Was ist los auf dem Theatertreffen?

von Anne Peter (unter tatkräftiger Zuarbeit der Redaktion und der Crowd – vielen Dank!)

(Dieser Liveblog wird sukzessive aktualisiert – letztes Update: 23.5., 23:02)

 

Eröffnung mit "Schiff der Träume" | "Väter & Söhne" + "Tyrannis" | "Volksfeind" + "der die mann" | Stückemarkt-Eröffnung + "The Situation" | "John Gabriel Borkman" + Party mit Lars Eidinger | Theaterpreis Berlin + 3sat-Preis | "Stolpersteine Staatstheater" | Stückemarkt-Pitch + "Mittelreich" | "Effi Briest" | Schauspiel-Diskussion und Jury-Schlussdebatte | Alfred-Kerr-Darstellerpreis

 

Alfred-Kerr-Darstellerpreis

22. Mai 2016. Heute geht das Theatertreffen zu Ende. Um 13 Uhr ist feierliche Alfred-Kerr-Darstellerpreis-Verleihung. Zu Beginn spricht, wie jedes Jahr, Kerr-Stiftungs-Präsident (und ehemals Theaterkritiker-Feuilletonchef-Intendant) Günther Rühle und hat, wie jedes Jahr, nicht unbedingt Positives über das beim TT gezeigte Theater zu sagen: Statt "Effi Briest" hätte man genauso gut auch Rosamunde Pilcher als Radioshow machen können, protokolliert der TT-Blog. Der vernehmbare Teil des anwesenden Publikums murrt ob abweichender Meinung. Alles scheint wie immer.

Der mit 5000 Euro dotierte Alfred-Kerr-Preis geht, so hat Alleinjurorin Maren Eggert entschieden, an "Väter und Söhne"-Protagonist Marcel Kohler – dafür, "wie zugewandt" sein Spiel ist, wie "gänzlich unkorrupt und dadurch: jung. Er will einfach nur seine Figur verteidigen." Eggert hat sich selbst im Vorfeld, wie sie in ihrer Laudatio sagt, Naivität verordnet: "Ich habe niemanden gegoogelt und keinerlei Vorauswahl getroffen oder Ähnliches." Sie würdigt zunächst einige Nichtausgezeichnete (die "bis aufs Blut entschlossenen Kollegen" in "der die mann", Josefine Israel in "Schiff der Träume", Dimitrij Schaad in "The Situation"). Dann beschreibt sie, wie sie Marcel Kohler begegnet, wie sie "ganz langsam im Laufe des vier Stunden andauernden Abends auf ihn aufmerksam" wird. Ein Abend wohlgemerkt, den sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zum ersten Mal gesehen hat. Gehört Eggert doch – und das ist der Haken an der Sache (für den der Preisträger gar nichts kann) – wie Kohler zum Ensemble des Deutschen Theaters Berlin. Was die Wahl, so verdient sie sein mag, ziemlich unglücklich aussehen lässt. Vielleicht beruft die Kerr-Stiftung beim nächsten Mal doch besser eine*n Juror*in, der/die nicht in die Bredouille kommt, über die eigenen Teamkolleg*innen entscheiden zu müssen?

 

Im Rahmenprogramm läuft an den beiden letzten Tagen auch noch Hideous (Wo)men von Susanne Kennedy (Neuentdeckung 2014, Wiedereingeladene 2015), das stimmungstechnisch noch mal einen Kontrapunkt zum "hübschen Quatsch-Abschluss" mit der Briest'schen Radioshow setzt:

 

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Schauspiel-Diskussion + Jury-Schlussdebatte

21. Mai 2016. Geht man von der Betwitterung aus, findet am vorletzten Theatertreffen-Tag unter dem Titel Wovon wir sprechen, wenn wir vom Schauspielen sprechen eine der bonmotreichsten Diskussionen im prall gefüllten Diskurs-Rahmenprogramm des Festivals statt (hier nachhörbar). Mit dabei die Regisseur*innen Daniela Löffner, Anna-Sophie Mahler, Ersan Mondtag und Herbert Fritsch (einziger Oldie unter den TT-Debütant*innen). Fritsch offenbart das Geheimnis seines Schaffens: "Ich inszenier da was für mich, und dann stellt sich heraus, dass das Andere auch mögen." Seine Rolle dabei: die des Idioten – es sei "sehr produktiv, so völlig dämlich in ein Stück hineinzurutschen." Vor der Leseprobe schon mal reinschnuppern? Eher nö, das "ist halt so anstrengend". Während für Fritsch der Schauspieler "das Zentrum des Theaters" ist, ist er für den jungen Kollegen eher ein Rädchen unter anderen ...

