Zweifel in Flaschen

von Claudia Wahjudi

Berlin, 3. April 2016. Töten und getötet werden, verschwinden oder zurückbleiben: Rabih Mroués Stücke und Performances verhandeln Überlieferungen von Kriegen und Konflikten im Nahen Osten. Der Künstler glaubt keiner, noch nicht einmal seiner eigenen, wie seine Retrospektive durchaus mit feinem Humor plausibel macht.

Der Trick ist simpel, aber er funktioniert sogar, nachdem Rabih Mroué  davon erzählt, wie wenig Abbildungen mit der Wirklichkeit zu tun haben müssen. Unbeirrt blicken die Zuschauer in Mroués Antlitz, projiziert über den Stuhl am Bühnentisch, als säße er tatsächlich dort vorn und nicht zwischen den Besuchern. Von da hinten überträgt er seine Performance mittels einer Kamera auf die Bühne: "Looking for a Missing Employee", eine in alten Zeitungsartikeln dokumentierte Geschichte über das Verschwinden eines Angestellten des libanesischen Finanzministeriums. Gebannt blicken die Zuschauer noch auf Mroués Abbild, als es sich zurücklehnt und schweigt. Da hat der reale Mroué längst den Saal verlassen.

mroue looking for a missing1 560 HAU uEin Mitarbeiter des Finanzministeriums ist verschwunden: Rabih Mroués Recherchestück "Looking for a missing employee" (2003) © HAU
Trugbilder und Verschwinden: Das sind die Klammern der Werkschau von Rabih Mroué und Lina Majdalanie am Berliner Hebbel am Ufer. "Outside the Image Inside Us", wie die fünftägige Reihe heißt, versammelt acht Stücke aus 13 Jahren. Darunter finden sich das umstrittene "Ode to Joy", 2015 für die Münchner Kammerspiele entstanden (hier die Nachtkritik), genauso wie "Biokhraphia" von 2002, ein Solostück für Majdalanie auf Französisch.

Der kompakte Rückblick bildet das Zentrum von Mroués Auftritten in Deutschland, zu denen der Schauspieler, Regisseur, Autor und Künstler derzeit unterwegs ist. Am 23. April 2016 wird er erstmals als Choreograf auftreten, wenn "Water between Three Hands" der Kompanie Dance On in Hamburg Premiere hat. Ebenfalls in Hamburg war bis soeben in der Galerie Sfeir-Semler seine Ausstellung mit Collagen und Fotoinstallationen zu sehen. Und in Stuttgart läuft am 9. April 2016 "Riding on a Cloud" (2013), das Stück, in dem sein Bruder Yasser Mroué von den Folgen eines Schusses in seinen Kopf berichtet (hier die Nachtkritik der Uraufführung).

mroue looking for a missing3 560 Houssam Mchaiemch u"Ich habe diese Kalaschnikow mit fünf Magazinen und 50 Kugeln": Rabih Mroués "Looking for a missing employee" (2003) © Houssam Mchaiemch

Geteilte Bühne, doppeltes Risiko

Die Kriege im Libanon und in dessen Nachbarländern sind das Kernthema des 1967 geborenen Mroué, der zwischen Beirut und Berlin pendelt. Die Werkschau verdichtet seine Stücke zu einer Reflexion über das Töten und Getötetwerden – in wechselnden Perspektiven. Mal stellt sich das Geschehen aus Sicht der Opfer dar, mal wie in "Biokhraphia" aus der einer Künstlerin, mal folgt ein Stück den Gedanken der Täter. "Ode to Joy", geschrieben mit der palästinensischen Autorin Manal Khader aus Beirut, verhandelt die Geiselnahme israelischer Sportler während der Olympischen Spiele 1972 auch aus Sicht der palästinensischen Terroristen.

Mit "Looking for a Missing Employee" und "Ode to Joy" hat die Werkschau eröffnet. So sind die Pole abgesteckt: hier eine Solo-Performance von 2003, da eine neue, aufwändig recherchierte Aufführung mit drei Akteuren. Hier lebt eine Performance von präzise gesetzten Worten und Gesten eines Einzelnen, dort teilt sich Mroué die Bühne mit anderen und damit auch die Hoheit über Thema und Takt. Das geht oft gut, etwa wenn sein Bruder Yasser sehr langsam spricht. So bleibt Zeit, dem Denken und Erleben eines Menschen zu folgen, der unter Gedächtnisverlust, Lähmung und Sprachstörungen leidet. Doch mal geht es auch nicht gut: bei "Probable Title: Zero Probability" (2012), der Lecture-Performance mit der Berliner Künstlerin Hito Steyerl.

mroue ridingonacloud1 560 HAU uRabih Mroués Stück über den Gedächtnisverlust des Bruders nach einem Kopfschuss: "Riding on a cloud" (2013) © HAU

Verschwunden im kurdischer Untergrund

Auch "Zero Probability“ handelt vom Verschwinden: von Menschen in Kriegsregionen, Denkmälern unter Bomben, eines vermuteten Massengrabs unter dem Fundament des Beiruter Clubs BO18. In einem englischen Dialog entspinnen Steyerl und Mroué Analogien zwischen der Club-Architektur, Berechnungen zur Wahrscheinlichkeit, einen Kontrollpunkt unbehelligt zu passieren, und dem Verschwinden von Andrea Wolf, Steyerls Münchner Freundin, die sich kurdischen Untergrundeinheiten anschloss und 1998 unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen gefoltert und ermordet wurde.

