Noch nicht aller Tage Abend

von Michael Isenberg

Berlin, 19. Mai 2016. Wenn es einen Ausdruck gibt, den man in diesen Tagen des Öfteren auf dem Theatertreffen, auf Podiumsdiskussionen, in Reden und Vorworten aufschnappt und der versucht, die gegenwärtige Situation, in der sich die Theater und die Gesellschaft befinden, zu beschreiben, so ist es wahrscheinlich der "Umbruch". Niemand wird bestreiten, dass im gegenwärtigen Europa einiges aus den Fugen geraten ist, doch wann oder wo dieser Bruch stattgefunden hat und wohin dieses ominöse "Um-" führt, will oder kann niemand so genau sagen. Die Rede vom "Umbruch" signalisiert angespannte Ratlosigkeit.

So ist auch die Haltung des diesjährigen Stückemarkts eher eine abwartende, sich selbst treu bleibend. Projekte und Stücke halten sich wie im Vorjahr die Waage – harrend im Ungewissen des Umbruchs, den allzu direkten tagespolitischen Bezug scheuend. In seinem eröffnenden Impulsvortrag mahnte Milo Rau, Jury-Mitglied des letzten Jahrgangs, zu einer gewissen Gelassenheit, auch wenn sie der Ruhe vor einem möglichen Sturm gleichkomme: "Natürlich, am Ende des Tages muss man Haltung beziehen, am Ende des Tages mag man gezwungen sein, ein Manifest zu unterzeichnen, in den Untergrund zu gehen oder jene zu unterdrücken, die der eigenen Meinung entgegenstehen", doch noch solle sich das Theater seine "Unvoreingenommenheit", seine "blanke Kindlichkeit" bewahren.

Texte in harten Zeiten

Man kann die Situation des "Umbruchs" natürlich auch weitaus pragmatischer sehen, wie Hans-Werner Kroesinger, der neben Árpád Schilling, Kathrin Röggla, Simon Stone und Stückemarkt-Leiterin Christina Zintl zur diesjährigen Jury gehört: "Wenn die Zeiten härter werden, werden die Texte und Projekte interessanter." Doch inwiefern schreibt sich die Gegenwart, mit all ihren Unsicherheiten und Ängsten, in die Texte hinein?

In dem Maße, wie die Vergangenheit verhandelbar, streitbar wird. Es ist bezeichnend, dass die meisten Stücke der diesjährigen Auswahl sich nur am Rande an politischen Oberflächenphänomenen der Gegenwart, im Kern aber an Umbrüchen der Vergangenheit, schlecht verheilten Wunden der europäischen, meist biographisch verknüpften Geschichte abarbeiten und sie ins Rampenlicht zerren – also jene "Bilder der Vergangenheit" zu greifen versuchen, die, nach Walter Benjamin, so gern vorbeihuschen, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

StueckemarktTT16 EineVersionderGeschichte1 560 Piero Chiussi uStückemarkt-Lesung: "Eine Version der Geschichte" von Simone Kucher, eingerichtet von Bettina Bruinier © Piero Chiussi

Wie in Simone Kuchers Stück "Eine Version der Geschichte", in dessen Zentrum ein dokumentarisches Tondokument steht, eine Phonographenaufnahme aus dem Ersten Weltkrieg: "Hore, adjev, lusin, atschka, anirnar, ritschole, andsrev ..." Einfache Wörter und Zahlen, auf Armenisch gesprochen, scheinbar zusammenhangslos aneinandergereiht, erschreckend banal. Dennoch lässt diese Aufnahme die Protagonistin des Stückes, Lusine, nicht mehr los. Ist die Stimme auf dem Band nicht die Stimme ihres Großvaters? Wo und wann wurde sie aufgenommen? Welche Geschichte verbirgt sich dahinter, hinter ihrer eigenen armenischen Herkunft? Kucher zeichnet in geschickt montierten Episoden die Suchbewegungen Lusines nach. Dabei gelingt ihr die Gratwanderung zwischen sensibler Figurenzeichnung und historischem Faktenwissen, ohne in Sentimentalität oder trockenen Dokumentarismus zu verfallen.

Jugend im postsowjetischen Kroatien

Dennoch bleibt das Stück mehr Hörspiel als Theatertext und lässt neuartige "literarische Strategien", wie die Jury zum Auftakt versprochen hatte, vermissen. Letzteres trifft auch auf den Festivalbeitrag von Dino Pešut mit dem verspielten Titel "Der (vor)letzte Panda oder die Statik" zu, eine klassische Coming-of-Age-Geschichte aus dem postsowjetischen Kroatien.

