Identität unterm Messer

von Peter Schneeberger

Wien, 16. April 2008. Lette ist hässlich, richtig hässlich. Der Elektrotechniker hat nicht nur einen kleinen Schönheitsfehler, sondern sein Gesicht ist derart entstellt, dass es noch nie jemand gewagt hat, Lette offen darauf anzusprechen. Erst, als er nicht auf einen Kongress fahren darf, um seine Erfindung zu präsentieren, rückt sein Chef andeutungsweise mit der Wahrheit raus. "Hat Ihnen das niemand gesagt?" – "Was?" – "Dass Ihr Gesicht nicht geht."

"Der Hässliche" nennt Marius von Mayenburg programmatisch seine kurzweilige Komödie, die im Jänner 2007 an der Berliner Schaubühne uraufgeführt wurde und mit der er seine Stammklientel arg überraschte: Ausgerechnet der gedankenschwere Familientherapeut unter den deutschsprachigen Autoren ("Feuergesicht") hatte sich mit dem kunstvoll gedrechselten Drama aufs glatte Parkett des Boulevardstücks gewagt.

Variation der romantischen Idee des Doppelgängers
Denn Lette zieht sich nicht in den Schmollwinkel zurück, als ihm endlich auch seine Frau gesteht, warum sie ihn in all den Jahren immer in die Augen, aber nie ins Gesicht geblickt hat. Er beschließt vielmehr, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. "Von Ihrem Gesicht, wie es jetzt ist, bleibt nichts mehr übrig", warnt ihn der Chirurg höflich. Doch Lette ist anstandslos bereit, "auf sein Gesicht zu verzichten." - Das Reizwort vom Identitätsverlust steht im Raum, und das Stück hebt ab in die Metaebene.

Denn auch im Wiener Schauspielhaus, wo "Der Hässliche" nun Premiere hatte, wird schnell deutlich, dass Mayenburg in seinem Text den romantischen Topos des Doppelgängers lustvoll variiert: Lettes Gesicht ist ein derartig großer Erfolg, dass sein Chirurg die wunderschöne Visage in Serienproduktion schickt. Schon bald begegnet Lettes Frau an der Bushaltestelle, im Supermarkt und im Park exakten Kopien ihres Mannes: Mayenburg zelebriert das Ende des Individuums im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit.

Was passiert, wenn billige Kopien auftauchen
So simpel es einerseits sein mag, die Schönheitschirurgie durch den Kakao zu ziehen, so verführerisch ist es andererseits, die vermeintlichen Ich-AGs der New Economy eines Besseren zu belehren. Kaum ist Lette hübsch, verändert sich sein Leben: 25 Frauen schlecken sich nach ihm die Finger ab, sein Gehalt schnellt in die Höhe, und sogar die Umsätze seiner Elektronik-Firma machen einen Sprung von 70 Prozent. Das surreale Glück freilich währt nicht lang: Der Überflieger fliegt hochkantig raus. Seine Klone sind billiger zu haben.

Dass das Chirurgenmesser der große Gleichmacher der Zukunft ist, hat zwar schon die TV-Serie "Nip/Tuck" ausführlich unter Beweis gestellt. Doch hat Mayenburg für den Stoff einen Twist ersonnen, der ihn einmal mehr als klugen Dramaturgen ausweist: Alle acht Rollen werden von bloß vier Schauspielern ausgeführt. Sie wechseln weder ihre Kleidung noch setzen sie sich Masken auf, selbst Lettes Gesicht sieht nach der Operation so wie vorher aus. Dass Mayenburg das Stück also in den Kopf des Zuschauers verlegt, macht "Der Hässliche" zu einem schillernden kleinen Theaterexperiment: Die Stilmittel der guten alten Verwechslungskomödie werden ironisch gebrochen.

Rollenwechsel und kein wie-als-ob
Statt versehentlich für jemand anderen gehalten zu werden, wechseln die Schauspieler tatsächlich ihre Rollen, und auch sonst gelten traditionsreiche Übereinkünfte zwischen Publikum und Bühne nicht mehr: Das Theater tut nicht länger so wie als ob. Nach 75 Minuten ist der Spaß vorbei – und Regisseur Marlon Metzen hat gut daran getan, die Figuren nicht zu psychologisieren: zu geradlinig ist die Handlung gebaut, zu geheimnislos ihre Metaphorik eingesetzt, zu konsequent ihre Symbolik durchdekliniert.

Am Schauspielhaus spielen Johannes Zeiler (Lette), Bettina Kerl (Lettes Frau Fanny), Christian Dolezal (Lettes Chef) und Vincent Glander (Lettes Assistent) die theatrale Versuchsanordnung auf einer fast leeren Bühne durch. Dass dem Team nur zwei Wochen an Probenzeit zur Verfügung standen, ist nicht zu übersehen. Während Dolezal reichlich Klamauk serviert, bleiben die übrigen Figuren des Stücks etwas farblos. Besonders den letzten, schwierigsten Szenen fehlt die Haupteigenschaft gelungener Komödienarbeit: Präzision.

Der Hässliche
von Marius von Mayenburg
Regie: Marlon Metzen, Dramaturgie: Constanze Kargl, Bühne: Sebastian Bauer.
Mit: Johannes Zeiler, Bettina Kerl, Christian Dolezal, Vincent Glander.

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

"Fast heiter", schreibt Barbara Petritsch in der Presse (18.4. 2008), wirke im Vergleich zu anderen Mayenburg-Stücken "Der Hässliche". Vielleicht läge das am leichten Ton der Inszenierung von Marlon Metzen, durch den "das Spekulative des Textes" deutlicher sichtbar werde. Der Plot wirke "aufdringlich auf Effekt konstruiert". "Was Mayenburg uns sagen will: Ohne gutes Aussehen kommt der gescheiteste Mensch heutzutage nicht weit. Verliert er aber auf der Karriereleiter emporkraxelnd jede Hemmung und gar auch noch sein Gesicht, dann ist auch seine Identität dahin. Was für eine Idee! Sie ist allerdings alt." Im nächsten Absatz allerdings lobt Frau Petritsch den Text als "flott". Was auch für die Inszenierung gelte. "Regisseurin Metzen hat Mayenburg den Säbelzahn gezogen. Womöglich ist er hohl?" Obwohl Christian Dolezal die anderen Schauspieler "an die Wand drückt", sei es immer wieder eine Lust, "den Schauspielhaus-Schauspielern in ihrer beweglichen, lockeren Authentizität zuzusehen. Diese Leute können gar kein Stück versenken."

 

 

 
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