Unterm Babytrichter

von Dorotheas Marcus

Bochum, 9. April 2016. Seit 2013 wurden Elfriede Jelineks "Schutzbefohlene" rund ein Dutzend Mal inszeniert, die Diskurse und Ereignisse haben sich in dieser Zeit wild überschlagen. Zum Glück schrieb die Nobelpreisträgerin weiter an ihrer großen zynisch entlarvenden Anklage der europäischen Flüchtlingspolitik. Zwischendurch wurde wohl auch ihr unheimlich zumute, immer wieder streute die sonst so genau um menschliche Bösartigkeit und Schwäche wissende Nobelpreisträgerin fast tagebuchartig eigene Zweifel, Ratlosigkeit und Überforderungsgefühle ein, zeigte ihre eigene Abgeschottetheit, Hilfsunwilligkeit und Unwissenheit her.

In Bochum hat Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer – neben Nicolas Stemann einer der verdientesten Jelinek-Bühnenspezialisten – erstmals alle vier Teile zusammen aufgeführt, oder: Bruchteile aus jenen Texten, die auf Jelineks Homepage veröffentlicht sind. Von den "Schutzbefohlenen" von 2013 ist kaum noch etwas übrig, viel Raum erhält der 4. Teil "Epilog auf dem Boden", der eine Uraufführung ist und sich vor allem Ämterdschungel und Wartechaos widmet. Der gut dreistündige Abend wird mit allerlei Fremdtexten angereichert – mit postfaschistischen französischen Manifesten der 70er Jahre ebenso wie mit aktuellen Werte-Katalogen europäischer Gesellschaften.

Ein zynisches Wimmelbild

Erst aber erscheinen die Jelinek-Figuren in Bochum in einer umnebelten Welt, dem Abgrund ihrer Fluchtursachen, und beschreiben unter einer leuchtenden, trichterartigen Weltkarte so langsam und pathetisch, wie man Jelinek-Texte kaum jemals hört, wie es sich anfühlt, wenn das Boot vollläuft. Und voll ist. Sie tragen spitzenbesetzte Reifröcke und weißgepuderte Turmfrisuren, als seien sie direkt der französischen Revolution, dem aufklärerischen Grundnarrativ Europas, entsprungen – das ist allerdings recht weit weg von der Gegenwart.

Und dann geht das Licht an. Vor einem Mittelklassewagen deutscher Bauart und gediegenem Wohnzimmerambiente führt Dennis Herrmann in rosa Hemd geschmeidig mit Power-Point-Präsentation in den europäischen Wertekatalog ein. Noch klappern nur ein paar Plastikbabypuppen aus dem Mittelmeertrichter auf die Bühne, doch schnell werden es mehr: das Klappern wird zu Getöse, aus hörbaren Einzelschicksalen eine stille Flut aus Schaumstoffbabies. Wie eine Insektenplage klettern sie Hosenbeine hoch, setzen sich in Kleiderfalten fest, kleben an Autotüren, türmen sich in Miniatur-Schwimmbädern übereinander. Ein krasses, zynisches Wimmelbild, das gefühlte westliche Ängste zusammenfasst und zugleich seltsam undistanziert hervorruft.die schutzbefohlenen 560 Diana Kuster uWenn es Embryonen regnet … In Bochum findet Hermann Schmidt-Rahmer
krasse Jelinek-Bilder © Diana Küster

Irgendwann kommt fast gar kein Baby mehr herunter, die Puppen können ganz einfach zusammengekehrt und in Kartons und Regalfächer entsorgt werden. Nach der Pause sind die rosa Puppenmassen dann hinter einem Gartenzaun gesichert, das Elend außer Sichtweite: "Kommt ja keiner mehr, können wir jetzt auch Bier trinken gehen", kumpelt Roland Riebeling und bringt die zynische Wegsehhaltung auf den Punkt, mit der Deutschland von den Balkan-Grenzschließungen profitiert. Aber können wir denn wirklich jene zwei Drittel der Weltbevölkerung aufnehmen, die laut Rüdiger Safranski in Deutschland asylberechtigt sind? Mit wie vielen nahen Toten belegt man überhaupt Asylberechtigung? Zwischen diesen ratlos machenden Polen rast der Abend hin und her – und bedankt sich nebenbei auch noch für die 60.000 Euro, die Bochumer für Flüchtlingsprojekte gespendet haben.

"Ich schaff das nicht mehr!"