Die vier Charaktere des Stückes sind – wie der Autor selbst – 1990 in der Provinzstadt Sisak geboren, einem Ort, den sich auch ein Irvine Welsh nicht trostloser hätte ausdenken können. Zwischen Langeweile, Drogen, Sex und Liebe an der Peripherie eines austeritätswütigen Europas, in einem durch Kriege zerfurchten Land suchen sie gemeinsam nach Zusammenhalt und jede*r für sich nach einer eigenen Identität und Zukunft. Mit der Zeit lebt man sich aus- und gegeneinander und zehn Jahre später, als alle noch einmal für ein Klassentreffen in ihrer Heimat zusammenkommen, fehlt eine aus ihrer ehemaligen Bande, Ana, die Unangepasste ...

Leicht fliegen die Dialoge, Zeitebenen und Referenzen hin und her – die szenische Einrichtung von Friederike Heller und das gut aufgelegte Ensemble tun ihr Übriges – und man ahnt, dass dieser Text und sein Autor ihren Weg ins deutsche Stadttheater machen werden. Dennoch scheint es etwas zu hoch gegriffen, gleich von einer "besonderen Art des Sprechens und des Zuhörens" zu schwärmen, die vom Zuschauer verlangt, "eigene Sinnzusammenhänge herzustellen", wie Christina Zintl in ihrer Laudatio im Begleitheft des Stückemarktes schreibt.

Konfrontation mit dem Selbstbild

Während Kucher und Pešut also die Umbrüche lediglich auf inhaltlicher Ebene verarbeiten, formal und sprachlich aber auf vertrautem Terrain bleiben, erforschen die Arbeiten "TRANS-" von two-women-machine-show & Jonathan Bonnici (Dänemark) und "Metamorphoses 3°: RETORIKA" von Bara Kolenc und Atej Tutta (Slowenien), welche zerstörerische Wirkung Sprache in direkter Auseinandersetzung mit der jeweiligen Theatersituation entfalten kann – mal mehr, mal weniger überzeugend.

StueckemarktTT16 Trans 560 Lars Kjaer Dideriksen u"TRANS-" von two-women-machine-show & Jonathan Bonnici © Lars Kjaer Dideriksen

In der Performance "TRANS-" sitzen sich auf einer weißen Bühnenfläche Zuschauerinnen und Zuschauer in einem Kreis gegenüber. In der Mitte drei Performer und eine Performerin, die sich langsam aus einer Art Kokon entspinnen und zunächst den Raum, später die Zuschauer rundherum in zeremonieller Ernsthaftigkeit wahrnehmen und beschreiben. "Your foot is moving", "You are smiling" oder "You blink": Als Zuschauer und Zuhörer folgt man solchen Schilderungen, den Blicken, der greifbaren Spannung um einen herum, bis man selbst zum Gegenstand von Beobachtung und Beschreibung wird.

Zwischen Scham – warum ich? –, Provokation – wer spielt hier eigentlich mit wem? –, und Geltungsdrang – warum rücke ich schließlich wieder aus dem Fokus? – changieren Gefühle und Gedanken, bis zu dem Augenblick, an dem die Performer von der Beschreibung zur Interpretation übergehen und mich, in schonungsloser Übergriffigkeit, zum wehrlosen Objekt degradieren. Und auch wenn der Abend gegen Ende seinem eigenen Schematismus zum Opfer fällt, ist "TRANS-" einer der radikalsten und aufregendsten Beiträge des Festivals – und in der Abstraktion vielleicht sogar nah dran, eine Aussage über die politischen Umbrüche der Gegenwart treffen zu können.

Gegen Matratzenwände

Wie sehr hingegen eine Arbeit an den eigenen konzeptuellen Gedanken ersticken kann, beweist "Metamorphoses 3°: RETORIKA". Die Untersuchung dialogischen und rhetorischen Sprechens, lose anknüpfend an Ovids "Metamorphosen", angereichert mit zahlreichen philosophischen Anspielungen, Zitatfetzen politischer Debatten und dokumentarischem Textmaterial über die slowenische Transsexuelle Ljuba Prenner (1906-1977), bleibt gleichsam vielschichtig wie undurchdringlich. Hier und da blitzen starke Momente auf, etwa wenn die beiden Darstellerinnen auf der Bühne durch eine Wand von Matratzen hindurch kommunizieren oder eine Rednerin, eingekeilt von zwei sich gegenseitig anschreienden Performern, ihren eigenen Worten treu zu bleiben versucht.

