Workout für Melancholiker

von Christoph Fellmann

Basel, 12. Mai 2016. "Grass grows old", singt Thom Yorke auf dem neuen, übrigens fantastischen Album von Radiohead. Und er trifft in diesen drei Worten gleich zwei wesentliche Züge dessen, was man Melancholie nennt, nämlich die Kontemplation und die Ahnung des eigenen Todes. Beides prägt auch den Abend, den Sebastian Nübling und Ives Thuwis am Theater Basel unter dem Titel der "Melancholia", aber ohne Bezug zum gleichnamigen Film von Lars von Trier, entwickelt haben; bloß dass sich der deutsche Regisseur und der belgische Choreograf  wie von Trier musikalisch nicht an der Gegenwart der großen britischen Popmelancholie bedienen, sondern an deren Ursprung bei Großmeistern wie John Dowland, Robert Johnson oder Henry Purcell, also im 17. Jahrhundert.

Kontemplation und Todesahnung

Das Cetra Barockorchester Basel spielt die prachtvolle Barockmusik, wobei auch italienische und deutsche Komponisten von Monteverdi bis Vierdanck zum Zuge kommen, und sechs jüngere Solistinnen und Solisten singen die Lieder und Arien. Wie gut sie das machen, muss an dieser Stelle offen bleiben, denn der Schreibende ist als Kritiker notierter Musik unbedarft. Sehr schön und beherzt klang es jedenfalls, aber wenn fortan von anderem die Rede ist, hat das durchaus auch seine dramaturgische Richtigkeit. Denn ausschlaggebend für die Anlage und damit auch für das großartige Gelingen dieses Abends ist denn doch, dass es die neunzehn jugendlichen Performerinnen und Performer des Jungen Theaters Basel sind, welche die "Melancholia" in die Gegenwart holen. Gerade, was die Kontemplation und die Todesahnung betrifft.

melancholia1 560 sandraThen xLaut singen, damit das Gras nicht so schrecklich laut wächst. Sofia Pavone, Ensemble Junges Theater Basel © Sandra Then

Nicht nur, dass die agile Truppe mit ihrer schnell getakteten Bühnenpräsenz eine allzu beschauliche Lesebrillenlesart der Melancholie im Ansatz verhindert. Schon wenn der Countertenor Tim Mead mit Johann Jakob Froberger im ersten Stück die "Einsamkeit, du Qual der Hertzen" besingt, tanzen die Jugendlichen dazu ein Wimmelbild hormonell aufgeputschter Selbstdarstellung, einer sportiven Konkurrenz in den Disziplinen Sprint und Körbchengröße. Es ist ein großer Spaß, ihnen dabei zuzusehen; ein leiser Eindruck davon, dem Gras beim Verdorren zuzusehen, ergibt sich allerdings dadurch, dass sechs unter ihnen als jüngere Versionen der ebenfalls noch jungen Sängerinnen und Sänger auftreten. Treffen sie aufeinander, keimt tatsächlich so etwas wie Melancholie. Ach, Verderblichkeit der Jugend. Interessanter ist aber die Sache mit der Kontemplation.

Die Kontemplation wird weggeklickt

Denn die, deuten Nübling und Thuwis an, ist heute kaum noch zu haben. Also befinden sich die jungen Performerinnen und Performer über den ganzen Abend hin entweder in einem Bewegungsloop, der immer wieder an ein Workout erinnert, oder dann am Smartphone, mit dem sie sich und andere filmen, fotografieren oder mit melancholischer Musik aus dem 17. Jahrhundert zuballern. Das klingt hier vermutlich nun platter, als es auf der Bühne ist. Denn so wird nicht in erster Linie das digitale Egorauschen kritisiert – dafür wären nur schon die geschichteten und geschlauften Echos auf die hehre alte Musik viel zu schön, die Tobias Koch eingerichtet hat. So wird vielmehr gefragt, ob und wo sich die Melancholie überhaupt noch zeigt, wenn die Kontemplation weggeklickt ist.

melancholia2 560 sandraThen xPictures, or it didn't happen! Bryony Dwyer und das Ensemble © sandraThen

Doch tatsächlich, "Melancholia" findet sie. Im Zittern etwa, in das diese jungen Menschen immer wieder geraten, wenn sie der alten Musik begegnen; aber vor allem und immer wieder im Ungenügen und in der Erschöpfung. In den wuchtigen Choreografien, denen man noch den Drill ansieht und die dennoch oder gerade darum nie perfekt sind. In der Anstrengung der Performerinnen und Performer, gut und schön zu sein – was sie sind, aber gerne noch viel mehr wären. Im aufgesetzten Lächeln für das Selfie, an dem sie ein Leben lang zu üben haben werden. Vielleicht ist es Nübling und Thuwis hier tatsächlich gelungen, einer zeitgenössischen Melancholie auf die Spur zu kommen. Wo der traditionelle Melancholiker traurig wurde, weil seine Welt nie so gut war, wie sie hätte sein können, da werden diese Melancholikerinnen hier auch darum traurig, weil sie ihrem digitalen Abbild nicht genügen.