Für Ersan Mondtag, der ganz in der Rolle des Provokateurs aufzugehen scheint, "gibt es den 'Schauspieler' nicht, sondern nur eine Person, die auf der Bühne etwas kann." Ein Schauspieler müsse "bereit sein, sich aufzulösen", und er "arbeite schon lieber mit Kate Strong als mit irgendeiner Beamten-Schauspielerin". Mannomann. Es geht ein Raunen durchs Publikum. Entspannungsmomente hingegen mit "Väter und Söhne"-Hervorbringerin Löffner: Sie möchte ihren Figuren mit Empathie begegnen – auch den Arschlöchern. Ihrer Definition nach ist Schauspiel "Begegnung mit der Biografie einer anderen Person als der eigenen."

 

Jurydebatte 280 sle uDie TT-Jury bei der Schlussdiskussion © sleUm 18 Uhr geht's dann zur traditionellen Jury-Schlussdebatte, die nachtkritik.de per Livestream ins Netz sendet (und deren Details in dieser Tweet-Sammlung nachzulesen sind). Es war, so viel wird schnell klar, definitiv kein leichtes Jahr für die Jury, die in ihren Diskussionen immer wieder zwischen die Fronten von Realität und Kunst geriet: Tausende nach Europa flüchtende Menschen, Terroranschläge in Paris und Brüssel, erstarkender Rechtsextremismus, AfD, Pegida und Co. Was macht all das mit dem Theater? Und wie verhält sich das Best-Of-Festival dazu? nachtkritik-Redakteurin Esther Slevogt erlebt im TT-Camp in der Kassenhalle einen entsprechend "recht bewegenden und bewegten Werkstattbericht", aufflammende Leidenschaft auch beim Stichwort Castorf-vs.-Dercon, kleine Hahnenkämpfe zwischen den Juroren und die üblichen Scharmützel zwischen den Stipendiaten des Internationalen Forums und der Jury.

Die Contra-Argumente (von Briegleb und Laudenbach) gegen die umstrittene "Schiff"-Inszenierung werden aus Gründen der Höflichkeit leider nicht auf den Tisch gepackt – so viel Werkstatt-Einblick soll dann doch nicht sein. Auch das unvermeidliche Provinz-Bashing (Kassel! Mittelklassehotels in Straßen namens Wolfsschlucht!) bleibt nicht aus. Die Forderung aus dem Publikum nach mehr Diversität – konkret: nach Juror*innen mit anderem als biodeutschem Hintergrund – bleibt am Ende weitgehend undiskutiert.

Dabei wäre es die Kritik einer Forumsteilnehmerin an der stereotypen Besetzung nicht-weißer Schauspieler*innen in den ersten drei TT-Inszenierungen ("Schiff der Träume" – Flüchtlinge, "Väter & Söhne" – zwei Mal Diener, "Tyrannis" – die Fremde) wert gewesen. Immerhin: Der nächste Jury-Jahrgang ist im Schnitt deutlich jünger und weiblicher (nur Briegleb und Reuter bleiben noch ein Jahr). Und in der Schlussrunde durften sich die scheidenden Juror*innen von ihren Ablöse-Kolleg*innen auch noch was Feines wünschen:

Im Anschluss wird am selben Ort das in der regulären Spielzeit nicht von dramatischen Höhepunkten gespickte DFB-Pokal-Finale Bayern gegen Dortmund übertragen, das aber – des Kolumnisten Einschätzung zum Trotz – zumindest hier und heute nur ein kleines Häuflein interessiert. Die Jury plauscht lieber im Festspielgarten weiter, während andere noch zur "Effi"-Vorstellung auf der Seitenbühne abbiegen. Die wird wieder amüsiert betrampelt und beim heiteren Hinausschlendern geht auf dem Smartphone die Push-Nachricht ein, dass Bayern im Elfmeterschießen schließlich doch noch gewonnen hat. Pep Guardiola (letztes Spiel als Bayern-Trainer!) soll geweint haben.

 

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TT-Gastspiel "Effi Briest"

20. Mai 2016. Zielgerade. Am Morgen finden erste Spekulationen im Hinblick auf die sonntägliche Alfred-Kerr-Darstellerpreis-Verkündung statt (es fallen die Namen Marcel Kohler und Dimitrij Schaad):

Am Abend steigt mit Effi Briest die letzte der zehn TT-"bemerkenswert"-Premieren. Und endlich, kurz vor Schluss, löst sich ein, was eigentlich alljährliches (und irgendwie liebgewonnenes) Ritual ist: Claus Peymann verlässt den Saal nach knapp der Hälfte, allerdings ohne Türenknallen – dafür mit präzisem Timing: als nämlich auf der Bühne gerade Weihnachten gefeiert wird. Der von ihm vor einem guten Jahr als "größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts" und "nettes, weißes Hemd" betitelte Kulturstaatssekretär Tim Renner ist auch da, bleibt auch funktionsgemäß bis zum Schluss. Das Publikum jubelt und trampelt.

