Darling, du langweilst mich!

von Wolfgang Behrens

April 2016. "Darling, du langweilst mich", sagt die alte Abonnentin zum jungen Schauspielregisseur und verwirklicht ihr nächstes Projekt. "Darling, du langweilst mich", sagt die Intendantin zum einvernehmlich nickenden Publikum und kündigt den linksliberalen Schulterschluss auf. "Darling, du langweilst mich", sagt der Regisseur alter Schule zur Schauspielerin und holt sich in der Kantine einen Kaffee. "Darling, du langweilst mich", sagt der Magazinrundschauer zum Internet und blättert in den Theaterzeitschriften des Monats April.

Die Themen: Systemkonforme Jungregisseur*innen | Lothar Kittstein über zahnloses Theater in einer zahnlosen Zeit | Karin Beier und Amelie Deuflhard über Theater mit und gegen die AfD | Tom Lanoye über Dschihadisten | Schauspiel-Doyenne Elisabeth Orth | Hans-Thies Lehmann und Thomas Ostermeier stellen sich dem Theater in China

Die deutsche Bühne

Ihren April-Schwerpunkt hat die Die deutsche Bühne "Radikal systemkonform" übertitelt, und auf den ersten Blick mag es dann überraschen, dass er der "Jungen Schauspielregie" gilt. Junge Schauspielregie – ist die nicht per definitionem wild, systemsprengend, radikal jung eben? Redakteur Detlev Baur stellt schon im Editorial klar, dass junge Regisseur*innen, wenn es nach dem Betrieb geht, genau das sein sollen – und dabei sollen sie zugleich "zuverlässig auch handwerklich herausragende Inszenierungen auf die Bühne bringen. Das kann nicht funktionieren. (...) Gerade in Zeiten intensiven Interesses an jungen Theatermachern und an großen Namen gelingt es nur sehr wenigen jungen Regisseuren, sich über längere Zeit einen Namen zu machen." Selbstkritisch vermerkt Baur, "dass wir Kritiker daran nicht ganz unschuldig sind".

DdB 04 2016 180Die eigentliche Schwerpunkt-Strecke wird dann von einem unbedingt lesenswerten Essay des Dramaturgen und Dramatikers Lothar Kittstein eingeleitet. Er beobachtet in den dramaturgischen Verlautbarungen der Theater einen "Innovationssprech", hinter dem er einen "kollektiven Minderwertigkeitskomplex, zumindest aber tiefe Verunsicherung" vermutet. "Die klassischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts befanden sich im unerbittlichen Widerspruch zur gesellschaftlichen Grundstruktur, sie waren im militärischen Sinne des Begriffs auf Zerstörung aus" – damit sei es im heutigen Theater vorbei, es dürfte "in seiner derzeitigen soziologisch-ästhetischen Lage die erste Avantgarde sein, die sich nicht im Widerspruch zu, sondern im Einklang mit der gesellschaftlichen Grundstruktur ihrer Zeit befindet – eine Bewegung, die ein Stehenbleiben ist, ein Widerstand, der im Subtext doch sagt: Ja, ich bin einverstanden." Die "ästhetischen Grenzen des von der Gießener Schule so gern als Popanz hingestellten Theaters des Repräsentativen" seien "längst gefallen, es gilt das anything goes. Die Abonnenten sitzen mit verständiger Miene davor und nicken freundlich." Das "Herz des alten Bürgertums, in das Regie einmal treffen konnte", schlage nicht mehr.

Und Kittstein fragt: "Kann es also sein, dass die Regisseure zahnlos geworden sind? Ich weiß es nicht. Die Zeit ist zahnlos. Sie ist aus Watte. Sie lässt sich nicht beißen. Selbst dem Protest gegen Pegida eignet etwas von seltsam kindlicher Freude: Endlich wieder ein Abenteuer! Flüchtlinge, ein neues Spielzeug! Rasch, auf die Bühne mit ihnen. Ein Ensemble aus Migranten, wie hübsch." Früher habe man als Linker gelernt, "dass wer sich in einer nichtrevolutionären Situation revolutionär gebärdet, objektiv reaktionär handelt. Die Gesellschafft, aus der das Regietheater stammt und gegen die es sich stemmte, liegt in Trümmern. Wir leben in diesen Trümmern. Ist darum die Zeit des Zertrümmerns vorbei (...)?"

Theater der Zeit

Der Schwerpunkt, den Theater der Zeit in der April-Ausgabe setzt, heißt "Arbeit am Heute" – ein recht weit gefasster Titel, der hier in erster Linie den Umgang der Theater von Wien über Hamburg bis nach Frankreich mit Themen wie der Flüchtlingssituation oder dem dschihadistischen Terror meint. Das Aufmachergespräch haben die Redakteur*innen Dorte Lena Eilers und Gunnar Decker mit den Hamburger Intendantinnen Karin Beier (Schauspielhaus) und Amelie Deuflhard (Kampnagel) geführt. Karin Beier erzählt darin, dass die Ansetzung von Michel Houellebecqs "Unterwerfung", vor allem aber diejenige von Ayad Akthars "Geächtet" eine Spielplandebatte in ihrem Theater ausgelöst habe. Die Hauptfigur von "Geächtet" ist "ein pakistanischer Amerikaner, der sich vom Islam abgewandt hat und den Koran als einzigen Hassbrief interpretiert. Wir haben uns nach langen Diskussionen entschlossen, es trotzdem zu machen. Auch aus dem Gefühl heraus, dass der ewige links-liberale Schulterschluss mit den Zuschauern niemanden weiterbringt. Man darf sich nicht zu schnell der Selbstzensur hingeben. (...) Es wurde lange Zeit eine offene Diskussion unterdrückt, aus Angst davor, in der falschen Schublade zu landen."

