Und es gibt doch ein Happy-End!

von Kai Bremer

Osnabrück, 27. Mai 2016. Die Geschichte der DDR-Kinder von Namibia kennt kein Happy End. Im Dezember 1979 kamen sie auf Betreiben der SWAPO in die DDR. Hier sollten sie zu strammen Pionieren und dann Widerstandskämpfern und politischen Eliten für ihre Heimat herangezogen werden. Als die DDR zusammenbricht, bedeutet das das Ende des Programms und die Kinder werden Hals über Kopf in ihre vermeintliche Heimat gebracht.

Gernot Grünewald, der in den letzten Jahren schon mit zahlreichen Recherche-Projekten überzeugen konnte, hat sich zusammen mit Sandy Rudd, der künstlerischen Leiterin des National Theatre of Namibia, diesem eher unbekannten Teil der jüngeren deutschen Geschichte angenommen – unbekannt zumal im Westen der Republik, wo das Stück zu dieser Geschichte gestern im emma-Theater Osnabrück Premiere hatte, ehe es nahe seiner ehemaligen Schauplätze in Güstrow und Staßfurt und dann auch in Namibia zu sehen ist.

oshi 560 UweLewandowski uDie DDR-Kinder von Namibia im Osnabrücker Recherche-Projekt: mit Sabrina Kaulinge
© Uwe Lewandowski

Isolation im Jagdschloss Bellin

Erzählt wird weitgehend chronologisch vor allem von der Zeit im Jagdschloss Bellin, das als eine Art Internat für die Ausbildung der Kinder genutzt wurde und wo die angehenden Revolutionäre kaum Kontakt zur restlichen DDR hatten. Sprossenwände rahmen die Bühne (Michael Köpke), zahlreiche weitere Turnrequisiten machen deutlich, dass die Jugendlichen nicht nur in die spießbürgerliche Pünktlichkeit des realexistierenden Bürokratismus eingenordet, sondern zugleich physisch auf den Befreiungskampf vorbereitet werden sollten.

Geschildert wird das mal in Gestalt von Dialogen, die auf Gespräche teils mit ehemaligen Erziehern in Bellin, teils mit den ehemaligen Bewohnern dort zurückgehen. Medial gespiegelt wird die Geschichte in Fernsehern, die auf dem Bühnenboden verteilt sind und auf denen historische Szenen oder live vor einer Videokamera gesprochene Kommentare zu sehen sind. Auch das Zusammenspiel der Schauspieler – fünf Jugendliche, drei Mitglieder des Osnabrücker Ensembles und drei Gäste aus Namibia – ist überzeugend choreographiert und dekliniert die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten durch. Zudem wird der Abend von den beiden am hinteren Rand sitzenden Musikern Elemotho und Samuel Batola begleitet. Vor allem der immer wieder angestimmte, ungemein eingängige Song "Sidiegi" verbindet dabei die einzelnen Szenen zu einem sehr gefälligen Ganzen. Alle wesentlichen Themen – die Sehnsucht nach den Eltern etwa, Gewalt im Heim, latenter Rassismus der Ausbilder, aber auch glückliche Momente wie die Weihnachtsfeiern – werden dargestellt.

Was ist Heimat?

Gleichwohl wird rasch deutlich, dass das handwerklich überzeugende Zusammenspiel der Schauspieler und Medien eine Frage mehr streift, als dass es sie stellt, nämlich: "Wer ist wir?" Oder etwas abstrakter gesprochen: "Was ist Identität?" Grünewald und Rudd lassen die Schauspieler immer wieder an Mikros vor das Publikum treten und Texte sprechen, die ihnen über die Kopfhörer, die sie tragen, vorgesagt werden. So wird von Beginn an deutlich Distanz zwischen den Figuren und ihren Darstellern erzeugt und so wird die Aufmerksamkeit auf das fokussiert, was gesagt wird. Das sind vor allem Zuschreibungen, die die Jugendlichen erfahren. Ihnen wird gesagt, dass Namibia ihre Heimat sei, ohne dass sie sich an das Land erinnern können und dessen Sprache sprechen und obwohl längst das Internat ihr Lebensmittelpunkt ist.