An sie hat Steyerl 2004 mit ihrem Filmessay "November" erinnert, der Wolfs Laienspiel für einen von Steyerls Filmen lose mit Gedanken zu asiatischer und privater westlicher Videokultur verwebt. In Steyerls Arbeiten entwickeln solche Verknüpfungen dank Bilderflusses und Sounds eine Logik, der sich leicht folgen lässt. Im Theater klappt das weniger gut, trotz zweier Projektionsflächen mit Filmszenen und Grafiken zu den Themen. Zu sehr unterscheidet sich Steyerls belehrend klingender Vortrag von Mroués lebhafter Rede. Lassen Worte in "Looking for a Missing Employee" aus Archivmaterial ein Einzelschicksal im Gespinst libanesischer Politik anschaulich werden, verlieren sich hier Leben und Politik zwischen flauen Worten.

Miese Schauspielerhonorare

Ganz anders das sprachgewaltige "Biokhraphia". Hier gibt Majdalanie eine Lina Majdalanie, die sich mit Hilfe eines Kassettenrekorders selbst interviewt. Ihre Laufbahn böte reichlich Stoff dafür: Die Regisseurin, Schauspielerin und Autorin aus Beirut promovierte in Paris, lehrte in Genf, forschte in Berlin und übernimmt demnächst eine Gastprofessur für Dramaturgie in Frankfurt am Main.

Doch was als Geplauder über ihr Arbeitsleben beginnt, entgleist rasch in ein Wortgefecht. Es geht um Theater, das angebliche Scheitern von Majdalanies Generation, um das Verhältnis zu Mroué, ihrem Mann und Regisseur, um Sex, die Diaspora und die Haltung zum Herkunftsland, um miese Honorare und ein geiziges Publikum. Es muss ein unbarmherziges Alter Ego sein, das da aus ihrer Biografie eine "Biokhraphia" macht, eine "shitty biography", wie Majdalanie für die Zuschauer das griechisch-arabische Fantasiewort übersetzt.

mroue Biokraphia1 560 HAU uSprachgewaltig: Rabih Mroués Befragung (s)einer Frau "Biokhraphia" © HAU
Am Ende tritt die Schauspielerin aus der Kulisse: Majdalanie kommt hervor hinter einem mit Nebel und Wasser gefüllten Glaskasten, auf dem eine Projektion ihres Gesichts zu sehen ist. Das Wasser lässt sie in Fläschchen ab, in denen damit auch die Projektion zu verschwinden scheint. Die Flaschen aber bietet sie am Ausgang zum Verkauf an: für 75 Euro pro Exemplar. Wer den Saal verlassen will, muss an der Künstlerin vorbei. Immerhin: Ein Zuschauer ist bereit, ein Wässerchen zu kaufen.

Erst das Theater, dann die Kunst

In Ausstellungen kann Mroués Kunst erschrecken. Auf der Kasseler Documenta 2013 zeigte er eine Installation mit Fundvideos aus dem Internet: Filmschnipsel aus Mobiltelefonen, die ihre Besitzer genau in dem Moment aufnahmen, als sie von Heckenschützen getroffen wurden. So spricht die Technik an Stelle eines Augenzeugen zu den Lebenden; so sterben die Erschossenen immer neu.

Davon berichten auch Stücke von Mroué. Sie gehen seinen Installationen, Collagen und Videos voraus, und anders als diese geizen sie mit Bildern. Sie setzen ganz auf die Vorstellungskraft der Zuschauenden und –hörenden. Sie  lassen ihnen Zeit, Abstand zu den geschilderten Ereignissen und Mroués Dekonstruktion der Überlieferungen zu gewinnen. Und spätestens, wenn die Akteure aus dem Bühnenbild treten und alles als Theater entlarven, hat Mroué sein Publikum so weit, dass es seiner Darstellung ebenfalls misstraut. Denn auch sie ist ja nur eine von vielen möglichen Deutungen, wenngleich eine, die den ungezählten Bildern von Kriegen nicht mit noch mehr Bildern beikommen will, sondern sie in einem Strom fragmentierter Erzählungen gleichsam untergehen lässt.

Ein flirrendes Vexierspiel

Zwei solcher Ströme fließen in "Who's Afraid of Representation“ zusammen: Zitate aus der westlichen Body Art seit den 60er- und 70er-Jahren und die Aussagen eines Mörders, der seinen Amoklauf mit den psychischen Folgen der Nahost-Kriege zu rechtfertigen versuchte. Im Wechsel mit Mroué, der den Angeklagten auf Arabisch wiedergibt, zitiert Majdalanie auf Französisch Künstler wie Marina Abramović und Stelarc und verknüpft die historischen Aussagen mit ungefähr zeitgleichen Ereignissen im Libanon. Eingebettet ist dieses Duett in die englischsprachige Probe eines Regisseurs und einer Schauspielerin, die Abramovic und Stelarc zitiert – ein flirrendes Vexierspiel mit echten und imaginierten Bildern, Zeit- und Handlungsebenen.

Mitten auf der Bühne steht eine Leinwand, auf der sich allmählich Standbilder von Majdalanie in Aktion ansammeln. Am Ende ziehen Schauspielerin und Regisseur die Leinwand hoch. Alles nur Theater? Eben nicht. Auch Künstlern ist ja, wie Mroué und Majdalanie in ihrer Werkschau zeigen wollen, nicht zu trauen. Und das kann man ihnen ruhig glauben.

 

Outside the Image Inside Us
eine Werkschau von Rabih Mroué & Lina Majdalanie
www.hebbel-am-ufer.de

 

Mehr zu den Arbeiten von Rabih Mroué: Der Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll über posttraumatisches Theater und Rabih Mroués Theater der Anderen

 

 
Kommentar schreiben