Rauch über Theben

von Christoph Fellmann

Zürich, 1. April 2016. Sieht aus wie Chur, 1948, aber stopp, stopp, stopp. Das kann man ja eigentlich nicht kennen, zumindest nicht aus eigener Anschauung. Schließlich ist es erstens lange her, und brachte es die Inszenierung, die Bertolt Brecht damals von der "Antigone" in der Schweizer Kleinstadt erarbeitete, zweitens auf gerade mal drei Vorstellungen und ein halb verkauftes Matinée-Gastspiel in Zürich. Vom verstorbenen Bert Neumann stammt noch die Idee, die damalige Bühne von Caspar Neher nun auf der nämlichen Pfauenbühne zu reproduzieren – ein offenes Halbrund mit abschließender Sitzbank, auf der die Spielerinnen und Spieler rauchen und auf ihren Auftritt warten, und mit der eigentlichen, durch vier Pfähle mit Pferdeschädeln markierten Spielfläche. Rauchen? Genau. Denn so macht René Pollesch in seiner neuen Zürcher Arbeit die "Bühne frei für Mick Levčik", wie Brecht hier heißt.

MickLevcik2 560 Matthias Horn uBrecht das Gesetz aus Aristoteles' Zeiten, Gaul des Theaters, Du hinkst ...  Sophie Rois, Jirka Zett, Marie Rosa Tietjen, Nils Kahnwald und der Chor bei der Arbeit. © Matthias Horn

Freuden der Einfühlung

Wir haben es hier also mit einem Abend mit Sophokles zu tun, mit Brecht und Pollesch. Man könnte sagen, René Pollesch entwickle und erkläre hier sein doch ziemlich einzigartiges Theater aus der Tradition, aus dem tragischen und dem epischen Theater heraus, als eine Feier des Zitats. "Wir müssen zitieren, damit wir weiterkommen", sagt Sophie Rois, "anders geht es nicht. So leben wir ja auch, das nennt man Kultur." Die Beweisführung gelingt anhand der Inszenierung von 1948, die von Brecht und Neher als exemplarische Arbeit verstanden und in einem Modellbuch dokumentiert wurde. So hören wir auch einige der so genannten Brückenverse, die Brecht notierte, um die Handlungen der Spielerinnen und Spieler zu beschreiben, denn: "Ich will am Rand des Spielfelds nicht aufgeregt herumzappeln", so Nils Kahnwald. "Ich will sprechen, was ich gleich ausführe. Es gibt ein Leben jenseits des Gezappels."

Nun ist es nicht von der Hand zu weisen, dass es in "Bühne frei für Mick Levčik" ab und zu ein bisschen theaterwissenschaftlich zu- und hergeht. Aber herrje, meist ist der Abend saukomisch. Dann versucht Sophie Rois mit Hilfe eines Running Gags festzulegen, was Sophokles mit seiner "Antigone" eigentlich sagen wollte: "Worum geht es eigentlich in diesem Stück?" Oder der fesche Herrenchor weigert sich, als alte Frau aufzutreten, man sei ja weder alt noch weiblich: "Ich will keine alte Frau spielen, ich will einen Nazi spielen." Also gönnt Pollesch den elf Freunden die leichtfertigen Freuden von Einfühlung und Repräsentation und schickt sie als schwulen SS-Trupp aufs Spielfeld. Nur, ist diese Sottise jetzt eine Abweichung vom Modellbuch, das noch keine Authentizitätsnazis kannte? Oder nicht doch eine gelungene Anwendung der brechtschen Regel, die Distanz von der Rolle einfordert?

