Rezaistische Anti-Idylle

von Peter Schneeberger

Wien, 10. April 2008. Richard Dresser ist ein zynischer Beobachter der amerikanischen Gesellschaft. Immer wieder lenkt der Dramatiker seinen scharfen Blick auf die Schattenseiten der Finanzmetropole New York, doch in "Wonderful World" (2001) bringt der Amerikaner statt kalter Portfolio-Manager eine ‚dysfunktionale’ Familie auf die Bühne. Anders als im gleichnamigen Song von Louis Armstrong sind die Beziehungen zwischen Max, Jennifer, Barry und Patty nämlich alles andere als "wunderbar".

Schon die Vorzeichen sind bedenklich. Jennifer richtet die Wohnung zurecht, drapiert reichlich Camembert, Oliven und Pastete auf einem Silbertablett, doch als sie von ihrem Verlobten wissen will, ob ihm denn der Strauß Tulpen gefalle, den sie besorgt habe, antwortet Max euphorisch "perfekt!" – freilich ohne hinzusehen. 

"Nur mit Mühe!" 

Der Verhängnis nimmt seinen Lauf: "Das Leben wäre viel einfacher, wenn du trinken würdest", meint Max und bringt mit diesem Seitenhieb die fragile Idylle ins Wanken. Vor Jennifer muss er sich nicht fürchten: Wenn sie sich schuldig fühlt, schlägt sie sich mit dem Lineal so lange auf die Unterarme, bis sie blutige Striemen hat. Kein Zweifel: Dresser hat hochgradige Stadtneurotiker auf die Bühne gebracht. "Wie hältst du es bloß mit mir aus", seufzt Jennifer kokett. "Mit Mühe", keppelt Max zurück.

In den Wiener Kammerspielen sind die beiden Protagonisten mit den zwei Hauptdarstellern der einstigen TV-Erfolgsserie "Kommissar Rex" zugkräftig besetzt: Elke Winkens und Alexander Pschill kämpfen verzweifelt um ihr Beziehungsglück. Keine der beiden Figuren will der Wahrheit, dass sie nicht unbedingt füreinander geschaffen sind, ins Auge blicken. Großherzig bis an den Rand zur Selbstverleugnung stecken Max und Jennifer eine Beleidigung nach der anderen ein.

Erstmals droht die Lage unumkehrbar zu eskalieren, als Max eingesteht, mit dem Gedanken gespielt zu haben, Jennifer vor einem Bus zu stoßen. "Du wolltest mich ermorden?", kreischt Jennifer auf. "Warum hast du mich nicht einfach verlassen?" – "Das würde ich nie übers Herz bringen", antwortet Max. "Dafür liebe ich dich viel zu sehr."

Wohltemperierte Bösartigkeit

Es sind verspielte kleine Wortgefechte wie diese, die dem Zweiakter "Wonderful World" seinen Reiz verleihen. Doch müsste sich Richard Dresser im direkten Vergleich mit seiner französischen Kollegin Yasmina Reza ("Der Gott des Gemetzels", "Drei Mal Leben") in Sachen Esprit, Komik und Kunstfertigkeit rasch geschlagen geben: Die amtierende Großmeisterin scharfzüngiger Salonkomödien treibt ihre Figuren konsequent in den Wahnsinn hinein. Richard Dresser verlässt in "Wonderful World" nie den Aggregatszustand wohltemperierter Bösartigkeit.

Wie es sich für Großstädter mit gepflegten Neurosen gehört, genügen bereits Petitessen, um den Gemütszustand des Bruderpaares Max und Barry aus dem Gleichgewicht zu bringen. Max hat vergessen, Barrys Frau Patty zu einem Familienabendessen einzuladen. Eine derartige Unachtsamkeit ließe sich leicht aus der Welt schaffen. Im Falle von Max und seiner Familie führt sie schnurstracks ins Desaster.

Der polnische Regisseur Janusz Kica, regelmäßiger Gast am Theater in der Josefstadt, deutet in der letzten Szene an, wie viel Charme Dressers Gesellschaftssatire entfalten könnte: Mit wenigen Handgriffen zaubert er eine melancholische Winterszene auf die kleine Bühne. Jedoch hat Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer die Salonkomödie die vorangehenden zwei Stunden eines Gutteil ihres Charmes beraubt: Er hat "Wonderful World" in einem ebenso kalten wie ausdruckslosen Bühnenbild platziert.

Dagegen kommt auch das gute Ensemble nicht an: Alexander Pschill zeigt Max als bubenhaften Stadtneurotiker, Kathrin Beck wechselt gekonnt zwischen Domina und Porzellanpüppchen, überzeugender als Fritz Hammel (Barry) kann man nicht wankelmütig sein. Doch wer wissen will, wie man einander ernsthaft an den Kragen geht, sollte lieber ins Burgtheater gehen: Dort ist derzeit Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" zu sehen.

 

Wonderful World
von Richard Dresser
Österreichische Erstaufführung
Regie: Janusz Kica, Bühne:Kaspar Zwimpfer, Kostüme: Karin Fritz.
Mit: Alexander Pschill, Elke Winkens, Fritz Hammel, Kathrin Beck, Lotte Ledl.

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

Ein "seichtes Stück, eine matte Regie", in der Wiener Tageszeitung Die Presse (12.4.2008) mag Norbert Mayer gerade mal drei von möglichen zehn Punkten vergeben. Auf Mayers Mängelliste stehen aber auch die Schauspieler, die aus seiner Sicht die vorhersehbare Gags selten auf den Punkt brachten. Und die Tatsache, dass dies ein komplett ungeeigneter Stoff gewesen sei, das durchaus vorhandene Regietalent von Janusz Kica herauszufordern. Kurz: "Wonderful World" sei nicht wunderbar, sondern "Magerkäse" gewesen. Das Beste, was Mayer über diese zweistündige Komödie sagen kann: "Wenigstens gab es ein schickes Bühnenbild (von Kaspar Zwimpfer) mit bunten Neonröhren und verschiebbaren Wänden, die für flotte Szenenwechsel sorgen. Auch gelegentlich eingestreute Schlager für Fortgeschrittene sorgten für etwas Stimmung."

Auch die Wiener Zeitung (12.4.2008) ist wenig begeistert. "Wonderful World" wolle "eine spritzige Komödie sein, in der eine Pointe die nächste jagt" und zugleich "eine ernste Auseinandersetzung mit Problemen zeitgenössischer Paare und Paarungen", schaffe daher weder das eine noch das andere wirklich. In Janusz Kicas Inszenierung seien die fünf Menschen auf der Bühne mit ihren Neurosen, beruflichen und Alkoholproblemen "weder wirklich witzige Karikaturen noch ernst zu nehmende Charaktere". Hin und wieder gebe es zwar lustige Momente. Insgesamt sei es aber kaum mehr als eine mäßig komische oberflächliche Sitcom.



 
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