Die müssen weg hier!

von Marcus Hladek

Mainz, 7. Mai 2016. Auch ’ne Variante für den Showdown: Bei Shakespeare tötet Macduff seit 410 Jahren den Königsmörder Macbeth, und König Duncans Sohn Malcolm tritt das Thronerbe an. Nicht so bei Jan-Christoph Gockel. In seinem "Macbeth" verliert Macduff mittendrin die Lust am Macbeth-Killen, merzt zunächst lieber Duncans Söhne (seine Verbündeten) aus und gibt erst dann Macbeth den Rest. Dann weist er die einladende Geste der Hexen auf den Thron zurück und – erschießt sich.

Bäumchen, Eisblock, Müllsäcke

Nicht alles, aber vieles in drei Stunden Spieldauer läuft auf diese Öko-Wunscherfüllung hinaus, begleitet übrigens von der je nachdem unaufdringlich-geräuschhaften, kakophonen Musik Matthias Grübels. Auf der Vorbühne stehen bis zuletzt ein Bäumchen, das als Wald von Birnam gerupft werden wird, und ein schmelzender Eisblock.

Macbeth10 560 Bettina Mueller uShowdown zwischen Mülltüten und Ölfässern: Henner Momanns Macduff und Johannes Schmidts Macbeth © Bettina Müller

Noch massiver bringt Julia Kurzwegs Szenerie das Öko-Thema auf der Hauptbühne ins Spiel. Hohe schwarze Betonwände mit Teerresten bilden eine Art Kanal, der an Kläranlagen, Müllverbrennung und ein Leben im Müll denken lässt. Ein Gestänge hinten hält Berge schwarzer Müllsäcke zurück, Bett und Thron stehen im Entsorgungs-Waste-Land. Nach der Pause rückt uns das Müllsackmeer hinterm Rost fast bis zur Rampe auf die Pelle und kippt leicht in die Schräge, auf der die Inszenierung zur Kletterpartie wird.

So trieben es die Königsleut'

Sophie du Vinage setzt bei den Kostümen viel auf Tierpelz an Anzügen und Jacken, bei den Greenpeace-Hexen auf Mülltüten-Look, rosa Kleidchen, Tütüröckchen (einmal dürfen sie Besen schwingen). Maskiert springen sie als Vergewaltigungsopfer im Gesinde ein oder als erschossene Diener, ohne aufzuhören, die Hexen zu sein.

Macbeth9 560 Bettina Mueller uMit Zombi-Kitz und Hexen: Johannes Schmidts Macbeth und Anna Steffens' Lady (hinten: Michael Pietsch, Leoni Schulz, Anika-Baumann) © Bettina Müller

Zum Königsornat, der vom mafiosen alten Sack Duncan (Murat Yeginer) an den anfangs so Bruce-Willis-haft agilen Glatzkopf in Tarn-Schwarz Macbeth (Johannes Schmidt) übergeht, zählt ein Mantel aus Eisbärfell. Lady Macbeth (Anna Steffens) trägt als Gastgeberin der unsportiv bebrillten Königs Highheels, Leopardenfellmuster, schwarze Strümpfe, sonst Glitzerjackett, Pelzrock oder nur Unterwäsche. Vor der Nachtruhe und dem Mord dichtet Gockel ihnen allen einen feudalen Gangbang im Rotlichtgeknatter miteinander und mit Mägden an.

Michael Pietschs Tierpuppen strahlen, anders als die rührend gemachten und intonierten Kinderpuppen, einen "Psycho"-Effekt aus (die Vogelattacke auf uns passt dazu), weil die Marionetten aus Tierpräparaten zu sein scheinen und ihre erbosten Laute aus dem Off das Unheimliche verstärken. Gockel ordnet sie den Hexen zu: den Fuchs (und Hekate) Anika Baumann, den Raben Michael Pietsch (er führt auch die Puppen-Söhne), Leoni Schulz, neben der Rolle als Lady Macduff, das Rehkitz, das zeitweise zu einer Art Zombie-Bambi mutiert.

