Splitter im getakteten Alltag

von Andreas Thamm

Würzburg, 25. Mai 2016. Ein Kind zu haben, ist ein täglicher, asymmetrischer Krieg. Am Morgen muss alles reibungslos ablaufen. Das Anziehen, Jacke, Schuhebinden, zur Bahn gehen, aber nicht rennen. Nichts darf dazwischenkommen. Die Bahn eine Minute nach 6 ist schon zu spät, dann kann die junge Frau unmöglich noch pünktlich zur Arbeit im Krankenhaus erscheinen. Und Tarek ist schuld, mal wieder.

Überforderung als Normalzustand

Zwei Frauen, Claudia Kraus und Christina Theresa Motsch, spielen die junge Mutter in Tim Stefaniaks Inszenierung von Karsten Laskes Text. Laske hatte mit "Terrorkind" den Leonhard-Frank-Preis, also 4.000 Euro gewonnen, dazu die Uraufführung im Würzburger Mainfranken Theater. Es ist, zunächst zumindest, ein minimalistisches Theater. Zwei Frauen in krankenhausgrün, ein Vorhang in derselben Farbe, drei Neonröhren, mal sanft gedimmt, mal knallgrell. Die Konzentration steigert die Intensität der Auseinandersetzung mit einem Thema, das anrührt. Die namenlose junge Frau hat ein Problem. Das eigene Fleisch und Blut ist ihr ein Fremder.

Ihr Alltag ist streng getaktet, extreme Überforderung der Normalzustand. Die geschenkte Zeit ohne den Sohn so unendlich kostbar: Als die junge Frau zu spät zur Arbeit kommt, soll sie sich den Tag freinehmen. Sie schmiedet Pläne, die jäh zerschlagen werden: Terror in der S-Bahn, ein bewaffneter Mann dringt ein und wird von der Polizei erschossen.

"Regretting Motherhood", Terror, Syrien

Zu sehen ist davon auf der Bühne nichts. Nach wie vor stehen dort nur Claudia Kraus und Christina Theresa Motsch, die erzählen, einander ins Wort fallen, sich im Chor treffen. Es ist ein cleverer Griff, um auch die innerlichen Bewegungen der Mutter mit abzubilden, die im Kopf kreisenden Dialoge auf der Suche nach Erkenntnis: "Sind das Schüsse?"

Terrorkind 560a GabrielaKnoch uZwei, die eine sind: Claudia Kraus und Christina Theresa Motsch in "Terrorkind" © Gabriela Knoch

Autor Karsten Laske – Grimmepreisträger für die ARD-Doku "Damals in der DDR" – hat einen Text geschrieben, der nicht nur an sich hart ist, sondern sich zudem in Gegenwart suhlt: "Regretting Motherhood", Terror, Syrien. Dazu ist er Sieger des Wettbewerbs unter dem Titel "Angstfrei". Von einem moralischen Abend ist "Terrorkind" dennoch zum Glück weit entfernt. Dafür sorgt schon Stefaniaks Inszenierung, die verfremdende Effekte geschickt und gerade noch dosiert genug einsetzt, um die notwendige Distanz herzustellen.

Und dennoch ist der Text so kraftvoll – teilweise pathetisch im besten Sinn –, dass er anrührt: "Seinen Gürtel schließt er, mein Knabe, mein Kind, bereit zur Detonation." Die Mutter nämlich bringt alles durcheinander. Das Erlebte, der Amoklauf, ist ein wandernder Splitter in ihrem Dasein. Alle Erzählung, die daran anschließt, ist postmodern zerfasert: Die Zukunft der Frau ist fragmentiert in Möglichkeiten: Polizeidienststelle, Fernsehstudio, Therapie. Eine entsetzlicher als die andere, nichts real, alles Wahn. Der Satz "Manchmal glaube ich, mein Leben ist überhaupt nur hypothetisch" ist programmatisch zu verstehen.

Turnen, stolpern, tanzen

In Teilen verabschiedet sich die Inszenierung im Laufe des kurzen Abends von ihrem Minimalismus, bricht aus dem kompakten Rahmen aus. Schauderhaft, wie die beiden Frauen durch den Wald tappen, auf der Suche nach Tarek. Andere Regieentscheidungen wirken zu gewollt, überironisiert: In der Festnahme durch die Polizei karikieren Kraus und Motsch in Gestus und Musik Action-B-Movies der 60er- und 70er-Jahre. Auf der Suche nach einer neuen Definition ihres Selbst jongliert die junge Frau mit abstrakten Komplexen – Freiheit! Individualität! – und verzettelt sich in Klischees: "Die Sehnsucht verzehrt mich, frisst mich auf..." Das mag bewusst gewählt sein, bringt aber trotzdem keine Erkenntnis.

Nichtsdestotrotz ist es eine Freude, den beiden jungen Schauspielerinnen dabei zuzusehen, wie sie sich durch die Möglichkeiten einer Fortexistenz spulen: "Nein! zurück!", "Nein, anders!" Bei Kraus und Motsch wird aus dem Ringen mit der Verzweiflung auch mal ein Turnen, ein stolpernder Tanz, auf der Suche nach der Möglichkeit eines Umgangs mit dem "Kind, der Kröte, dem Klotz am Bein". Zum Glück hat so eine Krankenschwester genug Instrumente zur Hand, um sich selbst ein Happy End zurechtzuoperieren. Wenn es denn Bestand hätte.

 

Terrorkind (UA)
von Karsten Laske
Regie: Tim Stefaniak, Bühne: Anika Wieners, Kostüm: Veronica Silva-Klug, Dramaturgie: Roland Marzinowski, Musik: Jens Mahlstedt.
Mit: Claudia Kraus, Theresa Motsch.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theaterwuerzburg.de

 

Kritikenrundschau

Einen "ganz starken Theaterabend" hat Manfred Kunz für die Main-Post (27.5.2016) erlebt. In seinem "hochpoetischen Text" nehme Karsten Laske "die Zuschauer mit auf eine dramatische Achterbahnfahrt durch das Innenleben einer Mutter, in deren Kopf die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit sich immer mehr verwischen." In seiner "temporeichen, durch die kluge Sound-Untermalung von Jens Mahlstedt mal vorangetriebenen, mal zum Innehalten gebrachten Uraufführungsinszenierung" halte Tim Stefaniak "geschickt die Balance zwischen erlebter und eingebildeter Bedrohung." Er zeige "durch die Aufspaltung der Mutterfigur und deren jeweils unterschiedliche Reaktionen in der gleichen Situation, die Bandbreite möglichen Verhaltens; aber zugleich auch, wie schmal der Grat sein kann, auf dem das gründet, was gemeinhin Identität genannt wird."

Michaela Schneider von den Nürnberger Nachrichten (3.6.2016) Das an sich schon nahe gehende Stück gewinne durch Tim Stefaniaks zugespitzte, vom Hochdramatischen bis ins Slapstickhafte reichende Inszenierung an zusätzlicher Kraft. Das Beklemmende und "letztlich Herausragende der Inszenierung" sei: "So überzogen, so wahnsinnig Laskes 'Terrorkind'-Mutter sein mag, spiegelt das Drama zugespitzt eben doch Situationen und Gefühle, Ängste und Gesellschaftszwänge, die sehr greifbar sind, doch meist unausgesprochen bleiben."

 

 
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