Zwischen Trash, Komik und Gewalt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 7. April 2008. "Man darf sich nicht beklagen. Man darf sich nicht beklagen. Es geht uns gut." Wie ein Mantra sprechen die Figuren diese Worte immer und immer wieder. Als ob die Wiederholung sie zu einer wirksamen Zauberformel machen könnte. Als ob sich dadurch das behauptete "Es geht uns gut" in ein glaubwürdiges "Wir sind glücklich" verwandeln könnte. Doch das wird nicht funktionieren.

Denn die Figuren in Thomas Freyers "Amoklauf mein Kinderspiel" sind alles andere als glücklich und zufrieden. Sie sind verloren,  verlassen und unverstanden, sind perspektiv- oder orientierungslos, sind ohne Heimat oder Zukunft. Drei Jugendliche sind es, die in dem Stück aus ihrem Leben erzählen und aus ihrem Schulalltag, die ihren Hass zeigen, ihre Wut und ihre Verletzlichkeit. Vom Schweigen der Lehrer zur eigenen Stasi-Vergangenheit berichten sie genauso wie vom Urlaub an der spanischen Mittelmeerküste und vom Familienleben zwischen Würstchengulasch, Arbeitslosigkeit und Otto-Katalog. Das Leben der drei findet irgendwo im Osten statt, vielleicht in Erfurt. Vielleicht anderswo.

Statt Blut tropft Apfelsaft 

Am Hamburger Thalia Theater spielen Lisa Arnold, Ole Lagerpusch und Gabor Biedermann diese drei Jugendlichen der Nachwendegeneration. Regisseurin Felicitas Brucker setzt sie auf der kleinen Bühne in der Gaußstraße als höchst unberechenbare Figuren in Szene. Zu akkurat ist ihr Äußeres, zu gescheitelt und gegelt sind ihre Haare (Kostüme: Irene Ip). Stets geht von ihnen eine Kampfeslust und Härte aus, die auch in den brüchigen Momenten nicht verschwindet. Da wird ein "Wir treffen uns an der Tischtennisplatte" von Lisa Arnold zur unheimlichen Drohung und ein "weinst Du?" von Ole Lagerpusch zur hasserfüllten Anklage.

Das Spiel der drei bemerkenswerten Schauspieler ist immer auch ein bisschen brutal, ihr Zusammensein immer auch ein bisschen gefährlich. Echte Freunde sind sie nicht, diese drei, eher Verbündete im Kampf gegen die Außenwelt. Ein Kampf, der in einem gespielten Amoklauf enden wird. Statt Blut wird bei Brucker dann Apfelsaft tropfen, statt Schüssen wird das Wort "Headshot" fallen.

Vergessene Nachwendegeneration

Im Jahre 2006 erhielt Thomas Freyer für das  Stück den Förderpreis des Theatertreffens, auch in der Hörspielversion wurde der Text mehrfach ausgezeichnet. Der Autor, Jahrgang 1981, bezieht sich darin zwar auf den blutigen Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Doch sein Stück ist auch eines über falsche Fürsorge und elterliche Ohnmacht, über unkontrollierte Wut, zerstörerischen Selbsthass und über die innere Not einer vergessenen Generation. Und es ist ein Stück voller Rhythmus und  Poesie.

Felicitas Brucker positioniert die Figuren in einer abgerockten Sportumkleidekabine – den schäbig-grünen Linoleumboden meint man riechen zu können und (Bühne: Valerie Hess). Eine Reihe grauer Spinde bildet die Rückwand, seitlich befinden sich ein Waschbecken und ein schlichte Holzbank. Gelb-schwarzes Absperrband grenzt den Raum zum Publikum ab, so als wäre das Verbrechen schon geschehen, als hätte die Polizei den Tatort bereits gesichert.