Effi TT 560 Lilly MerckApplaus, Jubel, Getrampel gab's für Clemens Sienknechts / Barbara Bürks "Effi". © Lilly Merck

"Selbst draußen beim rauchen" hört TT-Blogger Xaver von Cranach "die immer wieder aufwallenden begeisterungsstürme der effi fans bei der preisverleihung". "Danke für euren warmen Applaus. Dafür spielen wir", sagt Co-Regisseur Clemens Sienknecht, über den man nebenbei erfährt, dass er eigentlich Sportlehrer werden wollte und mit Co-Regisseurin Barbara Bürk verheiratet ist, bei Entgegennahme der schmelzgefährdeten Trophäe.

 

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Stückemarkt-Pitch + TT-Gastspiel "Mittelreich"

18. Mai 2016. Heute großes Stückemarkt-Finale mit livegestreamtem "Pitch", einer Art in diesem Jahr neu erfundenen Autor*innen-Selbstanpreisungs-Battle-Format (wo man ab 20:30 mitgucken und "voten" kann). Also, Autor*innen, ab in die Arena...! Stückemarkt-Jurorin Kathrin Röggla hat dafür vorab eine wenig schmeichelhafte Analogie parat:

Röggla ist am Abend dann auch eine der vier "Publikums-Berater*innen", die das (innerhalb von je zehn Minuten) Gepitchte kommentieren und den Pitchenden Fragen stellen dürfen. Nachtkritiker Michael Wolf beobachtet, wie diese Fragen ob der vorzugsweise wellmadeplay-aversen ("Nach siebzig Minuten: Erstmals Dialoge", twittert @mitnichten) und nicht eben plattitüdenfreien Projektvorstellungen immer hilfloser (und lustiger) werden. "How will you create a black hole on the stage?", fragt Kay Voges, der das Ganze als kooperierender Dortmunder Intendant schließlich im nächsten Jahr als Uraufführung an seinem Haus zu realisieren versprochen hat. Tja, nach dem kollektiv herbeigevoteten Sieg des Duos Kolenc / Tutta muss er sich dabei nun tatsächlich mit schwarzen Löchern und Paranoia herumschlagen. Good luck!

In Richtung Dramatikerin Anne Rabe kann übrigens Entwarnung gegeben werden: Kollegin und frischgebackene Heidelberger-Stückemarkt-Preisträgerin Maria Milisavljevic mag sich zwar mit dem Format auch nicht recht "anfreunden", aber "na ja, so schlimm fand ich's nicht". Und von #GNTM war das alles sowieso denkbar weit entfernt. Da kann Volksbühnen-Schauspieler Maximilian Brauer als Moderator noch so sehr hyperaktiv herumwitzeln – für wahren Glamour- und Läster-Faktor reicht's einfach nicht. Heidi Klum, bitte übernehmen Sie! Womöglich werden die Dramatiker*innen dieser Stückemarkt-Welt sonst auf ewig von der Entdramatisierungssonne des großen Meisters René Pollesch überstrahlt ...

 

Ein bisschen schade, dass die Festspiele dem Pitching selbst Konkurrenz machen – indem zeitgleich im Deutschen Theater die TT-Premiere von Anna-Sophie Mahlers Bierbichler-Vermusiktheaterung Mittelreich angesetzt ist. Am Ende wird lange applaudiert, das einzelne Buh kommt spät und zaghaft. Nicht alle Zuschauer haben es allerdings vermocht, bei der Stange zu bleiben, ein paar entfleuchen in der Pause. Ein Fehler, findet nachtkritik-Redakteur Georg Kasch im Videoblog, funktioniere das Amalgam aus Roman, Musik und "wunderbaren Schauspielern" in der zweiten Hälfte doch noch mal viel besser. Wünsche man sich eine Umsetzung des Romans, so sei der Abend gescheitert, als Musiktheater, das die Verwandlung ins Zentrum stellt, hat er Kasch hingegen "extrem berührt" und "mitgerissen".

