Göttin des Gewitzels

von Christian Rakow

Bochum, 28. April 2007. Wenn sich in einem schicken Studioappartement ein philosophierendes Quartett von Mitte 40-Jährigen bis auf den Zahnnerv reizt und enerviert, wenn dabei alle zehn Sekunden, wie von Zeitzündern gesteuert, Bonmots oder Minipointen durch den Raum schießen – und wenn dieses betont stilvolle Hauen und Stechen amüsant und doch von einem Hauch existenzieller Tragweite umweht daherkommt, dann wissen wir, wo wir wieder eingekehrt sind: bei unserer liebsten Business-Class-Dramatikerin Yasmina Reza.

Die 1959 geborene Pariserin hat mit Stücken wie "Kunst" (1994) oder "Drei Mal Leben" (2000) Klassiker des internationalen Gegenwartstheaters geschaffen, ein jedes mit dem Blick für die goldene Mitte des Publikumsgeschmacks, die etwa zwischen Boulevard-Klamotte und Kunstgeschichtsproseminar anzusiedeln ist. Mit "Gott des Gemetzels" aus dem Jahr 2006 meint es Reza noch eine Spur ernster als gehabt.

Oberflächlich betrachtet, treffen sich hier zwei gut situierte Ehepaare – Michel (Großhändler) und Véronique (Schriftstellerin), Alain (Anwalt) und Annette (Vermögensberaterin) –, um die Folgen eines Streits zwischen ihren Söhnen zu diskutieren, bei dem der eine zwei Zähne verloren hat. Bald aber kippen ihre Höflichkeiten ins Gereizte, dann ins offen Feindselige, und schließlich fallen die Paare ungezügelt wütend nicht nur über einander, sondern jeder einzelne auch über den eigenen Partner her. So weit, so slapstickhaft.

Das Herz der Finsternis in einer Pariser Citywohnung

Doch zeigt sich dieses Scharmützel mit maximaler Bedeutsamkeit ausgestattet: Mindestens die Brüchigkeit der Zivilisation, den stets schwelenden Krieg aller gegen alle, eben den "Gott des Gemetzels" sollen wir hier erkennen. Das Herz der Finsternis inmitten einer Pariser Citywohnung. Etwas absurd wird diese Überfrachtung, wenn wir erleben, wie die Figur des Alain das ganze Stück hindurch per Handy einen Pharmaskandal zu vertuschen versucht, und die Autorin im Programmheft dazu schwadroniert: "Das Handy spielt eine beachtliche Rolle – Weil die Geräte der Moderne die Barbarei zurückbringen. Mit einem Handy kann alle Welt bei uns eindringen und Schlimmes herein tragen." Der Credibility ihres Unternehmens hat dies scheinbar keinen Abbruch getan. Die Züricher Uraufführung von Jürgen Gosch aus dem Dezember letzten Jahres wird kommenden Monat beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein.

Darbietung mit Dezibel

Im Bochumer Schauspielhaus inszeniert jetzt der verdiente Schauspieler und seit letztem Jahr auch Regisseur Burghart Klaußner die deutsche Erstaufführung – und scheitert gründlich. Unbeweglich, tempoarm und verloren stehen die beiden Doppel auf der minimal nach vorn abfallenden weißen Teppichbühne (von Bernhard Siegl) oder sitzen gelegentlich in Korbsesseln: Michel (Felix Vörtler) witzelt hin und wieder friesisch herb, seine Véronique (Imogen Kogge) kommt hausbackener Weise ganz zu sich, wenn sie über Kuchenrezepte referiert. Die Gäste sind einen Tick moderner angelegt. Klaus Weiss als Alain rettet einiges durch seinen betont abgeklärten Auftritt mit Genießermine. Ulli Maier hingegen wirkt in er Rolle der etwas zart besaiteten Annette merkwürdig ausgebremst.

Gern gehen die Akteure den kalkulierten Binsenweisheiten auf den Leim, mit denen Yasmina Reza hier offensichtlich den Mittelstandsdiskurs desavouieren will – Kostprobe: "Man darf Opfer und Henker nicht verwechseln". Dabei pflücken sie mit Inbrunst jede einzelne Silbe aus dem Text. Etwas Fahrt gewinnt das Ganze, wenn ab der Hälfte des eineinhalbstündigen Abends einige Dezibel auf die Darbietung drauf gepackt werden. Auch die Lacher sitzen, nicht ganz im Zehnsekundentakt, doch immer noch regelmäßig, was mit warmem und ausgiebigem Schlussapplaus quittiert wird. Gottlob ist wenigstens Yasmina Rezas fein justierte Wort- und Situationskomik nicht kaputt zu kriegen.

 

Der Gott des Gemetzels
von Yasmina Reza
Regie: Burghart Klaußner, Bühne: Bernhard Siegl.
Mit: Imogen Kogge, Felix Vörtler, Klaus Weiss, Ulli Maier.

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Steffen Gerber wertet in der Westfalenpost (29.4.2007) den Umstand, "dass man ihre Stücke oberflächlich als Boulevardtheater oder tiefschürfend als globale Erkenntnis-Annäherung deuten kann", als Stärke der Dramatikerin Yasmina Reza. "Regisseur Burghart Klaußner verknüpft in seiner Bochumer Version vordergründige Klospülungsfragen, Erziehungs- und Eheprobleme mit dem Wechselspiel von Gewalt und Gegengewalt".

Jens Dirksen befindet in der NRZ (29.4.2007): "Ein eigenartiges Stück. Nach 90 Minuten voller Lacher, Schmunzler, Schenkelklopfer weiß man, was man hat an den Konfliktregeln der bürgerlichen Gesellschaft; man weiß aber auch: Wenn diese Regulative aussetzen, bekommt die Büchse der Pandora ein Loch." Souverän statten die Schauspieler ihre Figuren "mit Charakter und Widersprüchen" aus. Die Kostümbildnerin hat den Klassenunterschied zwischen Anlageberaterin und Metallwarenhändler schon in den Klamotten sichtbar gemacht, wie überhaupt die Inszenierung die kokette Rezasche Regieanweisung "kein Realismus" beiseite tut und gerade doch realistisch vor geht.

Andreas Wilink, Korrespondent der Frankfurter Rundschau (3.5.2007) im Westen schreibt: "Während in Zürich Jürgen Gosch kalt, nonchalant und scharfsinnig von der Außenposition das Eltern-Quartett mit unnachgiebiger Genauigkeit lenkt, begibt sich Coach Klaußner eher ins Getümmel. Er schraubt die Pointen eine Umdrehung weiter, forciert das Tempo, buchstabiert die Konfrontation aus, ohne sie schnöde zu zerlegen. Auch seine Inszenierung hat die Präzision, die das Stück braucht, um sich nicht auf Boulevard-Niveau abzusenken, und bändigt die vier bravourösen Entfesselungskünstler perfekt. ... Für das Schauspielhaus Bochum ist es ein Segen."

 

 
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