TdZ 04 2016 180Amelie Deuflhard immerhin hat die Debatte ohne Schulterschluss durchaus gesucht: Nachdem sie wegen eines Kunstprojektes auf Kampnagel von der AfD angezeigt worden ist , hat sie "auch an Diskussionsrunden mit AfD-Mitgliedern teilgenommen. (...) Diese Debatten mit der AfD, all der Hass auf unsere Gesellschaft, auf Migranten und Flüchtlinge waren schon erschreckend. Bei einer Diskussion im Thalia Theater mit Joachim Lux wurden wir als linksradikale Anarchisten beschimpft." Deuflhard hält aber am Aufklärungsauftrag der Theater fest. Ihr fällt auf, dass die Menschen "in Nordafrika oder Westafrika, auch in den asiatischen Länder (...) mehr über uns [wissen] als wir über sie. Das müssen wir ändern, da können wir auch als Theater einen Beitrag leisten mit künstlerischen Produktionen (...) – in unserem ganzen Fühlen und Denken sind wir immer noch zu eurozentristisch und beziehen andere Kulturen kaum ein." Karin Beier stimmt da offenbar zu und meint, dass wir "eine neue, etwas lässigere Form des Sowohl-als-auch-Denkens lernen müssen. (...) Nicht mehr dieses lineare Denken, sondern, um mal das brasilianische Beispiel des Hüftschwungs zu nehmen, eine Biegsamkeit in der Taille." Aufklärung per Hüftschwung – das klingt doch ganz verlockend!

Um Aufklärung geht es auch dem belgischen Dramatiker Tom Lanoye, dessen neues Stück "Gas" – der Monolog der Mutter eines Dschihadisten – demnächst als Gastspiel beim Heidelberger Stückemarkt zu sehen sein wird. Lanoye sagt im Interview, dass, "wenn es um einen Dschihadisten geht, das Denken die meiste Zeit nicht komplex genug ist. (...) Wenn man die Ökonomie weglässt, die Geopolitik, wenn man nie Al Jazeera schaut, wenn man nicht sieht, was die Drohnen wirklich machen, dann ist deine Meinung nicht so komplex, wie sie sein sollte. (...) Verstehen meint nicht, dass die Attentäter nicht verurteilt werden müssen. Verstehen meint nicht, dass du zustimmst. Aber ich will einfach verstehen, was zum Teufel hier gerade passiert! Das ist für mich wirklich das Kerngeschäft der Aufklärung."

Theater heute

Vom April-Cover von Theater heute blickt uns – ein burgtheatraler Spiegel macht es möglich – die frischgebackene 80-jährige Burg-Doyenne Elisabeth Orth gleich in doppelter Ausführung entgegen. Im Heft ist ihr dann ein großes Porträt von Karin Cerny gewidmet, in dem man auch erfährt, wie es früher einmal war: "Mitunter klingt in Orths Stimme etwas nach, das man längst ausgestorben glaubte: ein harmonischer Singsang, das nasale Betonen jeder Silbe, die präzise, klare Aussprache, das Gurren in Orths Stimme geben eine Ahnung davon, was das berühmte Burgtheaterdeutsch wohl gewesen sein könnte. Als die Sprache noch im Zentrum der Kunst stand, als mehr gesungen denn gesprochen wurde." Wobei gerade Elisabeth Orth der jüngeren Generation von Regisseuren gegenüber sehr aufgeschlossen sei, "weil man mit ihnen anders kommunizieren kann, man rede, spiele und träume auf Augenhöhe". Diese Hochschätzung der Kommunikation zwischen Regisseur und Schauspielerin kann man gut nachvollziehen, wenn man liest, wie Elisabeth Orth von Peter Zadek als Regieanweisung aus dem Zuschauerraum schlicht zu hören bekam: "Darling, du langweilst mich."

Theaterheute 04 2016 180Postdramatik-Papst Hans-Thies Lehmann schreibt für Theater heute über eine Reise nach China, zu einem Festival in Whuzen, einer Wasserstadt in der Nähe Shanghais. Lehmann berichtet durchaus Ernüchterndes: Das Sprechtheater habe in China keine Tradition, in den ersten Jahren der Volksrepublik habe man sich "den Realismus als, freilich verkürzte, Lehre Stanislawskis aus der Sowjetunion" geholt, was noch immer maßgeblich fürs Theaterverständnis sei. Und: "Ein zweiter Hemmschuh für formal innovative und kritische Theaterformen ist der Umstand, dass die chinesische Theaterkultur weithin im Zeichen des Wunsches nach 'Harmonie' steht. Während man bei uns schon fast reflexartig Theater als (gesellschafts)kritische Praxis auffasst, steht diese Vorstellung in China keineswegs im Vordergrund, und Theaterleute, die formal oder thematisch ein Theater zu verwirklichen suchen, das die Wahrnehmungsweise problematisiert, geraten rasch unter Legimitationsdruck." Herbert Fritsch und Thomas Ostermeier jedenfalls haben in Wuzhen Masterclasses gegeben, wobei Lehmann nicht überliefert, wie harmonisch es da zuging. Ostermeier jedenfalls habe die chinesischen Theaterleute aufgerufen, "ihr Idol Stanislawski ganz zu studieren, nicht nur den halbierten frühen Stanislawski, der nur auf Einfühlung setzte." Wer weiß – vielleicht wird ja Ostermeier in China mal als der Ahnherr des postharmonischen Theaters geführt werden?

Zur Magazinrundschau des Monats März u.a. mit Nicolas Stemann und Armin Petras.

 
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