Bierbichlers Buch sollte nach diesem Gastspiel jedenfalls noch mal reißenden Absatz finden:

Anders als die Berliner Kritik, die den Abend als etwas kraftlos und "wie durch den Entsafter gezogen" empfindet, fühlt Nachtkritiker Wolfgang Behrens sich "auf durchaus berührende Art mit hineingenommen" und legt sich den Roman ebenfalls neu auf den To-read-Stapel. Und das, obwohl er im Vorfeld ob des Fußball-inkompatiblen Timings heftig geseufzt hatte: "Unter normalen Umständen würde ich da am Fernseher kleben, eine Flasche Bier in der Hand, und laut 'Trust in Klopp' brüllen. Tatsächlich aber werde ich irgendeine Vorstellung des Theatertreffens abhocken." Für Jürgen Klopp hatte der Mangel an all den durchs Theatertreffen abgezogenen Unterstützern bekanntermaßen desaströse Folgen. 

 

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TT-Gastspiel "Stolpersteine Staatstheater"

16. Mai 2016. Bei Stolpersteine Staatstheater von Hans-Werner Kroesinger gibt's das gewohnte Schwarzbrot des Theaters: eine lehrreiche und detaillierte Aktenschau zur Personalpolitik des Karlsruher Staatstheaters im Dritten Reich. Dazu kann man die Bandscheiben der Zuschauer singen hören – jedenfalls, wenn man's nicht auf eine der beiden schmalen Seitsitztribünen geschafft hat. 1,5 Stunden auf faltbaren Pappkartonhockern an einem etwas zu hohen Tisch, über den die Zuschauerköpfe gerade so drüber lugen (nicht wenige geben der Versuchung nach, die Köpfe gen Tischplatte sinken zu lassen). Diese Pappkartonhocker sind übrigens gerade en vogue. Bei Matthias Matschke in Leipzig sei er jüngst fast mit einem dieser Hocker zusammengekracht, berichtet Kollege Christian Rakow. Er sitzt beim TT entsprechend achtsam und unhibbelig. Ganz wie zu Schulzeiten.

Twitter Kroesinger

Video-(Nacht)Kritikerin Sophie Diesselhorst fand die Parallelbezüge zu Pegida, AfD und Co. zwar etwas "zu didaktisch" gesetzt, war aber doch beeindruckt von der nachdenklichen "Konzentration auf die Recherche", die "auf altmodische Weise sehr inhaltistisch" wirkte. Sie findet's gut, dass Kroesinger, "der als Blinde-Flecken-Sucher und ... Avantgardist des Dokumentartheaters seit Jahrzehnten schon bemerkenswerte Arbeit leistet", endlich mal zum Theatertreffen geladen wurde."

 

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Theaterpreis Berlin + 3sat-Preis 

15. Mai 2016. Am Sonntag Mittag, bei der Verleihung des Berliner Theaterpreis an die Gorki-Macher Shermin Langhoff und Jens Hillje (jetzt um 20.000 Euro beschenkt), lobt der beratend mitjurierende Thomas Oberender: "Ihr habt umformatiert, was man Stadttheater nennt." Sasha Marianna Salzmann spricht über den Zusammenhang von Vibratoren und Migranten und Yael Ronen rät, beim Schreiben nicht zu rauchen – because "you don't get it when you don't". Alles klar?

 

Am Abend noch einmal Ovationen für Herbert Fritsch und seine Artisten für der die mann in der Volksbühne. In seiner Laudatio auf Fritsch anlässlich der Überreichung des 3sat-Preises beim Theatertreffen nennt der scheidende TT- und 3sat-Preis-Juror Andreas Wilink den Regiemeister einen "großen Pan", einen "freundlichen Apostaten" (Abtrünnigen). Er denkt darüber nach, inwiefern Fritschs Theater ein Gegenmodell sein könne zum "Regie-Absolutismus"; er habe die "moralische Anstalt radikal aufgeräumt" und Glückshormone ausgeschüttet. Fritsch dankt, warnt vor der TTIPisierung der deutschen Theaterlandschaft und trauert angesichts des bevorstehenden Abschieds von der "wunderbaren" Volksbühne: "Wir haben unsere Heimat verloren hier an dem Haus, gestatten Sie mir bitte, dass ich traurig bin." 

 

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TT-Gastspiel "John Gabriel Borkman" + Party mit Lars Eidinger

14. Mai 2016. Wer am Samstagabend vorm Haus der Berliner Festspiele eintrudelt, wird nicht nur von einigen "Suche Karte"-Schild-Haltern empfangen, sondern auch vom skandierten Studierenden-Protest der Filmschauspielschule Berlin, deren Schulräume vom Vermieter GSG Berlin zu Ende Juni gekündigt wurden: "Die Spekulanten und großen Banken spielen mit Geld und Rang / Mietexplosionen, Gentrifizierung sind unser Untergang!". Thematisch nicht unpassend – wenig später lässt Martin Wuttke drinnen im Saal den sich verspekuliert habenden Ex-Banker Borkman mit überschnappender Stimme "Geld muss man machen, nicht verdienen!" rufen.

