Es hat "Boom" gemacht

von Hartmut Krug

Greifswald, 30. April 2016. Wenn das Publikum in Greifswald seine Plätze einnimmt, wird im vorderen Teil der Bühne schon gearbeitet. Hier breitet sich eine Art Werkstatt aus, in der zwei Personen ihr Handwerkszeug für Live-Filme arrangieren. Dann erklingt die Ouvertüre, und dazu wird, anders als bei Gaetano Donizetti, auf der schmalen, tiefenlosen Bühne, die etwas über der Video-Werkstatt liegt, eine Vorgeschichte des Geschehens gespielt. Norina, eine schöne junge, aber arme Frau träumt in den Bergen von Aserbaidschan von einer besseren Zukunft. Als sie eine Postkarte von New York findet, macht sie sich auf die Reise. Auf der Projektionswand hinter ihr können wir ihre Fluchtroute über den Balkan verfolgen, bis es in New York vor einem Wolkenkratzer in Großbuchstaben "Boom" macht: Denn sie trifft auf Ernesto. Die beiden verlieben sich, und der Kampf um Liebe und Geld beginnt.

Alte Bekannte: Barbie und Ken

Donizetti variiert in seiner Oper ein altes Opera-buffa-Motiv mit Figuren, die deutlich von der Commedia dell'Arte geprägt sind. Da begehrt der reiche, geizige alte Pasquale (dem Regisseur Klaus Gehre in Greifswald einen Softporno in die Hand gibt) eine junge Frau und will Norina heiraten. Die aber liebt seinen Neffen Ernesto, und in einer munteren Intrige wird mit Hilfe von Pasquales Arzt der Alte geprellt und das junge Paar zusammen geführt. Klaus Gehre, der im Herbst 2013 mit Jonatan Mostows Film Surrogates – Mein zweites Ich schon einmal in Greifswald inszeniert hat, versucht sich nun erstmals an einer Oper. Dabei holt er deren alte, konventionelle Handlung nicht direkt in die Gegenwart, sondern kommentiert die Figuren mit Pop-Klischees und mit etlichen geschickt modernisierten Gesangstexten. Fast ein Markenzeichen des Regisseurs sind dabei das Puppenpaar Ken und Barbie, das er durch viele Projektionen geistern lässt. Die haben das erreicht, was Norina und Ernesto erstreben: Geld und Liebe. Als Symbole wirken sie allerdings recht veraltet.

DonPasquale2 560 muTphoto uJardena Flückiger als Norina und Thomas Rettensteiner als Don Pasquale © muTphoto

Dazu lädt Gehre das Geschehen überdeutlich auf mit den Wünschen der Menschen nach Geld und Erotik. Und er zeigt mit seinen Kunstfiguren: Wir spielen hier Theater. Was eigentlich in Donizettis Oper schon sehr deutlich vorhanden ist, nämlich die Jagd nach Geld und Liebe, wird von Gehre im Live-Video in einer Bilderflut ausgebreitet. Wenn Norina ihre Lust auf die große Welt im kleinen Kaufrausch auslebt, dann sehen wir Pakete von Amazon, Zalando und Co. Und Ken fährt mit einem schicken Cabriolet umher. Nun ja.

Bilderflut gegen tiefenpsychologische Studie

Natürlich wird viel verzehrt, und Eisbecher sind ein gern benutztes Zeichen. Wenn es um Erotik geht, und es geht immer um Erotik und Konsum, dann schminkt sich Christiane Waak, Live-Video-Produzentin mit vollem Körpereinsatz, die Lippen lasziv in Großaufnahme rot oder zeigt ein seidenbestrumpftes Bein. Handwerklich geschickt sind diese Live-Videos durchaus. Doch sie drängen sich immer wieder vor die Handlung und die Musik. Und man ertappt sich bei dem Wunsch, einfach mal ohne Bilderflut auskommen zu dürfen. Auch, weil sie arg didaktisch ist und uns alles unentwegt neu eintrichtert, was das alte Libretto ganz beiläufig vermittelt. Donizettis Opera Buffa liefert nicht nur wunderbare Musik, sondern auch eine tiefenpsychologische Studie.

So spielt der nicht nur gesanglich großartige Thomas Rettensteiner seinen Don Pasquale mit so witzig-variabler Körpersprache, dass wir in der Gemachtheit seiner Figur auch deren Zitathaftigkeit und sogar ihre Ironisierung erkennen. Auch Jardena Flückiger sticht nicht nur mit ihrem kräftigen Sopran, sondern auch mit ihrem ausgestellten Spiel hervor. So behaupten sich die Sänger-Darsteller durchaus im manchmal allzu aufdringlichen Video-Erklärungs-Konzept des Regisseurs. Und Orchester und Chor verdienen ebenfalls ein großes Lob: Musikalisch überzeugte der Abend völlig.

Don Pasquale
Opera buffa von Gaetano Donizetti
Libretto von Giovanni Domenico Ruffini und Gaetano Donizetti nach Angelo Anelli
Deutsche Fassung von Klaus Gehre
Regie: Klaus Gehre, Bühne: Klaus Gehre, Mai Gogishvili, Kostüme: Mai Gogishvilie, Chöre: Rustam Samedov, Dramaturgie: Stephanie Langenberg, Sascha Löschner, Animation Live-Film: Christiane Waak, Stephan Waak.
Mit: Thomas Rettensteiner, Alexandru Constantinescu, Joska Lehtinen, Jardena Flückiger, Valmar Saar/Alexej Trochin.
Dauer: 2 Stunden 25 Minuten, eine Pause

www.theater-vorpommern.de

 

Kritikenrundschau

Dietrich Pätzold von der Ostsee-Zeitung (3.5.2016) hatte Spaß an dem Abend. "Dirigent Florian Csizmadias (…) ließ Donizettis Musik reizvoll sprühen und lebhaften Buffo-Geist ausstrahlen – und erlaubte mit der fröhlichen Leichtigkeit der Rezitativ-Stile szenische Freiheiten." Bariton Rettensteiner und Sopranistin Jardena Flückinger würden sich neben ihren gesanglichen Qualitäten auch als komische Talenten erweisen. Regisseur Gehre hole die Geschichte unter Wahrung ihrer Grundstruktur mit gewitzten Details in die Gegenwart. "Die ganze Inszenierung erweist sich als schrilles Zusammentreffen verschiedener Kulturepochen (…): ein postmoderner Mix, in dem sich fremde Welten gleichen – und dabei kräftig schillern dürfen."

 
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