Was steht auf der Haben-Seite?

Ob Shakespeare, der "unterschätzteste Dichter der Welt" (Stephen Booth), die Lesarten Gockels und seiner Dramaturgin Patricia Nickel-Dönicke hergibt? Ansätze zumindest gibt es in der Metaphorik und den Natur-Vorbedeutungen. Mit seiner späten Tragödie "Macbeth" war Shakespeare zeitlich ohnehin auf dem Weg in die Romanzen, wo regelmäßig Wunderbares den Tragödienschluss verhindert. Hielt Gockel "Macbeth" nicht aus und trieb ihn darum in die Öko-Romanze? Egal; dieser Kritiker bremst auch für Tierschützer. Schließlich wird trotz der Öko-Verlinkung auch das Stück erzählt, werden Figuren entwickelt. Daniel Friedls Malcolm zum Beispiel ist ein Nerd-haft schlaues Bübchen und stilles Wasser, Lorenz Klee wirft sein ganzes Gewicht in die Waagschale, um Donalbain mit rutschender Hose als Energiebündel zu zeigen. Und Schmidts Wandelbarkeit als Macbeth, sein Gespür für jähe Grausamkeit und abgründige Verstellung in der Macht machen ihn zum Pfund der Inszenierung.

Wichtiger als die Striche an Angela Schanelecs Übersetzung (noch für Jürgen Gosch) sind die Hinzufügungen, nach der Sex-Fantasie im 2. Akt vor allem im 4. Da fragen die Hexen ganz öko-gläubig, was noch "auf der Habenseite der Menschheit" stehe, rutschen verbal in den Telegrammstil ("Stichwort Bienensterben") und setzen, als Naturkräfte, ein Maximalprogramm: "Die müssen weg hier, die Menschen!"

 

Macbeth
von William Shakespeare. Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Sophie du Vinage, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke, Puppen: Michael Pietsch, Musik: Matthias Grübel.
Mit: Murat Yeginer, Lorenz Klee, Daniel Friedl, Johannes Schmidt, Matthias Lamp, Henner Momann, Anna Steffens, Anika Baumann, Michael Pietsch, Leoni Schulz.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

"Es sind erfreulicherweise nur wenige Stellen, an denen das Ökodrama sich derart in den Vordergrund drängt, dass es banal zu werden droht", schreibt Eva-Maria Magel im Lokalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.5.2016). Die Bilder stammten ganz und gar aus Shakespeares Text. "Die Spannung, das Grausame, von den Tierfiguren verlängert, intensiviert und betont von einem Soundtrack, der bisweilen allzu arg an Hollywood-Historienschinken erinnert (Matthias Grübel), kann so immer wieder neu Fahrt aufnehmen. Entschleunigung und Tempo, auch satirische Einsprengsel sind, samt einer überflüssigen Filmsequenz, zu drei Stunden Spieldauer komponiert."

Macbeth sei hier ein Getriebener, der zwar Skrupel empfinde, sich aber selbst zur Tat entscheide, so Andrea Pollmeier in der Frankfurter Rundschau (9.5.2016). "Sinnbild dieser Selbstverantwortung ist die zunehmende Verschmutzung der Welt." Die Welt der Mächtige erscheine zunehmend sinnlos.

Dank der Hilfe von Puppenspieler Michael Pietsch würden die Hexen zu Hütern einer Natur, "wie sie auf dieser von Krieg rasierten Macbeth-Erde schon lange nicht mehr gedultet ist", schreibt Jens Frederiksen in der Allgemeinen Zeitung / Wiesbadener Kurier (9.5.2016). An Abwechslung herrsche im Verlauf des Abends kein Mangel. "Aber vieles geht auch unsortiert drunter und drüber. Die schönsten Momente gehören sowieso den Puppen."

 

 

 
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