Die Assoziationen der twitternden Kritiker*innen zum zottelperückten Titelhelden von Simon Stones pointenprasselnder Ibsen-Überschreibung John Gabriel Borkman reichen von Rumpelstilzchen bis Mickey Rourke. (Was er da eigentlich auf der Bühne tut, wie der Körper spricht, was nicht für Worte reicht, beschreibt Wuttke selbst in diesem wirklich sehr schönen "entre nous"-Gespräch mit Schauspielkollegin Wiebke Puls.) Birgit Minichmayr hat mit ihrer schreckschraubigen Gunhild am späten Nachmittag übrigens schon beinahe den Betrieb bei Starbucks am Potsdamer Platz lahmgelegt, wo "Borkman" von 3sat für Liegestuhl-Gucker gestreamt wurde:

Das Publikum des Live-Events in der Schaperstraße feiert das grandios aufspielende Dreamteam Wuttke-Minichmayr-Peters, das ihm beim Katrin-Brack-Schnee-Aufwirbeln ordentlich Zucker gegeben hat, mit Szenenapplaus, Großjubel, stehenden Ovationen. Ein einzelner Buhrufer wird von den Wogen der Begeisterung rasch überschwappt. Bei nachtkritik-Redakteur Wolfgang Behrens hinterlässt die Tollschauspieler-Chose allerdings "keinen Schmerz", verursacht "keinen Erkenntnissprung" und "keine wirkliche ästhetische Erfahrung". Er hätte die Schauspieler viel lieber Pollesch-Sätze sprechen hören – so wie Martin Wuttke in seinem "Ich bin das Projekt!"-Moment. Dramatikerin Anne Rabe hadert mit sich und dem Gesehenen:

Großer Andrang bei der Trophäenübergabe im Oberen Festspielfoyer, bei der Simone Stone froh ist, für Muttern etwas Handfestes mit nach Hause nehmen zu können – die stalkt ihn schließlich schon die ganze Zeit auf Twitter. Da sage noch einer, die Facebook-Freundschaft zwischen Ella und Erhart wirke irgendwie ausgedacht. Der "australische Amateur" (Selbstbezeichnung Stone) ist den Schauspieler*innen überschwänglich dafür dankbar, dass sie ihn nicht nach den ersten Proben sitzen ließen. Er hatte nämlich gerade mal 15 Seiten seiner Textfassung vorzuweisen – die von den Spieler*innen im Entstehungsprozess dann auch immer wieder ordentlich umgeschrieben wurde. Da kann der Dramaturg schon mal fragen "Simon, schaffen wir das?", und der Gefragte sagt "Ja, natürlich!", geht nach Hause und heult. Dass die Schauspiel-Crew sich ihre abermals buzzwordgesättigten Jetzt-Zeit-Pointen offenbar allesamt selbst auf den Leib gedichtet hat, erklärt vielleicht, warum sie (anders als bei Dath) wirklich auch wie angegossen sitzen. Nicht so fest sitzt Stones aus Eis gegossene Vergänglichkeitstrophäe (oh, Theater, flüchtige Kunstform!) auf ihrem Fundament und trennt sich schon gegen Mitternacht vom Sockel. Was wird nur Mama dazu sagen?

Klar ist jedenfalls, was Schauspielkollege und Minichmayr-Ex-Filmpartner Lars Eidinger (das war in Maren Ades "Alle anderen") zum "Borkman" sagt: "Ganz schlimm!" Offenbar ist ihm die Sache nicht werktreu (?) genug ...

 

Wenig später wechselt Lars Eidinger auf der Festspielhaus-Hinterbühne aus der Rolle des Kritikers wieder in die des, nein, nicht des Schauspielers, sondern des "Autistic Disco"-Machers. It's Groupie-Time! DJ Lars is in the house! Dafür steht draußen ein erkleckliches Häufchen mutmaßlicher Nicht-Theatertreffen-Gänger in der Schlange. Und, kleiner Trost, die Schaubühne ist – nachdem die Jury um "Fear" und "Richard III" lieber einen Bogen machte – doch noch irgendwie beim Theatertreffen dabei. Um 1.57 Uhr protokollieren die TT-Blogger einen dollen Special Effect: "Eidinger hat gerade eine Konfetti-Kanone zwischen seinen Beinen abgefeuert. An der Schaubühne ist sowas 4 Wochen vorher ausverkauft."

