Du solltest Dir kein Bildnis machen

von Andreas Wilink

Bochum, 3. April 2016. Angaben zur Person: Anatol Ludwig Stiller, Bildhauer, Geburtsort Zürich, zuletzt wohnhaft Steingartenstraße 11, verheiratet, seit sechs Jahren verschollen, an der Schweizer Grenze aufgegriffen und in Haft genommen.

Der berühmte erste Satz fällt im Schauspielhaus Bochum erst nach ein paar Minuten: "Ich bin nicht Stiller!" Die von Reto Finger erarbeitete Fassung von Max Frischs Roman beginnt nicht mit demjenigen, der sich Mister White nennt, als wolle er ein unbeschriebenes Blatt sein, sondern mit der parabelhaften Episode vom Apotheker Isidor, der eines Tages mir nichts, dir nichts verschwindet, nach Jahren zu seiner Ehefrau zurückkehrt, in das Torten-Idyll hineinschießt, um danach seine Familie endgültig zu verlassen. Die Gemeinsamkeit ist das Ausbrechen aus den eingefahrenen Spuren eines Lebens.

Exzessive Selbstverweigerung

"Stiller" erschien 1954, im selben Jahr, als ein zweiter Bekenntnis-Roman, der "Felix Krull" von Thomas Mann beendet wurde und ein Jahr vor Patricia Highsmith' talentiertem Mr. Ripley – jeweils mit einem unsicheren Kantonisten als Titelheld, der wegen seiner (be-)trügerischen Existenz vorübergehend der Freiheit verlustig geht oder dies befürchten muss, der statt eines fest umrissenen Ichs eine fluide Identität haben will und "Geschichten anprobiert wie Kleider", wie es in Frischs "Gantenbein" heißt. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass Krull und Ripley die Selbstannahme, Stiller aber die Selbstverweigerung exzessiv betreiben. 

Regisseur Eric de Vroedt geht so weit, den einen Suizid-Versuch in Mexiko überlebenden Stiller und den passionierten Whisky-Trinker White personal zu trennen und die eine offene Persönlichkeit mit zwei Schauspielern zu besetzen (was eine unglückliche Auflösung der Problematik ist). Beide von untersetzter Statur und in hellem Anzug, schauen einander zu. Der "echte" Stiller (Damir Avdic) steigt als Doppelgänger aus der Unterwelt / dem Unterbewussten auf als das andere Ich und spielt sich selbst, White (Michael Kamp) und uns Szenen aus der Vergangenheit vor.

Nicht dingfest zu machen

Der hohe, grau verklinkerte, türreiche Saal, mehr Atelier als Zelle, auch wenn die Fenster Gitterstäbe haben (Maze de Boer), lässt der Fantasie Raum zu Ausschweifungen. Stiller / White ist nicht dingfest zu machen. Das Geviert bleibt geschlossen, bis kurz vor Schluss. Die Bühnenfassung bewegt sich entlang der als Tagebuch gehaltenen Vorlage, außer dass, welchen Umständen auch geschuldet, White hier nicht mit seinem alten Vater, sondern der Mutter konfrontiert wird.

Er flunkert, in der Welt herumgekommen und dabei zum mehrfachen Mörder geworden zu sein. Stillers in Paris lebende Ehefrau, die Ex-Tänzerin Julika (Therese Dörr), die ihre Lungenkrankheit in Davos auskuriert, so dass etwas "Zauberberg"-Musik durchklingt, reist an, um den Häftling zu identifizieren. Er führt Gespräche mit dem bieder-treuherzigen Wärter Knobel, seinem Anwalt Bohnenblust (bei Daniel Stock eine marktschreierische Nervensäge) und Staatsanwalt Rolf (Matthias Redlhammer), mit dem ihn von Mann zu Mann etwas verbindet: Sibylle, Ehefrau Rolfs und ehemals Stillers Geliebte (Bettina Engelhardt), die nach der Trennung vom einen wie anderen nach "Neuyork" ausgewandert und später zu ihrem Gatten zurückgekehrt war und gegenwärtig ihr zweites Kind erwartet.

Stiller2 560 Hans Juergen Landes uGefangen im Chaos des Ichs: Therese Dörr als Julika und Damir Avdic als Anatol Ludwig Stiller
© Hans Jürgen Landes

Choreografie der Übertreibung

Es liegt nicht nur am Namen Stiller, dass ich mir die Hauptfigur und seine Erzählung als maßvoll bedächtig vorstelle. In Bochum ist sie ein Rummelplatz, auf dem unsinniger Aktionismus und szenische Einfälle wetteifern mit dudelndem Klassik Light, Jazz und Chanson und buntem Bilderbeschuss: in die Übertreibung choreografiert, verzerrt ins Satirische oder Melodramatische, aufgegrellt durch Videoclip-Schnipsel und synkopische Klänge, die Whites "Hirngespinste" und sein Chaos im Kopf illustrieren wollen. Man sucht nach dem Knopf, um das abzustellen.

