Die Nacht der reitenden Raptoren

von Gerhard Preußer

Münster 23. April 2016. Seit der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers 2008 reißt der Nachschub von Stücken über die Finanzkrise für die deutschen Theater nicht ab. In Münster setzt man aber auf einen der älteren Texte: Lucy Prebbles "Enron" behandelt nicht nur eine Insolvenz von 2001, sondern wurde auch schon vor fünf Jahren zum ersten Mal auf Deutsch gezeigt. Der Vorteil von "Enron" ist seine Verständlichkeit. Dass Belehrung und Unterhaltung keine Gegensätze sind, hat schon Brecht postuliert und der war Prebbles Vorbild. Wer nicht weiß, was "special purpose entities" einer Aktiengesellschaft sind, dem wird es hier lustig erklärt.

Der Fall Enron

Enron war eine amerikanische Energiefirma mit exzellenten Verbindungen zur Politik, die in den 90er Jahren expandierte, zum siebtgrößten Unternehmen der USA wuchs, 2001 aber zusammenbrach, weil sich herausgestellt hatte, dass das Unternehmen 30 Milliarden Dollar Schulden in solchen "special purpose entities" versteckt hatte. Der Fall hat sich bis heute in verschiedenen Abwandlungen immerzu wiederholt und bleibt auch deshalb interessant weil er gut dokumentiert ist und profilierte Protagonisten hatte. Man kann die komplizierten ökonomischen Vorgänge an Personen deutlich machen. Es geht nicht um die Aufklärung eines Einzelfalles, es geht um die Darstellung eines Paradigmas.

Enron2 560 Oliver Berg uErst wenn der Wald von Zetteln lebendig wird, geht die Firma Pleite. Oben beten Aurel Bereuter
und Hanns Jörg Krumpholz für Kredite; unten bescheisst Daniel Rothaug die Banken.
© Oliver Berg

Dreiste Mischung

Prebble macht das mit einer ziemlich dreisten Mischung von Theatermitteln: ein ironisch unzuverlässiger Erzähler, tanzende Börsenhändler, etwas Sex, Verfremdung von Figuren durch Tiermasken oder Bauchrednerpuppen, reichlicher Gebrauch von Metaphern, nicht nur verbal, sondern auch szenisch. Die Gefahr für jede Inszenierung des Stückes ist daher, von diesem Angebot von Amüsiertechniken allzu reichlich Gebrauch zu machen.

Dominique Schnizers Inszenierung scheint diese Gefahr nicht zu sehen. Auf der Bühne des Großen Hauses in Münster steht ein dreistöckiges Gebäude (Bühne und Kostüme: Christin Treunert). In der Mitte die Vorstandsetage, oben der Fitnessraum und unten der niedrige Unterbau des besonders bösen Finanzchefs Fastow, voll von chaotisch zerstreuten Papieren.

Enron1 560 Oliver Berg uDer CEO und sein Finanz-Alberich: Aurel Bereuter und Daniel Rothaug  © Oliver Berg

Hier verbirgt sich der witzigste Einfall der Inszenierung: plötzlich werden diese Zettelhaufen lebendig (papierbeklebte Statisten) und sind Fastows "special purpose entities", die er liebevoll "Raptoren" nennt, schuldenfressende Offshore-Firmen, mit Hilfe derer Enron sich selbst die Schulden abnimmt und dafür Kapital von den Banken erhält.

Siamesische Brüder, schreiender Zwerg

Sonst werden alle angebotenen Denunziationsmechanismen bedient: Die Rechnungsprüfungsfirma Andersen wird als Bauchredner mit einer Puppe mit Pferdekopf dargestellt, die beiden Lehman Brothers reden im Chor und stecken zusammen in einem riesigen Jackett. Die tierköpfigen Analysten werden an der Leine gehalten. Und die zentrale Figur des Fastow (Daniel Rothaug) wird völlig in die überzogene Komik getrieben: ein wild gestikulierender, schreiender böser Zwerg, der in der Unterhose in seinem unterirdischen Reich herumtobt.

Skilling (Aurel Bereuter), dem CEO, wird immerhin eine Wandlung zugestanden. Vom arroganten Antreiber wird er zur stotternden Menschenhülse. Eine sympathische Figur hat dieses Stück so wenig wie "Macbeth". Skillings Rivalin Claudia Roe (Claudia Hübschmann), eine von Prebble konstruierte Figur, ist es auch nicht. So bleibt nach Skillings Verurteilung zu 24 Jahren Haft am Ende nur seine Anklage an das Publikum: Unsere Dummheit sei verantwortlich.

Schlimm, schrill und zahnlos

Dass er dies nicht mit Verweis auf den projizierten Verlauf des Dow-Jones-Indexes während des 20. Jahrhunderts sagt, wie bei Prebble vorgesehen, schwächt seine Hybris ab. Leute wie Skilling sehen die Aktienentwicklung als Maßstab des Fortschritts der Menschheit. Prebbles Stück gibt keine besserwisserischen Erklärungen über die Ursachen der Finanzkrisen. Aber es verbreitet auch nicht die billige Theorie von der ewig sich gleich bleibenden Gier der Menschen. Ihre Figuren sind Getriebene in einem System.

Aber was ist das System, das solche Katastrophen hervorbringt? Die amerikanische Demokratie, die Politik der Deregulierung, die Ablösung des Finanzsektors von der Realwirtschaft, der Kapitalismus überhaupt? Auf welcher Ebene soll die Kritik ansetzen? In Münster sieht man einen schlimmen, schrillen Fall von Finanzbetrug sich entfalten, über den man sich belustigt empören kann. Es steht nicht zu befürchten, dass den Münsteraner Anlageberatern nun unangenehme Fragen gestellt werden.

 

Enron
von Lucy Prebble
Deutsch von Michael Raab
Regie: Dominique Schnizer, Bühne und Kostüme: Christin Treunert, Dramaturgie: Michael Letmathe.
Mit: Aurel Bereuter, Hans Jörg Krumpholz, Daniel Rothaug, Claudia Hübschmann, Matthias Caspari, Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Christoph Rinke, Carola von Seckendorff.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.theater-muenster.com

 

Kritikenrundschau

"Die starke Realitäts-Anbindung des Stücks ist sein Vorzug und Nachteil zugleich", findet Harald Suerland in den Westfälischen Nachrichten (25.4.2016). Wer der Enron-Story bislang wenig Beachtung geschenkt hat, bekomme hier Aufklärung; allerdings ließen die Lern-Inhalte der sauber gearbeiteten Doppelstunde wenig Raum für feine Charakterzeichnung. Dominique Schnizer versuche, die fehlende Tiefendimension des Textes auszugleichen, indem er ihn effektvoll ausstellt, mit Musik und Masken zaubert, den Manager wie einen Jedermann (der er nicht ist) taumeln lässt. "Vielleicht hätte ein lakonischer Ton mehr geholfen, ein bisschen Kabarett, wie es Hanns Jörg Krumpholz bei der präsidialen Gestik von Kenneth vorführt."

 Schnizer erweitere die Vorgaben einfallsreich, so Martin Burkert auf WDR 5 (25.4.2016). "Es sind keine bloßen Bösewichter, die in Münster bei Enron beschäftigt sind. Die Inszenierung zeigt Figiuren, die ein System bis zum Ende ausreizen, das Betrug ermöglicht." Da sei das Stück hoch aktuell.

 
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