Überall ist Belgrad

von Wolfgang Behrens

Dessau, 2. April 2016. Im Großen Haus des Anhaltischen Theaters zeigen sie an diesem Abend Charlie Chaplins Film "Goldrausch" mit Live-Orchester-Begleitung. Das ist naturgemäß ein großes Ereignis für Dessaus Kulturgesellschaft, und dem Vernehmen nach gibt es am Ende stehende Ovationen für die Anhaltische Philharmonie. Ein paar Versprengte haben sich trotzdem zur Premiere in der Nebenspielstätte im Alten Theater eingefunden, zwar bei weitem nicht genug, um die 100 Plätze der dortigen Bühne zu füllen, aber immerhin.

Man könnte ja den Kopf schütteln über eine solche Disposition – parallel zur Schauspielpremiere ein ganz fettes Ding ansetzen, was soll das? –, aber das Publikum das ins Alte Theater kommt, ist ohnehin ein anderes als das, welches ins Große Haus geht. Es wären heute Abend wohl auch nicht mehr gekommen, wenn sie drüben eine Repertoirevorstellung vom "Troubadour" gegeben hätten.

Unter André Bücker, dem im vergangenen Sommer im Streit mit der Kulturpolitik geschiedenen Intendanten, hat sich das Alte Theater ein kleines, aber alternatives und junges Publikum erspielt. Bückers Regieassistent David Ortmann und die Dramaturgin Sabeth Braun haben hier zwei Spielzeiten lang eine Art Off-Theater im Stadttheater betrieben – Selbstausbeutung inbegriffen. Während Bücker auch mit dem Schauspiel auf die große Bühne strebte, haben sie hier die kleinen, schnellen, frechen und experimentellen Formate gepflegt. Unter dem neuen Intendanten Johannes Weigand sieht das schon etwas anders aus. Das (nicht durch Weigands Schuld) von 16 auf 9 Schauspieler*innen geschrumpfte Ensemble spielt nun auch einen Kleist'schen "Amphitryon" im Alten Theater, während es am Großen Haus vor allem für Dauerbrenner wie "Comedian Harmonists" oder "Manche mögen's heiß" gebraucht wird. Nach den durchaus entdeckungsfreudigen Bücker-Jahren liest sich der Spielplan der ersten Weigand-Saison ein wenig wie Appeasement-Politik – wobei gar nicht so ganz klar ist, wer eigentlich appeased werden soll, das Publikum oder die Politik.

Nachrichten aus einer kriegsversehrten Gesellschaft

David Ortmann jedenfalls ist auch noch da, allerdings nur noch als Gast. Und "Familiengeschichten. Belgrad" wird vorerst seine letzte Inszenierung in Dessau sein. Er beschwört darin gewissermaßen noch einmal den Geist der Off-Bühne, die er dem Stadttheater zwei Jahre lang abgetrotzt hat – im sonstigen Programm des Anhaltischen Theaters freilich nimmt sich das mittlerweile fast 20 Jahre alte Stück der einst sehr gehypten serbischen Autorin Biljana Srbljanović nachgerade wie ein Fremdkörper aus: "hard stuff" sozusagen. Keine Sing-along-Komödie, sondern Nachrichten aus einer kriegsversehrten Gesellschaft. Das Dessauer Programmheft indes weist ganz richtig darauf hin, dass der Krieg und seine Auswirkungen genau wie damals – als Jugoslawien plötzlich überaus gewaltsam auseinanderfiel – auch heute plötzlich wieder bis zu uns schwappen.

FamiliengeschichtenBelgrad1 560 Claudia Heysel uErwachsene, die Kinder spielen, die Erwachsene spielen: Anna Gesewsky (als Nadežda), Illi Oehlmann (Milena), Dirk S. Greis (Vojin), Patrick Wudtke (Andrija) © Claudia Heysel

Srbljanovićs Text ist ja – Belgrad hin oder her – auch nicht wirklich zeit- oder ortsgebunden. Die (zu einem gewissen Ruhm gekommene) Vorbemerkung des Stückes lautet: "Alle Helden dieses Stücks sind Kinder. Dennoch altern sie nach Bedarf oder werden jünger und ändern gelegentlich auch ihr Geschlecht. Das sollte niemanden wundern. Die Schauspieler sind hingegen keine Kinder. Sie sind Erwachsene, die im Stück Kinder darstellen, die wiederum Erwachsene spielen. Auch das sollte niemanden wundem. Es gibt genügend andere Dinge, über die man sich wundern kann."

