Paradise Cinema Lost

von Daniela Barth

Hamburg, 12. April 2008. So wunderbar kann Theater sein: Großes Kino – als intimes Kammerspiel. Gesehen gestern im Malersaal des Jungen Schauspielhauses in Hamburg. Eingangs überwältigt eine schwarz-weiße Bilderflut im Zusammenspiel mit einer Kakophonie aus Zitaten und Musik: "Hair", "2001- A space odyssey", "Bande à part", Jim Morrison, Martin Luther King ... Diese cineastische Sinfonie umspielt eine geradezu konterkarierende Wohnlandschaft: Chaotisch und einfach, im Zentrum ein abgewetztes Sofa, das mit der Rückseite zum Publikum steht.

"Träumer" (16+)  – nach dem Roman von Gilbert Adair, in der Fassung des Regisseurs Daniel Wahl – ist (auch) eine Geschichte über Kino, aber vordergründig über die erste und verbotene Liebe und die damit verbundene Selbstfindung, über Protest und Aufruhr, über Politik. Kürzlich erst musste ich (in einer so genannten Wissenschaftssendung) erfahren, dass die "Generation Porno" die "Generation Golf" nunmehr ablöst. Ein beliebter "Geniestreich" medialer Meinungsmacher, eine ganze Generation einfach in eine Schublade zu stopfen, abzuschließen und den Schlüssel wegzuwerfen. Da kommt so eine Inszenierung gerade recht.

Paris, Anno 1968

Man möge das nicht als Abwertung verstehen: Es ist tatsächlich eine Art handfester Geschichtsunterricht. Der eben auch aufzeigt: das Erwachsenwerden ist zu jeglicher Zeit ein schwieriger Balance-Akt. Der auch aufklärt darüber, wie sehr Sex und dessen Praktizierung ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Charakters ist. Und wie oft dieser sowohl seelische als auch soziale Konsequenzen birgt.

Die Cinémathèque Française und ihr Gründer Henri Langlois waren schon in den wilden 60er Jahren ein Mythos. Ganze Generationen von Filmsüchtigen pilgerten regelmäßig in das monumentale Palais de Chaillot, wo sie untergebracht ist. Im Frühjahr 1968 kam es zu einem Eklat, als der Kulturminister Langlois entlassen wollte. Die Cinémathèque wurde geschlossen, viele Filmkünstler und andere Intellektuelle protestierten.

Gefangene der Bilder

Auch das französische Zwillingspaar Théo (Renato Schuch) und Isabelle (Laura de Weck) – das mehr verbindet als rein geschwisterliche Liebe - sowie der amerikanische Student Matthew (Konradin Kunze) zählen zu den Süchtigen, die kaum einen Film auslassen und trotz ihrer Jugend bereits zu wandelnden Filmlexika geworden sind. Entsprechend hart trifft sie die Schließung ihrer Kultstätte.

Doch die Notsituation schweißt sie noch enger zusammen. Matthew, der bisher in einem Hotel lebte, wird in die geräumige Wohnung der Geschwister eingeladen. Als dann auch noch die Eltern der Zwei in die Ferien entschwinden, tauchen die Jugendlichen in ihre eigene Welt der "Home Movies" ab.

Hier gelten ihre eigene Gesetze, nach dem Vorbild ihrer Lieblingsfilme. Aus den harmlosen Wissensfragen werden bald verfängliche Pfänderspiele. Sie fordern sich mit ihrem filmischen Wissen regelmäßig heraus und wer den Test nicht besteht, muss sich vor dem anderen entblößen oder die sexuellen Fantasien des anderen zur Schau stellen. So verlangt Isabelle von ihrem Bruder, dass er vor einem Filmplakat von Marlene Dietrich, ihrem berühmtesten Film "Der blaue Engel", vor ihren und Matthews Augen masturbiert. Dieser hingegen rächt sich damit, dass er Isabelle zwingt, sich von Matthew deflorieren zu lassen.