StueckemarktTT16 AConciseHistoryofFutureChina1 280 Piero Chiussi uLesung "A Concise History of Future China" von Pat To Yan © Piero Chiussi

Ebenso enttäuschend und aufgrund der misslungengen szenischen Einrichtung (Philipp Preuss), die auf sprachlicher Ebene an einen Volkshochschulkurs Englisch erinnert, gleich doppelt ärgerlich ist das in seine eigene Einfälle verliebte und sich darin verlierende Stück "A Concise History of Future China" des 1975 in Hongkong geborenen Autors Pat To Yan, ein abgedrehtes Zukunftsszenario voller skurriler Figuren und Begegnungen. Im Zentrum des Stückes steht ein namenloser Außenseiter mit ominösem Auftrag, in einer Welt, die – wie sollte es anders sein – aus den Fugen geraten ist: "There are many spirits getting started on their journeys in this country at this turbulent time."

Unsichere Zeiten

Auf unterschiedlichen Migrationsrouten treffen Menschen, Roboter, Tiere, Geister, Schatten aufeinander, verstricken sich in austauschbaren Erinnerungen und möglichen Zukünften und gehen wieder auseinander. Am Ende wird der Außenseiter seinen Auftrag erfüllt haben. Doch es wartet auf ihn keine Erfüllung, sondern nur die Gewissheit der absoluten Ziellosigkeit – was auch die eigene Haltung als Zuschauer treffend beschreibt.

Und so bleibt insgesamt am Ende des Festivals die Unsicherheit und eine gewisse Ratlosigkeit spürbar, ob es jemals andere Zeiten gegeben hat und geben wird als Umbruchszeiten, und wie sich über die Gegenwart anders als über Umwege der Vergangenheit sprechen lässt. In seinem radikal konkreten Zugriff markiert "TRANS-" im Festivalkontext eine gewisse Ausnahme – aber auch ein Modell für die Zukunft des Schreibens? Es bleibt zu hoffen, dass das Theater noch etwas Zeit hat, bevor es erwachsen werden muss. Vor aller Tage Abend.

TRANS –
von two-women-machine-show & Jonathan Bonnici
Idee & Inszenierung: Jonathan Bonnici, Marie-Louise Stentebjerg, Inszenierung & Dokumentation: Ida-Elisabeth Larsen, Bühne, Kostüme und Licht: Hanna Reidmar, Lichttechnik: Kerstin Weimers, Ton: Santi Rieser
Mit: Jonathan Bonnici, Emma-Cecilia Ajanki, Piet Gitz-Johansen, Robert Logrell

Eine Version der Geschichte
von Simone Kucher
Einrichtung: Bettina Bruinier, Dramaturgie: Maximilian Löwenstein, Musik: Oliver Urbanski, Ausstattung: Mareile Krettek
Mit: Eva Bay, Felize Ovsepyan, Marie-Lou Sellem, Anne Ratte-Polle, László Imre Kish, Oliver Urbanski, Taner Şahintürk.

A Concise History of Future China
von Pat To Yan
Einrichtung: Philipp Preuss, Dramaturgie: Christina Zintl, Ausstattung: Ramallah Aubrecht
Mit: Lea Draeger, Sébastien Jacobi, Aleksandar Radenković, Felix Römer, Marie-Lou Sellem.

Der (vor)letzte Panda oder Die Statik
von Dino Pešut
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
Einrichtung: Friederike Heller, Dramaturgie: Sonja Anders, Ausstattung: Maria Ebbinghaus
Mit: Lisa Hrdina, Luise Aschenbrenner, Tilman Strauß, Christoph Gawenda.

Metamorphoses 3°: RETORIKA
von Bara Kolenc, Atej Tutta
Konzept und Realisierung: Bara Kolenc und Atej Tutta, Dramaturgie: Pia Brezavšček, Licht: Peter Pivar und Gregor Smrdelj, Ton: Jernej Černalogar und Jure Vlahovič, The Rumours Song Original Score: Matevž Kolenc, Maske: Anja Cojhter, Technische Unterstützung: Radovan Jaušovec
Mit: Bara Kolenc, Sanja Nešković Peršin, Rebeka Radovan, Matej Markovič, Jošt Pengov-Taraniš,
Andraž Zlobec.

www.berlinerfestspiele.de

 

Mehr zum Stückemarkt des Theatertreffens: Beim Auftrags-Pitch des Stückemarkts stellten die Autoren Textkonzepte in jeweils zehn Minuten vor. Mehr darüber von Michael Wolf.

 

 
Kommentar schreiben