Lustig ist es, als ein Helene Fischer-Bildschirm kurz durch eine Containerwandtür geschoben wird und gleich wieder verschwindet: "zu viele Bezüge". Die blonde Sängerin fliegt dann mit ihrem harmlosen Brachial-Pop aber doch noch sehr lange atemlos durch die Nacht, während auf dem Nebenbildschirm Flüchtlingsfrauen atemlos um ihr Leben laufen – so sind nun einmal die Kontraste auf der Welt verteilt. Dreißigfach vervielfältigt sich der rechthaberisch nickende Donald Trump auf den Bildschirmen, singt Anna Netrebko zu syrischen Trümmerlandschaften, präsentiert Herrmann auf sächsisch AfD-Programmpunkte als humoristische Knaller – sie unterscheiden sich kaum von islamischem Konservativismus.

An Einfällen ist kein Mangel, lustvoll werden immer wieder die rassistischen Narrative vorgeführt, die deutsche Diskurse der letzten Monate hochspülten. "Ich werde das jetzt nur flüstern", krächzt Jürgen Hartmann: "Flüchtlinge, sie kacken in Schwimmbäder und entehren deutsche Frauen." "Du bist doch willkommen, was hast du denn nur!" Brüllt Dennis Herrmann und schüttelt einen brutal – deutsches Mitgefühl kennt klare Grenzen. Als wenig später ein Flüchtling in Stiermaske und mit meterlangem Geschlechtsteil auf die Bühne kommt, bricht er wiederum in ekstatische Lustängste aus. Und immer wieder klagt Jelinek in Gestalt einer glitzernd hilflosen Xenia Snagowski: "Es sind zuviele! Ich schaff das nicht mehr."

Schockwellen im Gehirn

Der Abend versucht, die gegenwärtige Ratlosigkeit einzufangen. Er sendet mit seinem extremen Bilder- und Bezugsgewitter Schockwellen ins Gehirn, die dort allerdings auch bald wieder verenden. Denn die Diskurse scheinen alle so oder so ähnlich medial schon längst ausgetragen worden zu sein. Vielleicht wäre es glaubwürdiger gewesen, wenn die Schauspieler – wie bei Stemann – sich selbst und ihren Arbeitsprozess ins Spiel gebracht hätten, anstatt sich theaternd hinter Rokoko-Kostümen, AfD-Kabarettnummern oder Zuschauer-Befragungen ohne Antworten zu verstecken. Das hilflose Schwimmen in der schwindelerregenden Gegenwart, es betrifft wohl jeden.

 

Die Schutzbefohlenen / Appendix / Coda / Epilog auf dem Boden
von Elfriede Jelinek
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Video: Adrian Ganea, Licht: Bernd Felder, Dramaturgie und Recherche: Olaf Kröck, Justus von Verschuer.
Mit: Matthias Eberle, Jürgen Hartmann, Dennis Herrmann, Veronika Nickl, Kristina Peters,Roland Riebeling, Xenia Snagowski.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Offenlegung: Wegen eines verspäteten Zuges hat unsere Autorin Dorothea Marcus die ersten 20 Minuten der Aufführung leider nicht sehen können.

 

Kritikenrundschau

"Als Suada der Ratlosigkeit prasseln Schockeffekte, Zynismus, Wahnsinn und Methode fast drei Stunden auf die Zuschauer ein. Am Ende geht man aus der Vorstellung mit dem Gefühl, den Kopf in einen Tornado gehalten zu haben", schreibt J. Boebers-Süßmann in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (11.4.2016). "Vielleicht hat der Abend den ei­nen Sinn, dass er wieder und wieder erklärt, dass es keine gültigen Erklärungen, auch keinen Trost gibt." Das sei aber gleichzeitig seine Schwäche: "Als theatralisches Multitasking wird das zur Geduldsprobe."

"Hermann Schmidt-Rahmer befreit den in jedem Sinn ungeheuren Text aus dem Korsett der Philologie. Er macht Theater daraus, Theater total.“, schreibt Martin Krumbholz in der Süddetuschen Zeitung (14.4.2016). "Unbekümmert wechselt die Inszenierung vom empörten Appell hinüber in Jelineks Ironie-Kosmos." Wenn all die Zuspitzungen, Kalauer, Assoziationsketten den Zuschauer methodisch überfordern, sei das kein Problem mehr. "Eine Jelinek-Performance, das hat sich längst 'eingebürgert', ist oft auch Jelinek-Parodie." Es gebe hier keine Naivität, keine Unschuld und auch keine Andacht gegenüber dem Text. Das Bewundernswerteste an diesem Abend sei das Engagement, die Ausdrucksskala, die Virtuosität ausnahmslos aller sieben beteiligten Schauspieler. "(W)ann hat man das Bochumer Ensemble zuletzt so groß in Form gesehen?"

 

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