Das alte böse Lied

Diese erwachsenen Kinder oder kindlichen Erwachsenen spielen nun Vater-Mutter-Kind-und-Hund-Szenen, und im Spiel bilden sie brutal patriarchalische, gewalttätige oder einfach nur erkaltete und hoffnungslose Muster einer kaputten Gesellschaft ab. Und am Ende jeder Szene töten die Kinder die Eltern. Es ist das alte Lied, das man überall singen kann: Gewalt gebiert Gewalt, das Kaputte macht kaputt. Nur zwischen Kind und Hund entsteht so etwas wie eine zart angedeutete Liebesgeschichte.

David Ortmann und sein Ensemble gehen das sehr direkt an: Die Bühne von Sabine Schmidt stellt einen Unort vor, ein Hochhausdach mit dem graffitibedeckten Ausgang eines Treppenhausschachts und zusammengewürfeltem Zivilisationsmüll. Wenn die vier Schauspieler*innen in die Kinderrollen schlüpfen, dann tun sie das in einem übertrieben realistischen Stil, der an bestimmte Spielarten des Jugendtheaters erinnert: man kratzt sich ostentativ in der Arschfalte oder tollt ein bisschen mit Dotzball und Jo-Jo herum.

FamiliengeschichtenBelgrad2 560 Claudia Heysel uIm Spielzimmer der Aggression: Anna Gesewsky, Illi Oehlmann, Dirk S. Greis © Claudia Heysel

Mienenspiel der totalen Verstörung

Wenn diese Kinder dann aber die Erwachsenen mimen, werfen sie plötzlich alles Kindliche ab und zeigen die Aggressionen und Verlorenheiten dieser von den Kindern imaginierten (oder erinnerten?) Figuren gnadenlos. Dirk S. Greis gelingt das in der Vaterrolle mit einer geradezu explosiven Wandlungsfähigkeit, hinter der bei aller grotesk-parodistischen Note auch immer etwas Gefährliches lauert. Illi Oehlmann als Mutter agiert etwas stiller, mit einer mitunter durchaus komisch instrumentierten Resignation, während Patrick Wudtke das mal quirlige, mal trotzige, mal linkische Kind gibt. Anna Gesewsky schließlich stattet das fremde Kind, das von irgendwoher auf dieses Hochhausdach schneit, stumm bleibt und von den anderen in die Rolle des Hundes gedrängt wird, mit einem eindrücklichen Körper- und Mienenspiel der totalen Verstörung aus.

Nein, hier am Alten Theater wird auch heute Abend das Theater nicht neu erfunden. Es wird einfach ein schwieriger Stoff solide, frisch und geradeaus erzählt. Und doch oder gerade deswegen wünschte man David Ortmann und seinem Team, dass vielleicht ein paar Besucher des Großen Hauses auch einmal den Weg hierher finden: Es muss ja nicht immer "Goldrausch" sein.

 

Familiengeschichten. Belgrad
von Biljana Srbljanović
Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
Regie: David Ortmann, Bühne und Kostüme: Sabine Schmidt, Dramaturgie: Miriam Locker.
Mit: Illi Oehlmann, Dirk S. Greis, Patrick Wudtke, Anna Gesewsky.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.anhaltisches-theater.de

 

Kritikenrundschau

David Ortmanns Inszenierung komme "im scheinbar normalen Kinderspiel daher – nach der ganz und gar nicht normalen Vorlage eines Lebens mitten im Bürgerkrieg", schreibt Joachim Lange in der Mitteldeutschen Zeitung (4.4.2016). Sie sei "von einer ganz eigenen Atmosphäre getragen" und erzähle "ohne weinerliche Besserwisserei von den Schattenseiten des Lebens".

 
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