Happy End geht nicht 

von Georg Kasch

München, 28. April 2007. Schmal und kindlich stehen Ottokar und Agnes beieinander. Hinter ihnen hat sich endlich die Wand geteilt und zeigt einen lichten Himmel. Konfetti fällt. Während sie wechselseitig Verwandte verdächtigen und sich Vorhaltungen machen, sprechen ihre Hände eine ganz andere Sprache: Eben noch ineinanderliegend, wandern sie zu des anderen Gesicht, streicheln es sanft, ertasten, erspüren es. Zwischen diese beiden geht trotz eines blutigen Familienstreits kein Blatt Papier. Wenn ein Stück vor der Pause derart ein Happy End beschwört, ist der tragische Ausgang meist nicht weit.

Auch in Heinrich von Kleists Drama "Die Familie Schroffenstein": Zwei Linien einer Familie liegen im Clinch. Denn stirbt die eine aus, erbt die andere das Land. So wird jeder Tod auf der einen Seite der anderen als Mord in die Schuhe geschoben. Eine "Romeo und Julia"-Konstellation also, vor der sich die beiden letzten Familiensprößlinge ineinander verlieben und zwischen deren unerbittlich mahlenden Intrigensteinen sie schließlich zerrieben werden.

Familiäre Parallelwelten

Es ist der zweite Kleist innerhalb weniger Wochen, der an den Münchner Kammerspielen seine Premiere erlebt. Hatte man mit der Inszenierung seines letzten Dramas "Prinz Friedrich von Homburg" den altbewährten und Theatertreffen erprobten Johan Simons betraut, wählte man als Regisseur für dessen Erstling den gerne als "Geniewunderkind" apostrophierten Roger Vontobel. Seine Version des Kleistschen Jugenddramas zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass er die offensichtlichen Parallelen des Stückes – zwei sich bis in Details gleichende Familien richten einander mit Verve zugrunde - mit seiner Bühnenbildnerin Petra Winterer in klare Bilder fasst.

In der ersten Szene tafelt vorn das Haus Rossitz, hinten das Haus Warwand. Zwischen ihnen erhebt sich eine Betonwand, sich nur in der Mitte öffnend, um die zentrale Blickachse freizugeben. Eine Szene später hat sich lediglich die Anordung im Raum verkehrt:  jetzt sitzt Warwand vorne und Rossitz hinten. Beide trauern um ihre toten jüngsten Söhne. Und weil hier wirklich alles eine Entsprechung findet – selbst der Vermittler Jeronimus wird von beiden entfesselten Volksmengen vermöbelt – ist die barocke Zentralperspektive, ist die alles gleich teilende, später oft ganz geschlossene Betonmauer am Platz, auch wenn es keine weiteren Verweise darauf gibt, dass dieses Bild historisch oder politisch gedacht ist.

Rache und Krieg!

Politisch gedacht ist vielmehr der Charakter des Rupert, der Schlagworte wie "Rache" und "Krieg" brüllen darf und sich auch sonst als hart arbeitender Tyrann gibt. Durch radikale Streichungen werden Figuren wie er zu Klischees, gibt es die leisen Zweifel nicht mehr, die Möglichkeiten einer Umkehr, die die Geschichten erst zur Tragödie macht. Geradezu lustlos wird in der ersten Hälfte der Text absolviert, als wollte Vontobel endlich den langwierigen Intrigenkram hinter sich bringen, um zum Kern zu kommen. Da ist dann auch das großartige, am Ende zu recht bejubelte Ensemble aufgeschmissen. Es zieht sich. Und Kleists radikale Sprache mit ihrem Wortwitz, den ungeheuerlichen Pointierungen, ihrem augenöffnenden Wörtlichnehmen, bleibt jedes Glänzen versagt. Stattdessen gibt es plakative Videoeinspielungen mit einer Schroffensteinschen Gartenzwergidylle.

Gewaltfantasie mit Gartenzwerg

Doch dann bringt Vontobel eine weitere, altbewährte Parallelisierung ins Spiel: das Theater auf dem Theater. Statt einer Höhlenszenerie gibt es nur ein kleines Modell der Kammerspiel-Bühne, daneben zwei Hocker für Sebastian Webers Ottokar und Lena Lauzemius' Agnes, die hier beginnen, ihre Situation mit Playmobil-Figuren zu verhandeln. Das berührt und hat Witz. Eine Kamera projiziert das Geschehen auf die Betonwand. Als Oliver Mallisons Psycho-Johann hinzutritt, um sich seinen Anteil an der Liebe abzuholen, platzt plötzlich ein Gartenzwerg in die Szene und spielt seine Gewaltphantasien durch. Wenn nach der Pause Jochen Noch einen unglaublich blasierten, aalglatten Tyrannen gibt, der seine vermittelnde Frau gegen Wände rennen lässt, wenn die beiden Mütter verzweifelt nach ihren Kindern jagen und immer wieder durch die geöffneten Betonschotten hasten, wenn der Denk- und Erkenntnisprozess dem Jeronimus Paul Herwigs ins Gesicht geschrieben ist, entstehen Momente größter Unmittelbarkeit. Der Kern, auf den Vontobel hinauswill, ist die Überflüssigkeit dieses grausamen Konfliktes. Alles könnte so schön sein. Aber der Mensch, der ist nicht so.

Das Ende schließlich ist banal und kurz: Zügig und sehenden Auges bringen die beiden Väter das je eigene Kind mit dem Messer um. Es gibt keine Reue, kein Versöhnen, keine Vernunft. Auch ohne Nachfahren, so suggeriert Vontobel, wird dieser Kampf weitergehen bis zum letzten. Und der alte, traurige Großvater, der heimgeführt werden will, stößt gegen Beton, wenn Johann ihm diesen Wunsch verweigern muss: "Es geht nicht, Alter, es ist inwendig verriegelt." So hat Kleist doch noch das letzte Wort.

 

Die Familie Schroffenstein
von Heinrich von Kleist
Inszenierung: Roger Vontobel, Bühne: Petra Winterer, Kostüme: Dagmar Fabisch, Dramaturgie: Björn Bicker, Musik: Immanuel Heidrich, Video: Tobias Yves Zintel, Licht: Jan Haas.
Mit: Sebastian Weber, Lena Lauzemius, Oliver Mallison, Paul Herbig, Caroline Ebner, Jochen Noch, Annette Paulmann, Wolfgang Pregler, Jochen Striebeck.

www.residenztheater.de

Alles über Roger Vontobel auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Eben noch, siehe unsere Geschichte von der Ekeltheaterdebatte in gemein & nützlich, verlangte Christopher Schmidt gehobenen Realismus, jetzt beschwert er sich in der Süddeutschen Zeitung (30.4.2007), der Wahn bei Roger Vontobel sei zu milde. "Koma statt Amok" (hohoho), das "tollwütige Drama wird ins Kleinbürgerliche heruntergebrochen", die üblichen Klischees von der Familie als der Keimzelle alles Bösen wohlfeil bedient. Die "monströsen, abgründigen Figuren" werden verspießert ... kurzum: das war nüscht, eine Verharmlosung sondergleichen. Findet Schmidt. 

 
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