmensch-Sentimentalität den Raum peu à peu vernebelt wie der Rauch der vielen, vielen Zigaretten, die Rock'n'Roll-romantisch geraucht werden. Die Jungs machen dazu ihre mehr oder weniger sehnigen Oberkörper frei, und das Mädchen trägt wechselnde figurbetonte Outfits aus Castorfs Fundus spazieren.

Exodus2 560 ThomasAurin uDosenbier –DER Energiespender für Superhelden (Ensemble) © Thomas Aurin

Es blitzen in der schnellen Abfolge aneinandergerotzter Szenen gleichwohl ein paar tolle, konzentrierte Momente auf: Wenn etwa Alexander Scheer sich in einen Textbrocken, in dem die Rede von einem Kolja ist, der ins Gefängnis kommt und dort den Namen Fedja annimmt, hinein-schizophrenisiert, schließlich in Live-Kamera-Großaufnahme in zwei Figuren zerfällt und so endlich mal eine glaubwürdige Distanz markiert zu den rohen Zuständen, in deren Beschreibung er sich sonst als Edel-Hooligan ein bisschen zu euphorisch wirft. Oder wenn Margarita Breitkreiz mit heiser geschrieener Stimme ein Gespräch zwischen einer Asi-Mutter und Sanitätern spielt, die gekommen sind, weil ihr Baby aus dem Fenster der Wohnung im achten Stock gefallen ist – nur hat sie davon noch nichts mitbekommen, weil sie auf der anderen Seite der Wohnung auf den Balkon gegangen ist, um nicht vor dem Baby zu rauchen. Da blitzt die ganze Tragik der Verlierer auf, die es in der düsteren Weltsicht von "Exodus" nur falsch machen können.

"FICKT EUCH!"

Aber bis auf solche individuellen Risiken macht die Inszenierung es sich in ihrer Volksbühnen-Coolness ziemlich gemütlich und gefällt sich so außerordentlich gut in ihrer nervösen Zerfahrenheit, dass im Publikum schon nach anderthalb Stunden die sonst aus Castorf-Inszenierungen bekannten Ermüdungserscheinungen auftreten.

Zu Beginn hat Alexander Scheer dem Publikum mitgeteilt, dass das Russische Konsulat am Premierentag bei der Volksbühne angerufen habe, um in Erfahrung zu bringen, ob der Autor sich zur Premiere im Theater einstellen werde. "FICKT EUCH!" schreit Scheer nun als offizielle Antwort auf diesen Anruf – knappe zwei Stunden später fragt man sich zum Schluss, ob DJ Stalingrad zusammen mit seinem Text nicht besser vollkommen anonym geblieben wäre, als Mythos, der sich selbst enttarnt. Auch ohne Kreuz.

 

Exodus
nach DJ Stalingrad
Regie: Sebastian Klink, Bühne und Kostüme: Gregor Sturm, Musik: The New World Order, Licht: Hans-Hermann Schulze, Ton: Christopher von Nathusius, Video: Konstantin Hapke, Dramaturgie: Thomas Martin.
Mit: Margarita Breitkreiz, Patrick Güldenberg, Alexander Scheer, Rouven Stöhr, Axel Wandtke, Kriton Klingler-Ioannides (Musiker), Mathias Brendel (Musiker) und Conner Cornelius Rapp (Musiker)
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"Klingt nach gutem, echten Material, stark und authentisch", findet René Hamann von der taz (29.3.2016), als er den Inhalt des DJ Stalingrad-Romans rekapituliert, der diesem Abend als Grundlage dient. "Klingt nach einem Höhepunkt der 'Schwarzen Serie' in der Volksbühne", führt Hamann fort. Allerdings böte der Abend nicht viel mehr als die üblichen Volksbühnen-Standards: "ein bisschen Video, Bandeinsatz, kleine Einsprengsel von Metawitzen inklusive Publikumsumgruppierung." Die Schauspieler sind es, die dafür sorgen, dass "Exodus" doch zum "Bergfest" der Schwarzen Serie der Volksbühne wird.

"Energetisch hoch engagierte Schauspieler", sah Christine Wahl für den Tagesspiegel (28.3.2016). "Alles n allem aber trudelt dieser „Exodus“ recht vorhersehbar, nicht ohne Längen und (..) vor allem in einer ziemlich wohltemperierten Hipster-Optik seiner Zielgeraden entgegen." Wahl sieht an diesem Abend überall "Klinks Chef" Castorf durchscheinen und einige "bemerkenswerte Szenen" – nicht mehr, nicht weniger.

"Berliner Theater-Kaputtheiten sahen auch schon mal gefährlicher aus", resümiert Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (31.3.2016). Klink versuche erst gar nicht, die Romanhandlung nachzuerzählen. Lieber docke er an die Haltung der Hassgesänge an – "eine spätromantische Feier der Selbstzerstörung aus dem Geist der Fundamentalopposition gegen so ziemlich jedes Ordnungssystem".

 
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