Klug und komisch

René Pollesch hat am Spielfeldrand der klassischen Theaterarena ein heiteres Vexierspiel über zwei Klassiker eingerichtet, in dem wir den Spielerinnen und Spielern dabei zusehen, was der Schritt auf die Bühne auslöst, und wie ein paar wenige Worte einen über Tausende von Jahren gebunkerten Inhalt abrufen. "Ich liebe dich", sagt dann Nils Kahnwald: "Der Satz erzielt seine Wirkung deshalb, weil niemand ihn zuerst gesagt hat." Und Marie Rosa Tietjen ergänzt: "Es gibt keinen Ursprung, und was aus dieser Erkenntnis folgt, ist das Modell." In vielen Stücken hat Pollesch immer wieder gegen die Autorenschaft angespielt und gegen die Idee eines inneren, kreativen Ichs, das sich ausdrückt. In Zürich unternimmt er nun einen fast schon exemplarisch zu nennenden Versuch, zu zeigen, wie Originalität nicht aus sich selbst entsteht, sondern in Abweichung vom Modell, in seiner zitierenden Überschreibung. Das ist klug und komisch und kann man gerne zitieren.

 

Bühne frei für Mick Levčik
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Barbara Steiner, Bert Neumann (†), Kostüme: Sabin Fleck, Choreografie: Sebastian Henn, Chorleitung: Christine Gross, Licht: Lothar Baumgarte, Christoph Kunz, Dramaturgie: Karolin Trachte.
Mit: Nils Kahnwald, Sophie Rois, Marie Rosa Tietjen, Jirka Zett und Chor.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 


Kritikenrundschau

Elske Brault vom Deutschlandradio Kultur (1.4.2016) fühlt "sich hier die meiste Zeit wie in einem Seminar am Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaften" und konstatiert, dass "alle hier munter angewandten Demontagetechniken" nichts daran änderten, "dass René Pollesch mittlerweile in die Theatergeschichte eingegangen ist wie längst schon Bert Brecht." Der Abend kalauere sich "durch die Theatertradition, stets mit dem vertrauten doppelten Dialektik-Polleschberger: Er stellt sich in eine Linie mit dem großen Brecht und denunziert zugleich dessen Versuch, mit einer 'Modellinszenierung' oder theoretischen Schriften zum Theater eine bleibende Gebrauchsanweisung für 'richtiges' Inszenieren zu schaffen." Sophie Rois sei "so auffällig der Star dieser Premiere, dass allmählich Zweifel aufkommen, ob ihre Mitspieler des Zürcher Ensembles sich nicht bewusst oder gemäß Regieanweisung zurückhalten."

"René Pollesch erobert das Publikum im Handstreich und erlöst uns mit einer ausgefuchsten Mischung aus Zitatgewittern, arroganten Kenner-Phrasen, Proben-Hysterie und Backstage-Philosophie aus allen Tragödien-Klischees", berichtet Cornelie Ueding auf Deutschlandfunk (2.4.2016) Dabei "kommen wunderbarerweise weder die Lehrtheater-Ikone Brecht noch Antigone unter die Räder dieser Anti-Ernsthaftigkeits-Dramaturgie. Ganz ohne Brechstange – aber mit viel Brecht’scher Schlauheit." Pollesch ziehe "alle Register des episch verfremdeten, überzeichnenden Theaters; so stark, so ruppig und zugleich liebevoll, dass daraus eine unprätentiöse Hommage, eine Beschwörung des theatralischen Hier und Jetzt wird – inklusive aller möglichen Flops und Missgeschicke".

"Die Verwirrung ist vergnüglich, der Drive hochansteckend", findet Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (4.4.2016). Das "gewohnte Pollesch'sche Diskurs-Spannungsfeld" entspanne sich hier "aufs Animierteste" zwischen "Remake, Übermalung und Making-of, zwischen Zitat, Variation und Kommentar, Brecht, Sophokles und dem universalen Verblendungszusammenhang". Es werde "Abenden viel geredet, wenn auch, macht es den Eindruck, nicht gar so schnell wie sonst". Fazit: "René Polleschs Theatertexte sind eine Mischung aus aktuellem Anlass und universaler Theorie, da blitzt eins ins andere, bis sich keiner mehr auskennt, Modell und Extempore, der schlaue Einfall und das Telefonbuch als Bühnenklassiker, es ist der schönste Rausch."