 

 

Ein von Anna Stumpf (@anna_stumpf_) gepostetes Foto am 14. Mai 2016 um 17:43 Uhr

 

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Stückemarkt-Eröffnung + TT-Gastspiel "The Situation"

13. Mai 2016. Am Nachmittag startet der Theatertreffen-Stückemarkt und das TT-Blog twittert dankenswerterweise ein Zitate-Best-Off von der Eröffnungsveranstaltung raus. "Es muss partizipativer werden", sagt Thomas Oberender zu Beginn. Stückemarkt-Leiterin Christina Zintl seufzt über ihre humorbefreiten Jurykolleg*innen: "Mit meinen Vorschlägen Richtung Satire bin ich nicht durchgekommen." Könnte an der Zeit liegen, in der da geschrieben wird. Juror Hans-Werner Kroesinger jedenfalls ist überzeugt: "Wenn die Zeiten härter werden, werden die Texte interessanter." Letztjahres-Juror Milo Rau meint (via Video-Impuls), "dass in jeder politischen Haltung ein Gutteil Stalinismus steckt." Ex-Werkauftrags-Gewinner Philipp Löhle stellt noch mal klar, was seine Schreib-Motivation (nicht) ist: "Ich schreibe nicht Stücke, um Geld zu verdienen. Dann wäre es ja ein Beruf." Kroesinger enthüllt noch, dass die Jury "bei der Auswahl egoistisch und subjektiv vorgegangen" ist – entscheidend war, "was uns selbst am besten gefällt".

Um diese Diskussion herum gehen drei Vorstellungen des mutmaßlichen Stückemarkt-Aufregers TRANS- (von two-women-machine-show & Jonathan Bonnici aus Dänemark) über die Bühne: Nachtkritiker Michael Isenberg hält ihn für einen "der radikalsten und aufregendsten Beiträge des Festivals". Patrick Wildermann winkt im Tagesspiegel angesichts dieser "immersive art"-Performance gelangweilt ab. Und Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung hält "TRANS-" gar für "unrettbar": "Blickumkehrung, ja, aber Machtstrukturen legten sich darin nicht frei." Wirklich vielversprechende Alternativ-Kandidaten haben weder Wildermann noch Meierhenrich gesichtet.

 

Am Abend ist außerdem TT-Premiere von Yael Ronens Integrations-Deutschkurs-Dokufiktion The Situation. Vorab muss die Regisseurin im SPON-Interview allerdings eines klarstellen: Die Theatertreffen-Jury hat sich geirrt, "'The Situation' ist ... nicht meine beste Arbeit aus diesem Jahr." Aha, soso, aber huch, leider hat Spiegel-Redakteurin Anke Dürr nicht weiter nachgefragt. Dafür weiß sie aber, dass das Switching der Spieler*innen zwischen Englisch, Arabisch, Hebräisch und seltener Deutsch die Festival-Jurys (auch die für Mülheim, die Ronens Stück ebenfalls eingeladen hat) ganz schön in die Bredouille gebracht hat – eigentlich sollen doch nur "deutschsprachige" Produktionen ausgewählt werden. Nun, die Sinnhaftigkeit dieses Kriteriums im Jahr 2016 sollte man vielleicht doch noch mal überdenken? Zum Glück hat sich die Jury für diesmal drüber hinweggesetzt.

Aus anderen Gründen wundert sich Nachtkritikerin Elena Philipp darüber, dass diese leicht didaktisch daherkommende Ronen-Routiniade zum TT geladen ist. Vom Publikum allerdings wird Ronens gemischter Cast aus Gorki-Ensemblespieler*innen und Gästen herzlichst empfangen. Besonders gut unterhält man sich dank der Pointendichte im ersten Israelin-Palästinenser-Ehekrach-Pingpong-Teil, um Dimitrij Schaads halb autobiographischen Monolog wird es stiller. Und am Ende wurden jenseits der Bühne sogar noch (symbolische) Pässe verteilt:

 

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TT-Gastspiele "Ein Volksfeind" + "der die mann"

11. / 12. Mai 2016. Kein Bildschirmschoner-Theater, vielmehr Bildschirmbewohner-Theater (also Blogger, Selfies, Avatare) wird beim Duo Pucher / Dath serviert, findet die vom Zürcher Volksfeind insgesamt positiv eingenommene nachtkritik-Redakteurin Simone Kaempf – während ihre Kollegin Anne Peter verdrossen von diesem "Gadget-und-Buzzword-Dropping-Theater", das sich beim gut gelaunten Publikum mit jedem erwähnten "Klick", "Like", "Gefällt mir" zuverlässig Lacher abholt, unruhig auf ihrem Sitz herumrutscht. Theaterblogger Sascha Krieger hört den "Pauschalisierungshammer" durch die Luft sausen und Zuschauer Thomas Weiner vernimmt einen "Demokratie- und Medienekel, als sei's Pegida". In den Ohren der Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl klingt "das abendfüllende Online-Medienbashing und Doktor Stockmanns Demokratie-Ressentiments (...) seltsam vorgestrig, älter fast als in Ibsens Original", und auch die Mehrheit ihrer Berliner Kollegen winken gelangweilt ab.

