Kein Zuschauer darf sterben

von Michael Wolf

Berlin, 6. April 2016. Was ist Locus Solus? "Locus Solus ist die Behauptung des Begriffs der gesamten Menschheit in der Gestalt seines Scheins. Locus Solus is nothing else than the total practice of social organisation. Locus Solus ist deswegen ein zutiefst tautologische Begriff, weil er nur so Mittel zu seinem eigenen Zweck sein kann", erklärt eine Stimme aus dem Off. Undsoweiter. Minutenlang.

"Ich fühle mich nicht gut."

Vor allem ist Locus Solus eins: zu viel. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Die Werkstatt der Berliner Volksbühne wird dreifach an die Wand des Bühnenraums projiziert. An einem Tisch erklärt der schnauzbärtige Erfinder Dr. Martial Canterel seine neueste Maschine: "This should be done very soon and it's something that we have never seen before." Dann kommt er ins Stocken und stammelt immer wieder: "Das hier ist die Oberfläche der Fragezeichen." Möglicherweise meint er damit die Projektion selbst. Live-Video-Bilder der sieben Schauspieler und Tänzer wechseln sich ab mit vorproduzierten Clips, wie der, in dem ein anderer Canterel aus dem Himmel hinunterschaut und einem Patienten (Canterel ist auch Künstler und Arzt) im Bademantel fragt: "Why are you mad?" – "Weil ich mit ansehen musste, wie eine Horde Mörder mein Kind tot getrampelt hat." "And how do you feel about it?" Der Patient im Bademantel überlegt. "Ich fühle mich nicht gut."

Das ist Locus Solus. Was ist Locus Solus? Erst mal ein Roman. Ein Roman ohne stringente Handlung. Im Grunde kein richtiger Roman. Aber er hat einen Inhalt. Obwohl, na ja: Eine Besuchergruppe lässt sich vom Forscher Martial Canterel seine Erfindungen vorführen: Darunter befinden sich u.a. Wassertanks, in denen Tiere und Menschen atmen können sowie eine ursprünglich zum Zweck der Wettervorhersage umfunktionierte Maschine zum maschinellen Ziehen von Backenzähnen, die inzwischen aber vor allem zum Pflastern von Straßen verwendet wird. Nachdem die Gruppe sieben solcher Stationen auf dem Landsitz Canterels besichtigt haben, gehen sie ins Haus um gemütlich zu essen.

Handramme mit Kriegsknecht aus Zähnen

Sie ahnen es vielleicht: Der 1933 gestorbene Raymond Roussel hat nie einen Bestseller geschrieben. Dafür übte insbesondere seine sprachspielerische Methode, einen Satz umzudrehen und darauf aufbauend eine Handlung (o.Ä.) zu entwickeln für Furore unter den Surrealisten. So verwandelt er eine "Demoiselle à prétendant (junges Mächen mit Verehrern)" in eine "Demoiselle à réitre en dents (Handramme mit Kriegsknecht aus Zähnen)". Besonders Duchamp war begeistert, weil Roussel etwas geschaffen habe, was dem Künstler vollkommen unbekannt gewesen sei.

locus solus1 560 Thomas Aurin hSurreales Happening? Locus Solus! © Thomas Aurin

So funktioniert Roussels "Locus Solus", und in diese Richtung tendiert auch "Locus Solus" des polnischen Regisseurs Krzysztof Garbaczewski – in gar keine. Nicht nur die Drehbühne, auf der das Publikum in zwei Hälften und von einer Wand getrennt sitzt, dreht sich im Kreis. Auch der Abend will auf nichts hinaus. Hier will nichts zusammen passen – und das ist Programm. Es gibt nicht nichts zu verstehen, sondern jede Menge nicht zu verstehen. Das ist Locus Solus: ein Abenteuerspielplatz der Selbstbezüglichkeit, ein Perpetuum Mobile der Videokörper und Menschmaschinen. Ja, gut, aber um irgendwas muss es doch gehen, oder? Wenn überhaupt, dann am ehesten darum nicht anzukommen, nicht final zu werden, letztlich darum, nicht zu sterben.