Was "nach einer tiefenbohrenden, theaterseminartauglichen Verschachtelung klingt, ist eine klassische – ja, dieses Adjektiv darf man hier verwenden! – Pollesch-Posse mit kolossalem Spassfaktor. Die Readymades rocken." So schreibt Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (4.4.2016). Stets werde an diesem Abend "klug das Spielen und Sprechen selbst debattiert: ohne Transparenz kein Tanz".

"René Pollesch dekonstruiert den alten Brecht mit Hilfe des noch älteren Sophokles und neuerer feministischer Diskurse und macht aus einer schweren antiken Tragödie aus dem Jahre 1948 eine leichte Komödie für die 'große inzestuöse Theaterfamilie'", berichtet Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.4.2016). "Es geht immer noch um die alten Pollesch-Themen: Authentizitätsterror und Pseudo-Originalität, Probe und Vorstellung, Kooperation und Teamarbeit, die Dialektik der Sprache der Liebe. Aber René Pollesch räumt diesmal viel Diskursgerümpel weg und macht so die Bühne frei für ein entspanntes Spiel mit der Theatergeschichte. Womöglich hat er mit seiner kritisch-vergnügten Brecht-Reprise eine Modellinszenierung für sich selbst geschaffen."

"Brecht, dessen Name Pollesch zu Mick Levcik verfremdet hat, denkt da nach über Brecht, aber ebenso scharf denkt Pollesch da nach über Pollesch und über seine Verwandtschaft mit diesem Theaterklassiker", berichtete Julia Stephan in der Aargauer Zeitung (4.4.2016). Das Ensemblespiel mit den Brechungen des Brecht‘schen Distanzierungsgebots empfindet die Kritikerin als "lustvoll und frech".

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Mick Levčik, Zürich: must seeFrank Snerheb 2016-04-02 11:33
Will ich sehen! Klingt auf- und anregend.
#2 Mick Levčik, Zürich: Grund?Sopho 2016-04-02 11:57
Gibt es einen Grund, weshalb Antigone aufgeführt wurde?
#3 Bühne frei für Mick Levčik, Gastspiel Berlin: beißt sich der theatrale Hund in den SchwanzSascha Krieger 2017-01-23 10:54
Immer wieder fragt Rois, worum es in dem Stück eigentlich ginge. Die Frage wird nicht beantwortet, bildet aber den Keim einer wahrhaft schöpferischen Tätigkeit. “Schöpferisch ist man dann, wenn schon etwas vorhanden ist”, heißt es einmal, denn Schöpfung hieße ja, aus etwas schöpfen zu können. Zu fragen, was dieses Vorhandene denn sei und wie man sich dazu verhalten könne, ist der Grund des Theaters in den Augen von René Pollesch. Wie aber mit dem Überkommenen umgehen: Zett bringt es auf den Punkt: “Wir müssen uns nur an alles halten, aber nicht sklavisch.” Eine Quadratur des Kreises, ein Rezept fürs Scheitern – und für Kunst. Also wird probiert, getestet, debattiert, verworfen. Virtuos wechseln die Spieler von Probe zu Spiel zu Diskurs, von einer Rollenebene in die nächste und entdecken das Theater im Reden darüber. Und seiner Offenlegung: “Die Zuschauer lieben das, wenn man das Theater transparent macht.” Pollesch muss es wissen, schließlich ist das eines seiner Grundprinzipien. Also versucht man und stellt zugleich aus: Episches und Dramatisches, Realistisches und jede Menge V-Effekte, Repräsentation und Abstraktion. Das gespielte Spiel und die Reflexion darüber als Spiel.