oshi 560a UweLewandowski uFäuste in die Höh! Das Ensemble in Pionierpose © Uwe Lewandowski

Brutal ist die Geschichte der Kinder besonders deshalb, weil sie selbst nach ihrer Rückkehr nach Namibia die Anderen bleiben, da sie Oshi-Deutsch sprechen, eine Mischung aus Deutsch, Englisch und Oshivambo, der Sprache der Eltern. Grünewald und Rudd thematisieren all das durchaus, aber letztlich ist ihnen wichtiger, die Geschichte facettenreich darzustellen, so dass nur eine Ahnung davon bleibt, was es für Menschen bedeutet, wenn ihr Leben ein unendliches Dazwischen ist und die Rückkehr nach Namibia keine hollywoodtaugliche Heimkehr.

Zuletzt stehen nur noch drei der fünf Jugendlichen auf der Bühne. Im Scheinwerferkegel erzählen sie, dass sie die Geschichte ihrer Mütter dargestellt haben und wie sehr sie diese lieben und bewundern. Mit diesem Ausbruch in die Gegenwart, unterstützt vom noch einmal angestimmten "Sidiegi", wagen Grünewald und Rudd schließlich trotz allem das Happy End. Beim einsetzenden Schlussapplaus hält es die glücklichen wie stolzen Mütter nicht mehr in ihren Sitzen, sie stürmen auf die Bühne in die Arme ihrer Kinder und verwandeln das Recherche-Projekt in ein großes Familienfest. Und weil sie die eigentlichen Heldinnen des Abend sind, ist es nur folgerichtig, dass sie nun dort stehen, wo eben noch von ihnen erzählt wurde.

 

Oshi-Deutsch. Die DDR-Kinder von Namibia.
Von Gernot Grünewald, Sandy Rudd
Uraufführung
Regie: Gernot Grünewald, Sandy Rudd, Bühne: Michael Köpke, Kostüme: Cynthia Schimming, Musik: Elemotho, Samuel Batola, Dramaturgie: Ndinomholo Ndilula, Marie Senf.
Mit: Adam Eiseb, Helouis Goraseb, Anne Hoffmann, Sabrina Kaulinge, Rébecca Marie Mehne, Oliver Meskendahl, Beatrix Munyama, Ndinomholo Ndilula, Shakira Ntakirutimana, Gia Shivute, Mbitjita Tjozongoro.
Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten.

http://www.theater-osnabrueck.de/

 

Kritikenrundschau

"Der eindreiviertelstündige Theaterabend erzeugt trotz alledem eine Mischung aus tiefem Mitgefühl, Bewunderung für das, was mit Laien erreicht wurde – und reservierter Distanz, weil das ungewohnt wenig Verdichtete in Erzähl- und Spielweise unbefriedigt lässt", schreibt Christine Adam in der Neuen Osnabrücker Zeitung (30.5.2016). Doch das Publikum habe die hochengagierte deutsch-namibischen Koproduktion mit Standing Ovations aufgenommen.

"Voll Sympathie folgt das Osnabrücker Publikum der Recherche; und wird sich gewiss ganz eigene Gedanken machen über den Alltag gegenwärtiger Kinder-Flüchtlinge in der allernächsten Nachbarschaft", so Michael Laages in der Sendung "Kultur Heute" vom Deutschlandfunk. "Die besonderen Herausforderungen für das namibisch-deutsch-gemischte Ensemble stehen aber noch bevor - eine Gastspiel-Serie in Namibia, weil das Goethe-Institut wie das "College of the Arts" in Windhoek zu den Förderern des Projektes gehören; zuvor aber an den Orten des Geschehens: in Staßfurt, in Güstrow."

 

 
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