Aus den Schränken fallen nach und nach die Requisiten: Aktenordner, Kleider, Gummistiefel, Pullover, eine Gitarre, Rollschuhe und ein paar Gummistiefel. Die Figuren schlüpfen in die bereitliegenden Kleider und mit ihnen in andere Rollen. Sie sind mal Mathelehrer und mal Schuldirektorin, mal arbeitsloser Vater und mal die verständnislose Mutter, die Tabletten gegen Herzrasen braucht.

Perfekte Balance

Die Schauspieler springen mit einer unglaublichen Leichtigkeit  in die verschiedenen Rollen – und auch mal von einem Spind herunter – behaupten von jetzt auf gleich Vater, Mutter, Kind zu sein, unabhängig von Alter oder Geschlecht. Dabei sie sprechen den Text mal chorisch, mal gegeneinander, mal stockend distanziert und mal wütend laut. 

Brucker gelingt in ihrer berührenden Inszenierung des (Jugend)theaterstücks die perfekte Balance zwischen ruhigen, aber niemals pathetischen Momenten und inhaltsschweren, aber zugleich spielerisch-leichten Familienaufstellungen. Sie findet fantasievolle Bilder zwischen Trash, Komik und Gewalt und lässt dabei ausreichend Freiraum für den Text und die Abgründe der eigenen Vorstellungskraft. Womöglich hat Felicitas Brucker schon viele Petras-Inszenierungen gesehen. Womöglich ist Armin Petras aber in diesem Fall eine ungültige, weil voreilige Ost-Theater-Ästhetik-Assoziation.

 

Amoklauf mein Kinderspiel
von Thomas Freyer
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Valerie Hess, Kostüme: Irene Ip.
Mit: Lisa Arnold, Ole Lagerpusch, Gabor Biedermann.

www.thalia-theater.de

 

 

Kritikenrundschau

In der taz (9.4.2008) schreibt Simone Kaempf: Ohne Amokläufer und ohne Videospiele auf die Bühne zu bringen, erzähle Felicitas Brucker von einem Amoklauf. "Die drei Schauspieler Lisa Arnold, Gabor Biedermann und Ole Lagerpusch wechseln die Rollen, (...) steigen auf die Umkleidespinde, werfen mit Äpfeln und nehmen sich in den Schwitzkasten. So zu tun, als sei es von hier nur ein kleiner Schritt zum Amokschützen, vermeidet Brucker." Die 33 Jahre alte Regisseurin "beherrscht das Spiel mit Brüchen und doppelten Böden. Sie setzt nicht auf falsche Effekte." Man merke an dieser Inszenierung, "wie genau und hartnäckig sie an Texten arbeitet." Aber in ein komplexes Denk- und Gefühlssystem einzudringen, schaffe sie nicht. Doch sei die "Motivlage der Amokschützen nun mal das, worüber man an so einem Abend Genaueres erfahren will. Hinweise böte Freyers Stoff genügend".

Im Hamburger Abendblatt (9.4.2008) schreibt –itz: Freyer zeige, wie aus Spiel blutiger Ernst wird, Felicitas Brucker inszeniere "mit sich steigernder Bedrohlichkeit". Beim "gehässigen Nachäffen und comicartigen Herumalbern" gelinge es dem Darstellertrio, "Frust und Verzweiflung der Jugendlichen und ihre anwachsende Aggression spüren zu lassen." Freyer entgehe der "Schwarz-Weiß-Malerei des Täter-Profils und der dokumentarischen Sozialstudie", auch lasse er nie vergessen: "Bei der geschilderten Wirklichkeit handelt es sich um Theaterrealität." Felicitas Brucker erreiche "mit den Schauspielern, über die Sprache und scharfes Skizzieren der Situationen die Beklemmung gewalttätiger Hochspannung zu erzeugen, die sich in der Katastrophe entlädt".