Reines Zeichenspiel

Um in die Unsterblichkeit einzugehen, muss erstmal der Körper weg. Wenn das nicht einfach durch seine Überführung in Lichtstrahlen alias Beamerprojektionen gelingen will ("Ich will Unsterblichkeit für dich. Ich möchte dich scannen"), dann vielleicht mit tradierteren Methoden? Ein Schamane flößt einem Tänzer rotes Gift ein, bis dieser Blut spuckt. Dann zerschlägt er ein Ei auf seiner Brust.

Ist Locus Solus albern? Ein bisschen. Charmant? Ab und zu: Zwei Performer tragen einen riesigen Finger in den Zuschauerrraum – "We have to point you!" und stupsen ausgewählte Zuschauer damit an die Stirn. Ein Fingerzeig im doppelen Sinne, ein Referent, das den Körper in ein Zeichen verwandelt? Dann wäre Locus Solus ein reines Zeichenspiel, das Sinn verweigert, um den Leser nie an ein Ende gelangen zu lassen, dann wäre Locus Solus vielleicht die Verhandlung der Möglichkeit der Unmöglichkeit der Unsterblichkeit, im Sinne der Beweisführung einer fehlenden Letztbegründung. Dann dürfte während einer Vorstellung von "Locus Solus" niemals ein Zuschauer sterben, weil kein Ende vorgesehen ist. Dann wäre die größte Zumutung dieser an Zumutungen nicht armen Inszenierung, dass die Aufführung endet, die Drehbühne stoppt und das Publikum tatsächlich älter geworden wäre.

 

Locus Solus
nach dem Roman von Raymond Roussel
Regie: Krzysztof Garbaczewski, Bühne: Aleksandra Wasilkowska, Kostüme: Svenja Gassen, Musik: Rudolf Moser, Video: Robert Mleczko, Kamera: Kathrin Krottenthaler, Licht: Frank Novak, Ton: Hans-Georg Teubert, Dramaturgie: Marcin Cecko, Anna Heesen.
Mit: Tomasz Bazan, Pheline Roggan, Pawel Smagala, Jeanette Spassova, Axel Wandtke, Justyna Wasilewska und Jim Fletcher.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"Allein die Wiederentdeckung dieses bizarren Romans von 1914 muss man dem Projekt danken", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (8. 4.2016). Regisseur Krzysztof Garbaczewski destilliere daraus das sehr gegenwärtige Machtimperium eines Medien-Masters. Der Schauspieler Tim Fletcher gebe Roussel-Alter-Ego Canterel "als einen Bill-Gates'schen Big Brother in Videogestalt, dem eine naive Interviewerin stellvertretend für uns huldigt. Ein paar mythische Figuren des Romans tanzen noch faserig vor den Bildern, was kryptisch bleibt, ziellos. Hier flieht man vor dem alten Weltwahnsinn in einen neuen".

"Die Surrealisten lobten den futuristischen Roman, später sahen Vertreter des Nouveau Roman in 'Locus Solus' einen Vorläufer," so Eberhard Spreng in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (7.4.2016). Der junge polnische Regisseur Krzysztof Garbaczewski aber nehme ihn eher als "Stichwort für routinierte Performance" und zum Anlass "für eine nunmehr weiter zerlegte Ansammlung von disparaten Szenchen und Videoprojektionen".

Regisseur Garbaczewski greift sich dem Eindruck von Patrick Wildermann vom Berliner Tagesspiegel (9.4.2016) zufolge "Motive aus dem Roman und lässt sie wie Glühbirnen kurz aufleuchten und wieder verglühen". Als Zuschauer könne man hier "entweder einen Abend unter dem Motto 'Nichts verstehen in künstlerisch betreuter Atmosphäre' verbringen. Oder man fischt sich aus dem mäandernden Wort- und Bilderstrom, der von Unsterblichkeit, Elektrizität und dem 'Infra-Gewöhnlichen' erzählt, immer mal wieder interessante Gedanken."

 
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