So hat dieser Abend immer dann seine besten, seine melancholischsten Momente, wenn die jungen Performer ans Ende ihrer Performance kommen. Wenn sie zeigen, wie sie das Interesse verlieren am nächsten Push Up, am leuchtenden Display, am Wimmelbild, das sie von sich selbst angefertigt haben. Und davonstampfen, ausrasten und "fuck" sagen. Oder einfach einen Basketball in die Wand knallen lassen. Es ist dann, als habe das Gras für einen Moment aufgehört zu wachsen.

 

Melancholia
von Sebastian Nübling und Ives Thuwis
Regie und Choreografie: Sebastian Nübling und Ives Thuwis, Musikalische Leitung: Andrea Marcon; Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Marion Münch, Licht: Roland Edrich, Sound: Tobias Koch, Video: Tabea Rothfuchs, Dramaturgie: Laura Berman, Uwe Heinrich, Dorothee Harpain.
Mit: La Cetra Barockorchester Basel, Junges Theater Basel, Bryony Dwyer, Nathan Haller, José Coca Loza, Tim Mead, Sofia Pavone, Giacomo Schiavo.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Koproduktion des Jungen Theater Basel mit dem Theater Basel

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Nübling und Thuwis sei es gelungen, "die Begegnung von Vergangenheit und Gegenwart eines Gefühlszustands spannungsvoll zu inszenieren", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (14.5.2016). Weder habe man "das Gefühl, dass Gestik und Affektenlehre des Barockzeitalters dem Bewegungsrepertoire der Heranwachsenden absichtsvoll unterlegt würden. Noch drängt sich der Tanz unbotmäßig in den Vordergrund. Die Schichten von 'Melancholia' verbinden sich so harmonisch, wie sie sich zugleich aneinander reiben." "Melancholia" sei "ein auf ganz eigene, leise, ja: schwermütige Weise packender Abend."

Alle "scheinen an einem Gesamtprojekt zu arbeiten, ihre Mühen auf ein Endprodukt zu richten, das alle Melancholie transzendiert", so Reingard Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (17.5.2016). "Doch einmal geht ein Tänzer über diese Grenze hinaus. Er stört den Fluss, greift klimpernd unschön in die Cembalotasten, gefährdet den Abend. Gleich indessen macht er wieder mit beim kollektiven Planerfüllen. Aber diese kleine Irritation genügt, um den neuralgischen Punkt der Gesellschaft wie des Theaters offenzulegen. Zeigt er doch, dass Individualismus nur so lange toleriert wird, wie er den von außen, hier von den Spielleitern verordneten Produktionszielen dient."

"Was die Musik an innerer Spannung aufbaut, vermisst man in der Ausdrucksskala und Körperspannung der Tanzenden", urteilt Martina Wohlthat in der Neuen Zürcher Zeitung (18.5.2016) Zu häufig bleibe es beim kuriosen Gewusel, beim Wiederholen von Bewegungsmustern. Immerhin: "Melancholie als Merkmal der Adoleszenz, als Folge auch des gesellschaftlichen Drucks, immer das perfekte, erfolgreiche Bild von sich zeigen zu müssen: Das ist gut beobachtet. Auf der Bühne ist eine Menge Scheitern zu sehen, ungeschützt und schmerzlich."

Der Abend sei locker gehäkelt und mache manchmal "die Nahtstellen und Löcher überdeutlich sichtbar", findet Sigfried Schibli in der Basler Zeitung (14.5.2016). Das Theater mausere sich zur pädagogischen Anstalt und lasse "die Kunst ein bisschen nebenher mitlaufen."

Der Abend stecke voller Gegensätze und voller Überraschungen, der auch ohne Handlungsstrang über zwei Stunden trage, so Jenny Berg in der Basellandschaftlichen Zeitung (14.5.2016). Eine "ungemein poetische" Tanzperformance sei hier entstanden, "die nicht nur von den Qualen des Erwachsenwerdens erzählt, sondern uns allen den Spiegel – nein: das Smartphone –vorhält."

 

 
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