Pucher Foyer c sleNachtkritiker Wolfgang Behrens, rechts am Tisch, wird leider nicht gefragt. Im Saal, vor der Übertragungsleinwand: Markus Scheumann © sleZum Höhepunkt der Multimedia-Session gibt's auch noch Mit-den-Füßen-Abstimm-Theater: Entweder bleibt man im Saal hocken und lauscht der Medienkritik des Helden Thomas Stockmann (dafür entscheidet sich in diesem Fall: die Mehrheit), oder man tapert dem Bruder Peter hinterher ins Foyer und darf dort – wenn man Glück bzw. Pech hat – auch noch seine Meinung ins vor die Nase gehaltene Mikro sagen. Fröhlich mit herum stehen unter anderem: Hamburgs Thalia-Intendant Joachim Lux und Ex-Hamburger-Schauspielhaus-Intendant (und Pucher-Manager) Tom Stromberg, der Robert Hunger-Bühler irgendwas Bejahendes zunuschelt. nachtkritik-Redakteur Wolfgang Behrens gibt's übrigens in tragender Statistenrolle: als schweigende Mehrheit.

Stefan Pucher schweigt auf seine Weise, indem er der komischen Theaternerd-Großversammlung lieber gleich ganz fernbleibt – "Stefan Pucher ist froh nicht hier zu sein, weil er Menschenmassen nicht mag", gibt die Zürcher Intendantin Barbara Frey bei der Trophäenverleihung zu Protokoll.

 

Derweil tobt in der (nicht mehr besitzsackten, sondern gartenbestuhlten) Volksbühne in Berlin-Ost ein Applaus-Orkan: Schätzungsweise 6 Minuten 17 Sekunden Applaus gibt es für der die mann und überschwängliche Standing Ovations für Herbert Fritsch – große "Volksbühne, wir lieben dich!"-Umarmung nach akrobatischen Höchstleistungen. Auch Fritsch umarmt die Volksbühne, "das schönste Theater der Welt für mich", in seiner Dankesrede mit all ihren Gewerken, den Technikern, dem Publikum, den Schauspielern vor allem: "Ihr seid die Blüte auf dem Ganzen drauf, ihr seid so toll ... Ich vergeh' vor Dankbarkeit." Schnief. Das mit der Trophäe hat allerdings auch Fritsch nicht so wahnsinnig ernst genommen:

Erst am nächsten Tag entpuppt sich die ganze Fiesheit der volksfeindischen Vermedialisierung im Festspielhaus: für das TT-Blog ist kein Internet mehr übrig ...

 

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TT-Gastspiele "Väter und Söhne" + "Tyrannis"

7. / 8. / 9. Mai 2016. Während das Berliner Heimspiel von Väter und Söhne mehr oder weniger bei geräuschlosem Wohlgefallen über die Bühne ging und man nach der Vorstellung lieber weiter über Beiers "Schiff" lästerte, ist die Betriebsbagage vor dem TT-Gastspiel von Ersan Mondtags mit höchsten Newcomer-Vorab-Lorbeeren (nicht zuletzt von unserem Kolumnisten Georg Kasch) ins Erwartungshoch gepeitschtem Ohne-Worte-Augen-zu-Stück Tyrannis äußerst gespannt auf das Kommende. Manch eine hat sich besonders präpariert:

Nach der Premiere am Sonntagnachmittag ist abermals Shermin Langhoff zur Stelle, um Lob auszuschenken – sie ruft dem an ihrem Haus ebenfalls engagierten Shootingstar (laut taz ausgebucht bis Ende 2020*) ein beherztes "Ersan! Respekt!" entgegen und gibt Bussibussi. Nach der zweiten Vorstellung allerdings braust ein Buh-Sturm durch die kostbar wenigen Zuschauerreihen, wie er lange nicht mehr vernommen ward:

TT-Bloggerin Lily Kelting möchte der Inszenierung gern den "WHAT THE FUCK WAS THAT"-Award verleihen und freut sich über "first pee on stage! Day 3!" – mit den Krassheiten eines Vegard Vinge, von dessen Prater-Kommune Mondtag zeitweise Teil war, hat das allerdings kaum etwas zu tun, hier geht man schließlich gesittet ins dafür bestimmte Badezimmer und lässt anschließend die Klospülung rauschen.