Bei der heutigten Lektüre von "Stiller", der literarische Illusions-Produktion umspielt, auch Anti-Heimatroman ist über einen, der es nicht für erstrebenswert erachtet, Schweizer Staatsbürger zu sein, und der Frischs Generalthema – die zum Scheitern verurteilte Beziehung von Mann und Frau – hin und her wendet (wobei der Mann recht jämmerlich dasteht), werden einem die repetitive Dramaturgie, die Grundierung durch die Philosophie Kierkegaards und die methodische Konstruktion leicht etwas zu viel.

Das Leben als Versäumnis

Es sind die reflektierenden, nicht die sich dehnenden Erzählpassagen, die das Wesen ausmachen. Es sind die Überlegungen zur Ich-Krise: "keine Sprache für meine Wirklichkeit“ zu haben, das Leben als "Versäumnis" wahrzunehmen, zu widerstehen gegen eine scheinbar eindeutige, befremdende Wahrheit. Da gelingt Reto Fingers Adaption eine Verschlankung. Die Inszenierung aber treibt "Stiller" den Geist aus und raubt ihm auch noch das letzte Wort, das sagt, er werde nun mit sich allein leben. Es ist ein einziges Missverständnis.

 

Stiller
von Max Frisch in einer Bearbeitung von Reto Finger
Regie: Eric de Vroedt, Bühne: Maze de Boer, Kostüme: Lotte Goos, Musik: Florentijn Boddendijk/Remco de Jong, Video: Lena Newton, Dramaturgie: Alexander Leiffheidt.
Mit: Damir Avdic, Therese Dörr, Bettina Engelhardt, Michael Kamp, Florian Lange, Katharina Linder, Matthias Redlhammer, Daniel Stock.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten eine Pause.

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"Lichtwechsel oder Videoeinspielungen hinter großen Fenstern reichen, um Raum für die Menschen in Stillers Kopf zu schaffen. Eric de Vroedt verzichtet auf den Erzähler und macht damit aus der Prosa ein packendes Theaterdrama", schreibt Ronny von Wangenheim in den Ruhrnachrichten (4.4.2016). "Du sollst Dir kein Bildnis machen - dieses Gebot auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen bezogen, dieses zentrale Thema bei Max Frisch zieht sich durch den Abend. (...) Dass Liebe die Macht der Bildnisse, die wir von uns und anderen machen, aufheben kann, ist eine Spur, auf die de Vroedt die Zuschauer lenkt." Es lohne, den Roman von Max Frisch, der am Montag (4.4.) vor 25 Jahren starb, (wieder) zu entdecken, so von Wangenheim. "Und darauf macht der Theaterabend auf jeden Fall große Lust."

"Ein Teilerfolg" ist der Abend für Sven Westernströer, der in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (4.4.2016) schreibt: Wie sehr Eric de Vroedt mit dem "450-Seiten-Wälzer des Schweizer Oberstufenschrecks" gekämpft haben müsse, sei der knapp dreistündigen Aufführung anzusehen. Durch den Verzicht auf den Ich-Erzähler gehe "eine Menge Ironie, die dem Roman inne wohnt", verloren. "Grell aufflackernde Video-Clips sollen das Chaos im Kopf des Protagonisten unterstreichen, dazu kommen Jazz- und Walzerklänge. Das ist dick aufgetragen und ein bisschen kitschig, aber edel gemacht", so Westernströer. Die Idee, die Geschichte mithilfe gleich zweier Stillers zu erzählen, erweise sich indes als kluger Schachzug. Und "die Entdeckung des Abends" sei Therese Dörr: "Ihre Julika ist anmutig und nervtötend zugleich, ein fahles, hysterisches Wesen, das der junge Stiller nie zu fassen kriegt."

"Die fast dreistündige Aufführung fährt ein hohes Tempo und bordet schier über vor szenischen Einfällen und Effekten", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.4.2016). Max Frischs "Stiller" als "ins Säkulare gewendeter Reflexion über das Gebot 'Du sollst dir kein Bildnis machen!' und das Dilemma, ein Leben erzählerisch zu erfassen" werde sie nicht gerecht, so "virtuos und genau verzahnt" sie sei: "Allzu auftrumpfend und lautstark in ihren Mitteln, läuft sie dem Roman davon."

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