Edward Snowdens Geistesschwestern

von Leopold Lippert

Wien, 31. Mai 2016. Im kleinen Wiener Theater Akzent wartet eine sterile Multifunktionskulissenwand (Bühne: Mihai Păcurar), aus der allerlei Schubladen, Klappsitze, Zwischenwände und eine Drehtür platzen. Davor stehen sechs Schauspieler*innen in unzähligen Rollen und erzählen, wie aus ganz normalen Angestellten sogenannte "Whistleblower" wurden, die sich alleine gegen ein ungerechtes System stellten. Sie sind zwar nicht so berühmt wie Edward Snowden, aber sie sind nicht weniger couragiert. Sie tragen unscheinbare Business-Outfits in Blau- und Grautönen und weiße Ärztekittel. Sie berichten vom scheinbar aussichtslosen Kampf des Individuums gegen die Windmühlen der Bürokratie, gegen Korruption und Vertuschung in der Justiz. Und sie ächzen unter den persönlichen Entbehrungen, die das Aufstehen für die gerechte Sache mit sich gebracht hat.

Die Geschichten, die Regisseurin Gianina Cărbunariu für "Gewöhnliche Menschen" – eine Produktion des rumänischen Teatrul National Radu Stanca Sibiu, die im Rahmen der Wiener Festwochen gezeigt wird – recherchiert hat, sind, zumindest in ihren Grundzügen, real. Und sie sind erschreckend: Die "gewöhnlichen Menschen" machen sich an die Aufdeckung der Misshandlung von Demenzpatienten in einem staatlichen Altenheim; der Bestechungspraktiken europäischer Firmen in Saudi-Arabien; der aus öffentlichen Geldern bezahlten Nicht-Arbeit von Ärzt*innen im britischen Gesundheitswesen; oder der Korruption in der rumänischen Autobahnverwaltung. Für die meisten Whistleblower geht ein oft jahrelanger Prozess des Aufbegehrens mit gesundheitlichen Schäden (Krebs, Gürtelrose, massiver Gewichtsverlust) einher. Am Ende steht die erschöpfte und reichlich melodramatische Erkenntnis: "In diesem System ist es egal, ob du gewonnen oder verloren hast!"

"Wie sollen wir reagieren?"

Bloß: Das ganze ist dramatisch etwa so interessant wie ein Notizblock. Regisseurin Cărbunariu hat die Whistleblower alle interviewt und hat sich, so scheint es, akribisch Aufzeichnungen gemacht, denn diese werden nun Fakt für Fakt, Detail für Detail, chronologisch abgehakt. Zwischen den einzelnen Sequenzen überfordert ein laut knarzender Bass die Tonanlage – und schon geht's weiter mit dem nächsten Fall. "Gewöhnliche Menschen" ist kreuzbraves Dokumentartheater, verzweifelt aufgepeppt mit moralinsaurem Schicksalspathos ("Ich habe eine Kraft in mir gefunden, von der ich nicht wusste, das ich sie habe!"), stolzem Authentizitätsheischen (Videoeinspielungen der "echten" Whistleblower), und Regieeinfällen vom Typ "Ich laufe mal ins Gegenlicht, dann wird mein Schatten größer". Dazu kommt die plumpe Hinweisschildsymbolik im Hintergrund: Einbahnstraße! Hände (in Unschuld?) waschen! Baustelle!

gewoehnliche menschen 2 560 c Sebastian Marcovici uSchemenhafte Whistleblower © Sebastian Marcovici

Dummerweise bleiben auch die politischen Setzungen des Stücks ziemlich unterkomplex. Bei all der mitfühlenden Fokussierung auf die Individuen sind Cărbunarius Einsichten in die strukturellen Dimensionen des Aufdeckens eher simpel: Die Whistleblower sind gut und integer, die Institutionen schlecht und korrupt. Und wir alle hängen da irgendwie mit drin, denn knifflige ethische Fragen werden sogleich an die Zuschauer*innen weitergereicht: "Wie sollen wir darauf reagieren?", fragen die Whistleblower am Anfang ihrer Entdeckungen ratlos und zeigen dabei energisch mit dem Finger in die ersten Reihen. Das Publikum allerdings, es reagiert nicht, es dämmert bloß stoisch vor sich hin. Beinahe schon verzweifelt spielen die Schauspieler*innen auf Pointe (besonders gerne sagen sie etwas mit "Scheiße"), doch das Lachen bleibt meist aus, und Leerstellen klaffen auf.

Gianina Cărbunariu sei, so die vollmundige Ankündigung auf dem Programmzettel, das "Enfant terrible" des zeitgenössischen rumänischen Theaters. Der Ruf ist mit diesem Abend wohl verloren.

Oameni obişnuiţi/Gewöhnliche Menschen
Konzept und Inszenierung: Gianina Cărbunariu, Bühne, Kostüme und Video: Mihai Păcurar, Musik: Bogdan Burlăcianu, Videodokumentation Veioza Arte (Tania Cucoreanu, Andrei Ioniţă).
Mit:
Florin Coşuleţ, Mariana Mihu, Ioan Paraschiv, Ofelia Popii, Dana Taloş, Marius Turdeanu.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Führt diese Whistleblowerstudie zwar nicht weit über eine faktische Rekapitulation hinaus, so enthält sie doch ein stabiles Fundament für spannendes Dokumentartheater", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (1.6.2016). Allerdings beklagt sie auch die Schwäche, über das bloße Herzeigen der Missbrauchsfälle nicht hinauszudenken. "Gianina Carbunariu (...) bräuchte für ihre guten Ideen mehr dramaturgische Unterstützung."

Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (6.6.2016) schreibt: "Wie so oft schafft es das sogenannte dokumentarische Theater auch hier nicht, über die brav aufgezählten Fakten hinaus etwas zu vermitteln. Wir können dazu nur nicken: Ja, die Welt ist schlecht." Nicht jeder Skandal gehöre auf die Bühne und nicht jedes reale Drama verwandele sich automatisch in Dramatik.

 
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