Vergangenheit erben

von Veronika Krenn

Linz, 13. Mai 2016. "Wie zwei Veteranen im Morgengrauen, was?" sagt der 80-jährige Patriarch Stefan Riedl (Stefan Matousch) zu einem noch unsichtbaren Gesprächspartner. Es antwortet ihm nur die Katze mit einem metallischen Schnurren, das von Störgeräuschen einer defekten Lüftung stammen könnte. Die Drehbühne fährt unaufhörlich ihre Kreise, während der alte Mann in Katzenjammer ob seiner aufflackernden Erinnerungen an Krieg und Vertreibung verfällt. Es soll an diesem Abend, an dem acht Familienangehörige anlässlich seines Geburtstags zusammenkommen, nicht der einzige Katzenjammer-Moment bleiben.

Auftragsstück mit Nazi-Vergangenheit

Autor Christoph Nußbaumeder, bekannt für gesellschaftskritische Sozialdramen in der Tradition des kritischen Volksstücks, wurde vom scheidenden Schauspieldirektor des Landestheaters Linz Gerhard Willert beauftragt, das Stück zu dessen Abschiedsinszenierung zu schreiben. "Das Wasser im Meer" ist ein Kammerspiel in drei Akten, in dem der Patriarch seine drei Töchter samt Anhang zu sich ins idyllische Oberösterreich zitiert, um seinen finalen Gang anzukündigen – zurück in seine böhmische Heimat – wo der Freitod sein endgültiges Ziel wäre.

Das Wasser im Meer2 560 Christian Brachwitz uDie drei Schwestern (!): Anna Eger, Katharina Hofmann, Bettina Buchholz © Christian Brachwitz

Dass die Heimat des Vaters eine andere sein solle als Österreich, ihre eigene Heimat, ist für die Schwestern zuerst unbegreiflich. Seine Geschichte als Sudetendeutscher, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind aus Böhmen vertrieben wurde, war den Töchtern nur rudimentär bekannt. Der Umgang der Familienmitglieder mit den Enthüllungen, etwa über die Nazi-Vergangenheit der Großeltern, könnte unterschiedlicher nicht sein. Böse Zungen würden sich vielleicht dazu hinreißen lassen, von allzu konstruierten, voraussehbaren Gegen-Positionen der Figuren zu sprechen.

Slogans aus der Ratgeberliteratur

Anna Riedl, bedeutungsvoll gespielt von Anna Eger, ist die jüngste Tochter. Sie ist die furchtlose Revoluzzerin, die sich rückhaltlos in die Aufklärung des Familiengeheimnisses stürzt. Daraus gestärkt, mit vielen Erkenntnissen bewaffnet, verteilt sie Gaben ihres Wissens in mundgerechten Häppchen an andere. Als Autorin des titelgebenden Buches im Stück "Das Wasser im Meer" hat sie auch gleich die Deutungshoheit über das Gezeigte und liefert so manchen markigen Ratgeberspruch: "Wir werden aber nicht frei, wenn wir die Destruktion nicht ins Auge fassen", "Stark sein heißt nichts anderes, als auf der eigenen Schwäche zu beharren und zu fragen: Warum bin ich so schwach?" oder "Es gibt in unserem Körper ein Gedächtnis der Zellen, auch der Samen- und Eizellen, welches vererbt wird." Soll heißen, so lässt sich die Botschaft des Stücks deuten, dass das Zellengedächtnis der Familie vom Erlebten der Vorfahren determiniert ist und die zerrütteten Beziehungen der Töchter daher rühren.

Ein Beispiel dafür ist Bettina Riedl (Bettina Buchholz), die mittlere Tochter von Vater Riedl, die den Leih-Vater ihres ungeborenen Kindes (Georg Haffner gespielt von Georg Bonn) im Schlepptau hat. Ein weiteres "Opfer" Katharina Riedl (Katharina Hofmann), deren Ehe in den letzten Zügen liegt und deren Sohn aus früherer Beziehung glühender Parteigänger der FPÖ ist. Inflationär sondert er gar manch rechtsradikales Gedankengut ab, in seinem Knopfloch steckt die obligatorische Kornblume.

Zwischen Überzeichnung und Naturalismus

Nussbaumeder sammelt viel Material zusammen, das in seiner Fülle als "mehr von demselben" untergeht. Bühnenbildner Stefan Heyne lässt die Szenenflut in und um einen offenen Metall-Pavillon mit Lamellen-Vorhängen auf einer Drehbühne am Publikum vorüberziehen. Doch manchmal, wenn die Bühne steht, verharren die Bilder länger. Dido Victoria Sargent kleidet die Akteure in naturalistische Kostüme. Rätselhaft bleibt die Soundkulisse (Musik: Christoph Coburger), die vor allem zu Beginn jazzige Signalfetzen einspielt und damit wahllos akustische Markierungen zu setzen scheint.

Regisseur Gerhard Willert hat sich nicht so recht entschieden, ob er auf markige Überzeichnung oder Naturalismus setzen soll. Wobei der Schlusssatz des Stückes, aus dem Abschiedsbrief von Bettina Riedls Tochter Ina, eine deutliche Richtung vorgibt: "Ich gehe zurück, zum Ursprung der Tragödie und werde nicht wegschauen wie jemand, der den Schrecken im Spiegel sieht. Wenn ich wiederkomme, erzähle ich Euch davon. Erst dann können wir vergessen und weiterleben." Eigentlich ein Satz, der jedem zeitgenössischen Stück den Naturalismus schneller austreiben könnte als man "Naturalismus" sagen kann.

Das Wasser im Meer
von Christoph Nussbaumeder
Uraufführung
Inszenierung: Gerhard Willert, Bühne: Stefan Heyne, Kostüme: Dido Victoria Sargent, Musik: Christoph Coburger, Licht: Helmut Janacs, Dramaturgie: Franz Huber.
Mit: Stefan Matousch, Thomas Kasten, Anna Eger, Bettina Buchholz, Katharina Hofmann, Georg Bonn, Sebastian Hufschmidt, Peter Pertusini, Katharina Wawrik.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.landestheater-linz.at

 

 
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