In der Welt (9.4.2008) schreibt mju: Die Schauspieler spielten mit "Schwung, komödiantischem Übermut und Hingabe." "Rasant wechseln sie vor einer grauen, mit Erinnerungen voll gestopften Schrankwand Rollen und Klamotten. Aber: kein bisschen überraschend finden sie nichts, wofür es sich zu leben lohnen würde. Und weil daran, logisch, nur die Erwachsenen schuld sein können, werden möglichst viele von denen kurzerhand umgelegt. Vorzugsweise per 'Headshot'. Soweit, so schlicht." Freyers Protagonisten blieben in "ihrem Anspruchslamento infantil". Für diese "dramatische Gut-Böse Belanglosigkeit" sei der Autor "mit Preisen und Stipendien förmlich überschüttet" worden: Der Jungdramatiker als "gut bezahlte Domina zur Entsorgung des schlechten Gewissens der gesellschaftlichen Eliten".

"Theater, das weder moralisch mit dem Finger wedelt noch besserwisserisch die möglichen Ursachen des Verbrechens auffädelt" hat hingegen Dirk Pilz für die Berliner Zeitung (11.1.2010) bei der Übernahme der Inszenierung an Ulrich Khuons DT gesehen. Statt "einfache Kausalzusammenhänge" zu zeigen, erforsche man hier "die Seelengestimmtheit, die Alltagsatmosphäre, das Denk- und Gefühlsareal, aus dem heraus Amokläufe entstehen können", entstehe das "grobkörnige Gesamtbild einer geistigen und seelischen Verwirrung, die in keine Schublade passt". Eine "höchst beunruhigende, ja aufwühlende Inszenierung" also. Für sein "paradoxes, weil präzis unscharfes Gesellschaftsporträt" habe der Dramatiker Freyer "eine poetische Sprache zwischen Comic und Trauerspiel" gefunden. Bruckers Inszenierung nehme den Text "eher von der spielerischeren und damit von der gefährlicheren Seite". Olivia Gräser, Gabor Biedermann und besonders Ole Lagerpusch schenkten ihren Figuren dabei "einen unberechenbaren, quirligen, aggressiven Untergrund" und entwickelten "eine atemlose Intensität". Zwar leuchte nicht alles "an diesem musikalisch strukturierten Abend" ein, "immer aber macht er sich frei von schaler Pädagogik, immer auch hält er sich die bloße Lust am Schrecken vom Leib. Zu erleben ist hier ein dichtes Drama vom Töten, eindringlich und unabweisbar."

Auch anderthalb Jahre nach der Hamburger Premiere zeigt Bruckers Inszenierung, in der sich "drei namenlose Schüler ihren Autoritätenüberdruss aus dem Leib" schwitzten, für Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (10.1.2010) "ungebrochene Wirkung". Sie gehe "klug mit dem Text um, indem die Regisseurin ihm noch den letzten Rest an Schockwillen austreibt, die aufgestellten Psychologisierungs-Fallen umtanzt, und ganz auf eine absurde, surreale Atmosphäre setzt". Dabei erzähle sie "nicht von ostdeutscher Orientierungslosigkeit", sondern verpasse ihren Pennälern den "Look der Hamburger Schule" und ein Motto frei nach Tocotronic: "Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben". Statt auf "Ego-Shooter-Ästhetik" setze sie auf "schiefe Kinderzeichnungen vom Overhead-Projektor". Vor allem aber sei der Abend "grandios gespielt". Lagerpusch, Gräser und Biedermann verausgabten sich "auf mal komische, mal beklemmende Weise in diesem Gruppendruck-Reigen, der zweierlei spürbar macht: dass Gewalt ziemlich schnell dort entsteht, wo Menschen sich langweilen. Und dass es dennoch für keinen Amoklauf je eine befriedigende Erklärung geben wird." Dennoch bleibt für Wildermann ein "schaler Geschmack" zurück, nehme Freyers Stück auf seine Art doch auch teil "am großen, zynischen Spiel mit dem Schrecken".



 
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