Das ist furios, virtuos und hochkomisch, ein Lachen produzierend, das nicht einfach nur befreit, sondern das Wissen, Erkennen ebenso beinhaltet wie Verwirrung, Unverständnis und die ganz großen Fragezeichen. Eines, an dem man sich reibt. Wohin das alles führt? Immer zurück zu den gleichen Fragen. “Worum geht es eigentlich?” Antworten gibt es viele, erschöpfend ist keine. Natürlich dreht sich der Abend im Kreise, beißt sich der theatrale Hund in den Schwanz. Das soll so sein, schließlich gibt es hier keinen Anfang und kein Ende. So wie der Satz “Ich liebe dich!” genau dadurch so stark wirkt, weil es niemanden gibt, der ihn zuerst gesagt hätte, ist jedes Neue eine Variante des Vorangegangenen, die wiederum Version des Vorhandenen ist und immer so weiter. Also gibt es auch keine Lösung: “Zuschauer mögen Theater ohne Lösung”, hören wir. Lösung, so könnte man hinzufügen, erübrigt das Denken, weil alles schon für den Zuschauer gedacht ist. Und wie könnte man einen Abschluss finden, wenn es doch um den Anschluss geht? Was zu Ende ist, geht nicht weiter, doch genau hierin liegt bei Pollesch ja das Schöpferische. Da lässt er lieber den Chor noch einmal tanzen. Das ist hübsch und der “Schluss”. Alle Fragen offen? Natürlich.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2017/01/23/blos-keine-losung/#more-6203
#4 Bühne frei für Mick Levčik, Gastspiel Berlin: intelligent am richtigen Ortmiss Börlin 2017-01-23 11:54
Ganz und gar relevant und intelligent und am richtigen Ort in der Stadt, dem BE, ein Genuss und Sophie Rois grandios, begleitet von einem fantastisch gearbeiteten Chor, ein Vergnügen auf höchstem Niveau. Vielen Dank.
#5 Bühne frei für Mick Levčik, Gastspiel Berlin: zu viele InsidergagsKonrad Kögler 2017-01-23 13:47
Als Boulevard-Komödien voller überhitzer Diskursschleifen, die die Herzen von Theaterwissenschaftlern höher schlagen lassen, könnte man die Arbeiten von René Pollesch einem interessierten Außenstehenden beschreiben.

Bei seinem Ausflug in den Zürcher Pfauen treibt er dieses Prinzip auf die Spitze: „Bühne frei für Mick Levčik“ ist eine Hommage an Brechts episches Theater, an die griechische Antike und nicht zuletzt an die Volksbühnen-Stars Bert Neumann und Sophie Rois.

Vieles an diesem Abend ist komisch anzusehen. Sophie Rois setzt im Helene Weigel-Gedächtnis-Look immer wieder dazu an, „die anderen an die Wand zu spielen“, wie von ihr gefordert wird. Sie verheddert sich aber jedes Mal bei der Frage, worum es in der „Antigone“ eigentlich geht und ob es nicht ein Inzest-Drama sei.

Ein weiterer Running-Gag des Abends ist, dass sich der Chor, der – wie üblich bei Pollesch – aus jungen Männern besteht, sich standhaft weigert, eine alte Frau zu spielen. In mehreren Varianten werden feministische, gendertheoretische Diskurse durchgespielt, dass der Chor auf keinen Fall auf ein bestimmtes Rollenmuster festgelegt werden möchte.

Zugegeben: Diese 75 Minuten sind über weite Strecken lustig. Das gilt vor allem für die Choreographien, die Pollesch im letzten Drittel des Abends für seinen Chor entwickelt hat, wo er Disco-Musik mit SS-Uniformen und Camp-Ästhetik mixt.

Zu oft schleicht sich aber das Gefühl ein, das alles so ähnlich schon mehrfach bei Pollesch gesehen zu haben. Zu viele Insidergags reihen sich aneinander.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2017/01/23/buhne-frei-fur-mick-levcik-pollesch-spielt-mit-brecht-und-sophokles-und-einem-chor/

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