Einbruch der Wirklichkeit

Zwischen Isabelle und Matthew entstehen daraufhin tiefere Gefühle, was dazu führt, dass Matthew seine anfängliche Zurückhaltung und Rolle des Beobachters aufgibt und aktiver um Isabelles Gunst ringt. In dieser verzehrenden Amour fou gefangen, kapseln sich die Drei immer mehr von der Welt ab und sind sich gegenseitig ausgeliefert . Bis eines Tages die Straße – vermutlich ein Pflasterstein – in die selbst erschaffene Enklave einbricht. Und die Realität des Pariser Mai 1968 sie einholt.

Ihre Träume? Die zerplatzen wie Seifenblasen...  Eine Befreiung? Dies beantwortet Wahls Inszenierung gezielt nicht. Man kann sich nicht einmal sicher sein, ob Matthew tatsächlich während des Straßenkampfes umkommt oder nicht schon vom eifersüchtigen Théo während eines Sexualaktes erstickt wurde.

Die subtile und gleichzeitig charmante Spielweise aller drei Protagonisten (wobei Renato Schuch insbesondere im Komödiantischen brilliert) verleiht dem Abend bei aller hintergründiger Schwere und Beklemmung eine bemerkenswerte, fast schon erstaunliche Lockerheit.

 

Träumer
nach dem Roman von Gilbert Adair
Fassung von Daniel Wahl
Regie: Daniel Wahl, Bühne und Kostüme: Viva Schudt, Musik: Benjamin Brodbeck, Video: Martin Groß.
Mit: Konradin Kunze, Renato Schuch und Laura de Weck.

www.schauspielhaus.de

 


Mehr Information gefällig? Die junge Schauspielerin Laura de Weck ist auch eine vielversprechende Dramatikerin, deren Stück Lieblingsmenschen (im März 2007 von Werner Düggelin am Theater Basel uraufgeführt) in diesem Jahr zu den 33. Mülheimer Theatertagen Stücke '08 eingeladen worden ist. Hier gehts zur Auswahl.

 

Kritikenrundschau

-itz freut sich im Hamburger Abendblatt (14.4.2008) über Daniel Wahls Adaption von Gilbert Adairs Roman "Träumer", "den der Regisseur für das locker-witzige, doch nicht oberflächliche Spiele- und Bilder-Feuerwerk seiner Inszenierung für das Junge Schauspielhaus bearbeitete". Die Schauspieler fänden "aus dem Erzählgestus, dem Hin und Her im cineastischen und musikalischen Zitate-Puzzle zu ihren Figuren". Vielleicht hätte sich Wahl "etwas vom Filmbilder-Zauber schenken können, denn die 68er bleiben letztlich Staffage für die Geschichte der Selbstfindung". Immerhin aber entgehe der Regisseur "finalem Kitsch ... durch einen offenen Schluss".

In einer Kurzkritik in der taz Nord (14.4.2008) meint Anja Grünenfelder: "Je größer die Konflikte in der Dreierbeziehung werden, desto dynamischer wird auch das Spiel der Schauspieler. Dennoch bringt das Stück thematisch wenig Überraschendes: die 68er sind ausgeträumt."

Auf Welt online (14.4.2008) schreibt Monika Nellissen über Daniel Wahls und Gilbert Adairs "Träume und Träumereien von 1968". Schon gleich zu Beginn der Aufführung würden sich "Traumwelt und politische Welt verweben". Obschon sich die Dramatisierung "zunächst" in ihrer "szenischen Verdichtung schwer" tue, weil "einiges an historischem Überbau geklärt" werden müsse. Schließlich sei die Aufführung für Jugendliche ab sechzehn Jahren, die "nur vom Hörensagen das Jahr 1968 kennen". Je weiter sich "Politik und Außenwelt in der Inszenierung" entfernten, desto "beteiligter verfolgen wir, wie zwanghaft und gleichzeitig spielerisch schamlos die zunächst unbefangene Beziehung der Studenten in die beinahe tödliche Eskalation treibt." - "Wahl und den ausgezeichneten Schauspielern" gelänge es zudem, "Voyeurismus nie zu bedienen. Sex und Nacktheit werden mit fast scheuer Zartheit behandelt".

 
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