Der Imam ist S-Klasse, Alter!

von Matthias Schmidt

Halle, 29.05.2016. Das war so nicht zu erwarten: dass es ein über weite Strecken recht heiterer Abend werden würde. Wenn ein Stück "Djihad Paradise" heißt, liegt eigentlich – darf man so sagen? – mehr Sprengstoff in der Luft. Und eine Portion Angst vor zu viel Pädagogik. Aber es ist gut so. Vielleicht ist das sogar der einzige Weg, diese Geschichte – basierend auf dem erfolgreichen Jugendbuch von Anna Kuschnarowa – über zwei deutsche Jugendliche, die zu Gotteskriegern werden, auf der Bühne zu erzählen: Als Adoleszenz-Geschichte mit ernsten wie komischen Momenten, als weitgehend undidaktisches Roadmovie, Wolfgang Herrndorfs "Tschick" durchaus verwandt.

So riecht der Westen

Ganz ohne Sprengstoff geht es natürlich nicht ab, denn so beginnt die Geschichte: Julian, der sich jetzt Abdel nennt, steht vor dem Berliner Einkaufszentrum Alexa. Er trägt einen Sprengstoffgürtel und zählt die letzten zehn Sekunden seines Lebens herunter. Auf "die Zehntausend-Düfte-Kakophonien mit einer Kotbasisnote vom öffentlichen Klo", auf den verhassten Westen, seine Dekadenz und seine Gerüche: "So riecht der Westen, genau so!" Ein Mädchen erscheint, Romea. Auch sie ist offenbar zum Islam konvertiert, trägt ein Kopftuch. Sie versucht, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Als er bei zwei ist, beginnt die Rückblende.

Eine Rückblende in Romeas und Julians frühere Leben. Er Unterschicht, zweimal sitzengeblieben, der Vater Trinker auf Hartz IV. Sie aus besseren Kreisen, von den Karriere-Eltern mit Chinesisch-Kurs und Reiten und Leistungsdruck förmlich erdrückt. Zwei, die ausbrechen wollen, die ein ungleiches Liebespaar (siehe Shakespeare) werden und nacheinander (er, weil er Halt sucht, und sie schlicht, weil sie ihn liebt) in die Fänge salafistischer Fanatiker geraten.

Was steht denn nun drin im Koran? © Anna KolataWas steht denn nun drin im Koran? © Anna Kolata

Regisseur Ronny Jakubaschk schwelgt lustvoll in den Klischees der verschiedenen Welten. Alles leicht überzeichnet, in Spiel und Kostüm und Ausstattung dosiert auf Pointe getrimmt. Wie auch die verschiedenen Sprachebenen, die Anna Kuschnarowa ihren Figuren mitgibt. "Der Imam ist S-Klasse, Alter", spricht Konvertit Murat Julian an. Und in den Szenen mit Romeas Eltern werden nicht wenige Zuschauer so herzhaft lachen, weil sie diese Art von Sorgen des Mittelstandes nur allzu gut kennen. Dass daraus tatsächlich Terror werden kann, bleibt ohnehin ein Rätsel.

Keine plumpen Belehrungen

Die Bühne dreht sich von einem Handlungsort zum nächsten, und mit jedem kommt das Ungeheuerliche näher. Die Kunst der Inszenierung besteht darin, dass alle Beteiligten auf diesem Weg karikiert werden, was zu anfangs erwähnter Komik führt. Julians Hartz-IV-Vater ebenso wie Romeas Helikopter-Eltern, die Salafisten, die das Liebespaar in den Strudel des Fanatismus hineinziehen ebenso wie die zahlreichen Statisten, die ihnen am Wegesrand begegnen (herausragend: Frank Schilcher als deutscher Drogen-Dealer, ägyptischer Taxifahrer und amerikanischer Islamist). Das vermeidet falsches Mitleid und simple Schuldzuweisungen, denn erstens steht fest, was nicht entschuldbar ist, und zweitens ist eine solche Radikalisierung mit menschlichem Ermessen ohnehin nicht nachzuvollziehen. Zwei 16jährige, die in den Heiligen Krieg gegen ihre Heimat ziehen? Ja, gibt es, aber kann man auf einer Theaterbühne wirklich erklären, woher solcher Hass kommt? Nach dem Motto "schwere Kindheit führt zu Extremismus"? Eher nicht.

Raffiniert ist die Idee, dass einige Schauspieler jeweils mehrere Rollen spielen. Romeas Eltern etwa tauchen als der Imam und die Muslima Shirin wieder auf, bei denen Romea nach der Flucht von ihren Eltern in der Moschee unterkommt, und werden dadurch quasi zu ihrer Ersatzfamilie. Was Romeas Hinwendung zum Islam etwas glaubwürdiger macht. Dito bei Julian, der derart in Alexandria seinen Vater wiedertrifft – als Koran-Lehrer. Wenn das Stück eine Botschaft vermitteln will, dann findet sie sich – relativ unauffällig – darin: kümmert euch selbst und überlasst die Jugend nicht den falschen Kümmerern! Und glaubt, wie Romea, nicht alles, was man euch aufschwatzt. Sie ist das pädagogische Medium der Inszenierung, bleibt immer kritisch, studiert den Koran, erkennt ihren Irrweg eher als Julian. Deutlich hebt sie hervor – ohne plump zu belehren – wo Glauben aufhört und Blindheit beginnt. Ebenso klar distanziert sie sich von Intoleranz und Rassismus. Alles eine Frage der Bildung? Ja. In Halle kann man sich das erschließen, überstrapaziert wird es glücklicherweise nicht. Julian (Paul Simon) ist nicht als unsympathischer Loser und Bösewicht angelegt, Romea (Marie Scharf) nicht als Gutmensch und Retterin.

Zum Ende hin dreht sich die Bühne immer öfter, immer schneller. Alles dreht sich! Romea kehrt zurück zu ihren Eltern, Julian wird zum Dschihadisten ausgebildet. Er bekommt einen Auftrag, sie erfährt davon. Er ist bereit zu sterben, sie will es verhindern. Zu spät. Noch zehn Sekunden. Nach dem Knall ist Schluss. Zeit zum Nachdenken.

 

Djihad Paradise
von Anna Kuschnarowa. Fassung von Ronny Jakubaschk
Regie: Ronny Jakubaschk; Bühne und Kostüme: Annegret Riediger; Musik: Bastian Bandt; Dramaturgie: Sophie Scherer.
Mit: Karl-Fred Müller, Max Radestock, Marie Scharf, Frank Schilcher, Paul Simon, Florian Stauch, Lena Zipp.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

buehnen-halle.de

 

Kritikenrundschau

Die ganze Inszenierung sei sehr gut gelungen und habe Tempo und Witz, findet Stefan Petraschewski, Theaterrredakteur bei MDR-Kultur (29.5.2016). "Der Regisseur Ronny Jakubaschk beherrscht souverän seine Mittel – und die Schauspieler – gerade auch die beiden Hauptdarsteller Paul Simon und Marie Scharf, die beide noch in der Ausbildung am Studio sind, machen eine gute Figur."

 
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