Die Luft ist heiß

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 3. Mai 2016. Immer wieder fällt mal ein Schuss in diesem "Diener zweier Herren", ins Leere freilich, von der einen oder anderen Scheibe abgesehen, die dabei zu Bruch geht. Christian Stückl hat Goldonis unverwüstliche Komödie von 1745 nicht in die unmittelbare Gegenwart, aber vielleicht in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts verlegt – die Mafia treibt irgendwo im Hintergrund ihr Unwesen, soweit eine Dramaturgie das zulässt, in der es eigentlich nur um drei Liebespaare, ein windiges Etablissement und einen durchgeknallten Dienstboten geht, dessen spontane Multifunktionalität in diesem Rahmen etwas riskanter erscheint als in der Vorlage (in der Truffaldino lediglich ab und zu etwas Prügel bezieht).

Die Colts rauchen, das Essen ist gut

Die Riege der Vorstände, von der Regie bis zur Dramaturgie, besteht ausschließlich aus Männern, trotzdem fällt einmal ein überraschendes, als Schmähung gemeintes Wort: "Frauentheater". Silvio, einer der frustrierten Heiratskandidaten des Stücks, murmelt es im Abgehen, was auch immer er darunter versteht, die Amme Smeraldina schnappt es auf, lässt es an der Rampe wiederholen und macht eine große Nummer draus, gipfelnd in der Ankündigung, "allen Ehebrechern die Schwänze abzuschneiden", was nur deswegen so komisch ist, weil die schmale Mavie Hörbiger in ihrem Gruftie-Aufzug alles andere als gefährlich aussieht – aber eine tolle Show ist es schon. Mit einem schlichten "Naja" kommentiert der Wirt Brighella den heißen Disput, bevor es in die Pause geht.

DienerzweierHerren3 560 Reinhard Werner Burgtheater uIrina Sulaver (Clarice), Sebastian Wendelin (Florindo), Christoph Radakovits (Silvio), Peter
Simonischek (Pantalone de'Bisognosi), Johann Adam Oest (Dottore Lombardi), Andrea Wenzl
(Beatrice), Mavie Hörbiger (Smeraldina), Hans Dieter Knebel (Brighella), Stefan Wieland (Ein Kellner)
© Reinhard Werner

"Naja", so könnte man den ganzen Abend überschreiben, letztlich geht es um wenig mehr als um heiße Luft, sinnlos rauchende Colts und gutes Essen, das allerdings auf höchstem schauspielerischen Niveau. Hörbigers fabelhafte Amme ist nur eine unter einer ganzen Reihe von Glanz-Partien; der Truffaldino des Markus Meyer natürlich an erster Stelle, biegsam und beweglich, wie es sich gehört, aber der Florindo des Sebastian Wendelin steht ihm nicht nach – gleich bei seinem ersten Auftritt betrinkt er sich fürstlich (oder fürchterlich), mit Grappa vermutlich, und stürzt seinen schäbigen Koffer herrlich slapstickmäßig vom Stuhl ins Unendliche seiner Gewissensnot.

Liebevoll veranstaltetes Schauspielerfest

Immerhin, das ist ja die Vorgeschichte, hat dieser Florindo einen Totschlag auf dem Gewissen, hat im fernen Turin (wir sind natürlich in Venedig!) den Bruder seiner Verlobten erschossen – man sieht es in der ersten stummen Szene des Abends –, was die ganze Verwechslungs- und Verkleidungschose erst in Gang bringt: Beatrice gibt sich als ihren leider toten Bruder aus, um den Geliebten zu finden. Gespielt wird sie famos von Andrea Wenzl mit hellblonder Perücke und rutschender Hose, ruppig, bräsig, dauerqualmend und immer hübsch auf Krawall gebürstet. In kleineren Rollen glänzen immerhin noch Peter Simonischek und Johann Adam Oest (Pantalone und Dottore).

Die von Stefan Hageneier bestückte Drehbühne zeigt zweimal die gleiche Ansicht eines Restaurants, mit kleinen Unterschieden im "Arrangement" (Truffaldinos Lieblingswort), was eine wunderbare Vorlage ist für die Haupt- und Staatsszene des Stücks, in der der Diener beide Herren gleichzeitig zufriedenstellen und dabei auch noch den eigenen notorischen Heißhunger bedenken muss: Die Bühne rotiert, die Schauspieler sitzen oder rennen, das Publikum quietscht (scheint's) vor Vergnügen. Da es sich um die Eröffnung der Ruhrfestspiele handelt, fehlen in der Textfassung nicht gelegentliche Anspielungen auf Tarifverträge etc., die den Bundespolit-Promis in der ersten Reihe so beiläufig serviert werden wie den Herren auf der Bühne ihre Minestrone oder Polenta, aber nie vergisst man, dass es sich hier um ein liebevoll veranstaltetes Schauspielerfest handelt, nicht ohne ein paar Längen, aber alles in allem unterhaltsam, kurzweilig und sehenswert genug, um Recklinghausen und den Rest der Welt in beste Mailaune zu versetzen.