Mondtag übrigens trieb sich nach eigenem Twitter-Bekunden einen Tag vor seiner TT-Premiere noch (zitierstoffsammelnd?) zwischen den "Maientage"-Rummelbuden in der Hasenheide herum ("einer der wichtigsten Orte meiner Kindheit", Mondtag in der taz):

Das Publikumsgespräch zu "Tyrannis" am 9. Mai streift natürlich auch die Frage, wohin der Vater mit der Axt nur immer entschwindet, in den Wald, in den Keller? Jedenfalls in die einzig überwachungsfreie Zone. Zuschauerin und Schauspielkollegin Judith Rosmair tauft diese interpretationsfreudig den "Fritzl-Raum", während Mondtag darin (ist er ironisch, ist er nicht ironisch?) "das Unterbewusstsein der Europäischen Gemeinschaft" sehen möchte.

Unter den Kommentator*innen auf nachtkritik.de ist derweil schon ein heftiger Streit über die Inszenierung entbrannt, wobei die Buh-Rufer mit den Mondtag-Verteidigern durchaus gleichauf liegen. Die Berliner Kritik tut es ihnen gleich und ist sich gar nicht einig – auch die nachtkritik-Redakteure Dirk Pilz und Nikolaus Merck streiten sich vor der Kamera über Fremdes und Eigenes und das Maß an Langeweile, das man hat durchleiden müssen. Als Höhepunkt des Anti-Mondtag'schen Kunstrichtertums darf allerdings Gunnar Deckers Verdammung im Neuen Deutschland gelten – er ruft "mein Gott!" und konstatiert "einen neuen Tiefstand des ohnehin kaum mehr wirkliche Entdeckungen präsentierenden Berliner Theatertreffens".

(* Im Gespräch mit Radio Eins präzisiert Mondtag: "Ich habe bis 2020 Verabredungen, aber ich bin nicht komplett ausgebucht".)

 

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TT-Eröffnung mit "Schiff der Träume"

6. Mai 2016. Zum Start der großen Betriebssause Theatertreffen lässt Festspiele-Chef (und Nicht-Theatertreffen-Juror) Thomas Oberender in seiner Eröffnungsrede dezent durchblicken, wie das Festspiele-Team, das auch diesmal ein wohlbedachtes Diskurs-Veranstaltungs-Konglomerat um die zehn ausgewählten Inszenierungen gestrickt hat, der Jury quasi hinterherkuratiert: "Das einzige, was fehlt, ist eigentlich die Bürgerbühne aus Dresden. Deshalb haben wir sie eingeladen." Mit dem Gastspiel Morgenland, das im Kontext des "Arrival Cities"-Schwerpuktes im Rahmenprogramm läuft. Ui, eine "Entmachtung der Jury", wie Dirk Pilz (Berliner Zeitung) meint?

Auf Oberenders Rede und Monika Grütters Lob-der-Vielfalt-Entgegnung folgt Karin Beiers bei Kritik, Publikum und innerhalb der Jury umstrittenes Schiff der Träume vom Schauspielhaus Hamburg. Jurorin Barbara Burckhardt hatte den Abend im Vorfeld anlässlich der Auswahlverkündung als die Inszenierung benannt, für die sie am meisten brenne. Jurykollege Till Briegleb hingegen hatte in seiner Kritik der Hamburger Premiere die Frage gestellt, ob die Inszenierung nicht in "positiven Rassismus" kippe. Während Gorki-Intendantin Shermin Langhoff kurz vor Schluss der publikumsbeschimpfenden Lina Beckmann aus Reihe 7 ein "Bravo!" entgegenruft, hat die zweite Hälfte Ijoma Mangold (Literatur-Chef der Zeit) – mutmaßlich: weil unterirdisch – "wirklich sprachlos" gemacht, wie er dem Kollegen Jan Küveler (Die Welt), der schon zur Pause geflüchtet ist, im Nachgang per Facebook mitteilt:

Auch die Berliner Kritik stellt Beiers Inszenierung ein eher vernichtendes Zeugnis aus. Das Publikum hingegen amüsierte sich vor allem in der ersten Hälfte köstlich (Lina Beckmanns sprachfehlernde Service-Kraft Astrid bekam für ihren "Hummer-Caca..."-Versprecher sogar Zwischenapplaus) und klatschte am Ende herzlich, wenn auch nicht überschwänglich.

 

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Mehr zum Thema:

Alles zum Theatertreffen in der Festivalübersicht – Nachtkritiken, Kritikenrundschauen und mehr.

 

 
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