Der Diener zweier Herren
von Carlo Goldoni
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Tom Wörndl, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Peter Simonischek, Irina Sulaver, Johann Adam Oest, Christoph Radakovits, Andrea Wenzl, Sebastian Wendelin, Hans Dieter Knebel, Marvie Hörbiger, Markus Meyer, Stefan Wieland.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Bernhard Doppler (aufgerufen 6.5.2016) vom Standard findet, für einen Regisseur sei Goldonis Stück oft "eine Gratwanderung zwischen allzu banalem infantilem Witz oder langweiliger Pädagogisierung". Christian Stückl bediene durchaus die klamaukigen derben Lazzi, lasse die Figuren überdrehen und hysterisch agieren. Heraus komme ein "großes Schauspielervergnügen". "Am eindrucksvollsten und mit Szenenapplaus belohnt zeigt Mavie Hörbiger als Kindermädchen Smeraldina eine Mischung zwischen Klischee und psychologischer Genauigkeit."

Dorothee Krings (aufgerufen 6.5.2016) von der Rheinischen Post lobt die Inszeniarung als "einen virtuos-spielfreudigen Auftakt" der Ruhrfestspiele. Stückl lasse volkstümlich, kernig aufspielen und könne sich auf ein Spitzen-Ensemble von der Burg verlassen. "Peter Simonischek ist trotz bizarrer Zahnprothese der vollendet-asige Patriarch. Andrea Wenzl als verkleidete Beatrice pafft Zigarren wie ein Mann. Heimlicher Star des Abends ist Mavie Hörbiger."

"Einerseits unterwürzt Stückl den Stoff bis zur Langeweile, dann wieder drückt der Bayer bis zur Schmerzgrenze auf die Zirkus-Tube." Nichts gehe zusammen, vieles daneben. "Und zu aller schweren Verdaulichkeit verzuckert die nochmals aktualisierte Textfassung Jürgen Flimms den Abend mit Witzen vom Kalauer-Kiosk", schreibt Lars von der Gönna (aufgerufen 6.5.2016) in Der Westen. Nur Markus Meyers Truffaldino begeistere "mit Kraft, mit Artistik, nie ohne Kunst". "Das ist TheaterChampagner – und bleibt doch aufs Ganze zu wenig in einem Ozean billigen Schaumweins."

Bei diesem Stück hätte man verloren, wenn man eines nicht täte: "die Komödie bedienen", erklärt Egbert Tholl (aufgerufen am  5.5.2016)  von der SZ. "Das freilich kann Stückl virtuos, auch wenn man manchmal das schwer zu begründende Gefühl hat, der Regisseur knirsche bei all den abenteuerlichen Volten des Textes mit den Zähnen." Seine Stückfassung sei grob und um aktuelle Anspielungen ergänzt, und er vertraue seinen Schauspielern. "Von dem Moment an, wo sich die Truppe in eine Horde frei galoppierender Wahnsinniger verwandelt, wird der Abend richtig gut." Der Abend mache Spaß und "rauscht durch den Kopf ohne weitere Folgen".

Dorothea Hülsmeier und Ulrich Fischer von der Welt (aufgerufen 6.5.2016) finden, Christian Stückl beweise, dass der Geist des Volkstheaters weiter lebendig sei. Mavie Hörbiger "rase" in einer Szene "so überzeugend, dass sie Szenenbeifall für sich verbuchen konnte". Schon die Maske Peter Simonischeks würde zum Lachen verführen. "Immer wieder überschritten Derbheiten und sexuelle Anzüglichkeiten die Grenzen des guten Geschmacks – wie es sich für saftiges Volkstheater gehört."

Dieser Abend "passt in die laufende Spielzeit wie der Parmesan auf die Pasta", schreibt Ronald Pohl nach der Wien-Premiere in Der Standard (23.5.2016). Sie gefalle sich schrecklich gut in ihrer etwas selbstverliebten Derbheit. Sie biete phasenweise aber auch grandiosen Spaß. "Unterm Strich kann man mit diesem Goldoni aus dem Geist der Depression ganz gut leben", so Pohl. "Er zeigt ein konkurrenzloses Ensemble am Werk. Nächstes Jahr dürfen es dann auch wieder Antikenstücke und andere Bedeutsamkeiten sein."

Peter Kümmel konzentriert sich in der Zeit (25.5.2016) ganz auf Peter Simonitschek, der als Hauptdarsteller in Maren Ades Film "Toni Erdmann" zeitgleich mit der Wien-Premiere auf einen Preis in Cannes hoffen konnte. Simonitschek spiele nun den Pantalone "mit exakt den falschen Zähnen, die er in Toni Erdmann benutzt". Erstaunlich sei es, "wie verschieden dieser Mann mit demselben Gebiss grinsen kann". Pantalone sei "Toni Erdmanns geistig schlichterer, nervlich stabilerer, geschäftstüchtigerer Bruder. Dieselbe Zahnstellung, aber komplementäre Geister. Die beiden, so steht zu vermuten, könnten einander retten. Es wäre ein nächster, herrlicher Welttheater-Coup des großen Komödianten Peter Simonischek, sie beide in einem Stück, in einer Doppelrolle, zusammenzubringen."

 
Kommentar schreiben